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Verkehrsüberwachung:Zwangspause am Knotenpunkt

Bei den Kontrollen in Oberschleißheim wird auch deutlich, unter was für einem Druck viele Lkw-Fahrer stehen.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Zu kurze Ruhezeiten, zu viel Ladung und zu schnell unterwegs: Mit einer Lkw-Kontrolle auf der B 471 bei Oberschleißheim beteiligt sich die Münchner Verkehrspolizei an einer europaweiten Aktion.

Der blaue Gurt sticht Danilo Heym sofort ins Auge. Der Polizeihauptmeister hatte zuvor einige der Spanngurte am Lastwagenanhänger bemängelt, weil sie kleine Stellen hatten, die anfingen sich aufzuribbeln. "Den hat der Fahrer jetzt ausgewechselt, der ist ganz neu", sagt Heym zufrieden und deutet auf den blauen Gurt, der jetzt hilft, die drei geladenen Autos zu sichern. Der Lastwagen aus Niederbayern ist einer von vielen, die am Mittwoch an der B 471 bei Oberschleißheim von der Polizei herausgewinkt werden.

Am Haltepunkt an der Regattastrecke findet an diesem Mittwochvormittag eine Kontrolle des Schwerlastverkehrs statt. Sie ist Teil einer konzertierten, europaweiten Aktion, die alljährlich vom europäischen Netzwerk der Verkehrspolizeien Tispol (Traffic Information System Police) initiiert wird.

Drei Polizeiwagen stehen in der Parkbucht, zwei Teams in gelben Warnjacken sind damit beschäftigt, die Unterlagen der Lkw-Fahrer und die Fahrzeuge selbst zu überprüfen. Björn Schlesinger ist bei der Verkehrspolizei im Polizeipräsidium München Leiter der Dienststelle, deren Aufgabe die Überwachung des gewerblichen Kraftverkehrs ist. Solche Kontrollaktionen finden zeitgleich in Tschechien und Frankreich statt, einige andere Bundesländer beteiligen sich. Die Aktion läuft von 6 Uhr am Mittwoch bis 6 Uhr am Donnerstagmorgen und umfasst auch einige Kontrollstellen im Stadtgebiet München.

An der Regattastrecke hält die Polizei Lastwagen von in der Frühe bis Mittag an, stichprobenartig, wie Schlesinger sagt. Er steht vor einem roten Lkw, an dem die Polizisten einiges auszusetzen haben: Ein Riss in der Windschutzscheibe und noch dazu ist die Frontscheibe zugeklebt. "Das haben wir den Fahrer alles rausrupfen lassen", sagt Schlesinger, denn die Sicht werde dadurch erheblich eingeschränkt.

Das gilt auch für den roten Samtvorhang mit Troddeln an der Fahrerseite. Dieser müsse zurückgezogen sein, sonst habe der Fahrer keinen freien Blick mehr zur Seite. Ein zweiter Lastwagen wird auf den Parkplatz dirigiert. Die Polizisten lassen sich alle Papiere zeigen und lesen das digitale Kontrollgerät aus, früher bekannt als Fahrtenschreiber. Die Polizisten nehmen die Karte heraus und sehen sich im Wagen an ihrem Rechner die Daten an.

"Das ist kein Kavaliersdelikt, das sind Straftaten."

Bis zu 28 Tage zurück überprüfen sie die Fahr- und Lenkzeiten, aber auch die Ruhepausen. Verschiedene Farben in der Darstellung am Bildschirm helfen den Polizisten, Überschreitungen sofort festzustellen. Der Fahrer darf bis zu zehn Stunden lenken, danach sind Ruhepausen vorgeschrieben. Allerdings können die Geräte auch manipuliert werden, der Nachweis ist nicht immer einfach. "Das ist kein Kavaliersdelikt, das sind Straftaten", erklären die Beamten.

Übermüdete Fahrer, Lastwagen in schlechtem Zustand - beides Ursachen für Verkehrsunfälle. "Es gibt gewisse Zusammenhänge", sagt Dienstgruppenleiter Schlesinger und hat Zahlen parat: In der ersten Hälfte dieses Jahres gab es 8683 Unfälle mit Schwerlastern; dabei starben 49 Personen, 2487 wurden verletzt. In 75 Prozent der Fälle waren es die Lkw-Fahrer, die den Unfall verursachten. Allerdings relativieren sich die Zahlen: Nur an drei Prozent aller Unfälle 2018 waren laut Polizei Lastwagen oder Busse beteiligt.

Aufzeichnungen werden ausgewertet und der technische Zustand der Fahrzeuge kontrolliert.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Bei einem Fahrer aus Polen findet Polizeihauptmeister Alexander Dohlich keine Auffälligkeiten. Er ist außerdem erst vor wenigen Tagen in Thüringen kontrolliert worden. Kollege Danilo Heym hat trotzdem noch einmal Reifen und Fahrzeug kontrolliert. Der Mann kann weiterfahren. Schnell geht es auch bei einem Lastwagen aus Griechenland. Der Fahrer, ein älterer Mann mit grauen Haaren, ist sehr aufgeregt. Er muss seine Ladung dringend pünktlich abliefern. Dohlich unterhält sich freundlich mit ihm, sein Ton wirkt fast beruhigend.

Der Fahrer ist erst vor kurzem in Griechenland kontrolliert worden, zweimal sogar, er zeigt seine Papiere vor und schimpft. Nicht auf die Polizei, aber auf die Probleme, die er als selbständiger Spediteur habe. Er berichtet vom brutalen Preiskampf, Fahrer aus Ländern wie Bulgarien oder Ungarn würden für den halben Preis arbeiten. Die Polizisten kennen solche Klagen. Sie hören das öfter. Viele Fahrer bekommen großen Druck von ihren Chefs und Auftraggebern.

An diesem Vormittag gibt es keine großen Verfehlungen zu beanstanden. Mal wurde die Lenkzeit um einige Minuten überschritten, in dem Fall wird der Fahrer mündlich verwarnt. Aber Dohlich und Kollegen kennen auch andere Fälle, von Fahrern, die 15 Stunden ohne Pause hinterm Lenkrad sitzen. Dafür sind 2000 Euro Bußgeld fällig. Bei dem Laster aus Niederbayern stellen die Polizisten fest, dass das Kontrollgerät nicht wie vorgeschrieben auf den Betrieb angemeldet ist. Das werden die Polizisten dem Gewerbeaufsichtsamt melden. Der Fahrer, ein Tscheche, ist erleichtert. Nach der kurzen Aufregung darf er weiterfahren. Wie gut, dass er noch den blauen Gurt gefunden hatte.