Eltern von Grundschülern müssen zum Schuljahresanfang immer wieder dieselbe Schlacht schlagen: den Einkauf von Schulsachen im Schreibwarenladen. Endlos lange Listen an Arbeitsmaterialien sind in völlig überfüllten Läden abzuarbeiten und treiben so manchen an den Rand der Verzweiflung. Hefte mit unterschiedlichsten Lineaturen und DIN-Formaten sind aufzutreiben, mit einfachem, doppeltem oder ganz anderem Rand, Jurismappen mit Gummizug oder ohne, Schnellhefter in bestimmten Farben, Buntstifte in Spezialausführung, dazu ein kleines Lineal, aber bitte nicht biegbar. Übrig bleiben auf der Liste zuweilen exotische Lehrerwünsche, die weder Eltern noch Schreibwarenhändler einem konkreten Produkt zuordnen können. Bis Grundschüler alles passend im Ranzen haben, ist die erste Schulwoche locker verstrichen.
Das muss doch anders gehen, dachten sich Staffan Schilke aus Gräfelfing und Jakob Thiele aus Weßling, die die Prozedur als Väter von Schulkindern leid hatten. Nämlich schneller und einfacher. Wer wie Staffan Schilke eine unbändige Freude daran hat, Lösungen für Probleme zu finden, dem fällt die Idee für ein Start-up bei diesem doch sehr „greifbaren Problem“, wie er es nennt, quasi in den Schoß. So haben sich der Volkswirtschaftler Schilke und der Software-Experte Thiele, die sich schon aus früheren Arbeitsprojekten kannten und privat gemeinsam Hallenfußball spielen, die „Leichte Liste“ ausgedacht und die Firma Systeme Digital GmbH mit Sitz in Gräfelfing gegründet. Leichte Liste ist eine digitale Plattform, die den Materialeinkauf für Eltern und Lehrer vereinfachen soll.
Lehrer können ihre Materialliste online auf der Homepage leichteliste.de erstellen oder ihre bereits vorhandene, eigene Liste dort hochladen. Eltern wiederum können die Liste über einen QR-Code oder einen Link abrufen und werden gleich zu Online-Händlern weitergeleitet, wo sie Preise vergleichen können und automatisch ein Warenkorb mit den richtigen Produkten bestückt wird. Mit wenigen Mausklicks ist der Einkauf zum Schuljahresstart erledigt.
Liste und Produkte stehen auch in anderen Sprachen zur Verfügung, etwa auf Bulgarisch, Polnisch oder Chinesisch. Wer lieber vor Ort einkauft, kann den Warenkorb bei einem lokal kooperierenden Schreibwarenladen bestellen. Das Angebot ist für Eltern und Lehrer kostenlos, Schilke und Thiele verdienen eine Provision, sobald ein Einkauf bei einem Händler zustande kommt.
Das Kultusministerium hat die Liste für alle Schulen in Bayern freigegeben
Die beiden Start-up-Gründer haben ihre Liste Grundschulen vorgestellt und fühlen sich nun darin bestätigt, dass ihre Idee offenbar als Lösung für ein leidiges Problem überzeugt. Denn es machen auf Anhieb 200 Grundschulen in Bayern mit, darunter auch die Lochhamer und Stockdorfer Grundschule. Das ist weit mehr als erwartet, meint Schilke, zudem habe das bayerische Kultusministerium die Nutzung der Liste für alle Schulen in Bayern freigegeben.
„Leichte Liste“ ist nicht das erste Start-up, das der Gräfelfinger Schilke gegründet hat. Er liebt „den Geschmack der Freiheit“, wie er sagt – so lange und so viel zu arbeiten, wie er möchte, und den eigenen Erfolg mit dem eigenen Projekt zu feiern. Bevor er Leichte Liste gegründet hat, hatte er bereits ein Start-up im Mobilfunkbereich aus der Taufe gehoben und einen schwedischen Lebensmittelhandel betrieben, letzteren eher als Freizeitbeschäftigung. Wenn es ihn reize, digitale Lösungen zu erarbeiten, sei das Produkt – Handy, Schreibwaren oder Kaviar aus der Tube – eigentlich egal, meint Schilke.

Allerdings trifft das für den Lebensmittelhandel nicht ganz zu. Da sei es ihm schon um die Produkte gegangen, denn als Kind einer schwedischen Mutter habe er spezielle Lebensmittel aus deren Heimat in Deutschland vermisst. So gründete er kurzerhand einen Onlineshop, auch um die Eigenbeschaffung von gesalzener Butter oder speziellen Chipssorten zu sichern. Als das Geschäft während der Pandemie zum Fulltime-Job wurde, verkaufte er den Shop und hatte Luft für eine neue Idee – die Leichte Liste.
Um diese zum Laufen zu bringen, mussten beide Gründer tief in die schier unerschöpfliche Welt der Schreibwaren eintauchen. Denn es galt, jedes Utensil einer noch so individuellen Lehrer-Materialliste einem konkreten Produkt zuzuordnen. Das habe „ein bisschen länger“ gedauert als zunächst angenommen, erzählt Schilke schmunzelnd. Um genau zu sein, verzögerte es den Start der Liste um ein ganzes Schuljahr.
Das lag zum Beispiel an der Eckspannmappe. Lehrer hätten dafür gut und gerne zehn bis 15 alternative Bezeichnungen parat, etwa Jurismappe, Spannmappe oder Gummizugspanner, hat Schilke erfahren. Am Ende müsse aber ein und dasselbe Produkt im Warenkorb landen. Auch die „Abgründe der Buntstiftwelt“ hätten zur Verzögerung beigetragen, ergänzt Thiele. Es gebe sie in rutschfest, dreieckig, mit Griffmulden oder Noppen, für Links- und Rechtshänder, wasservermalbar und farbstark, einzeln oder als Sortiment. Am Ende der Recherche stand eine Liste mit rund 7200 Schreibwarenprodukten, die über Leichte Liste zu bestellen sind.
Über eine rasante Entwicklung staunen die beiden Gründer selbst: Als sie mit der Recherche und Programmierung vor rund eineinhalb Jahren anfingen, schien klar, dass Künstliche Intelligenz beim Erfassen und Entschlüsseln der hochgeladenen Materiallisten nicht weiterhelfen würde. „KI spielte noch keine Rolle“, sagt Thiele. Nur ein paar Monate später war das völlig anders. KI sei inzwischen ein zentraler Bestandteil der Programmierung, erklärt der Weßlinger. Mit ihr sei es möglich, selbst handgeschriebene Materiallisten, die Eltern mit dem Handy abfotografieren und auf der Homepage hochladen, zu entschlüsseln und in einen Warenkorb zu übersetzen.
Schilke und Thiele wollen hoch hinaus. Die Leichte Liste soll bundesweit in Schulen etabliert werden. Doch jetzt soll sie erst mal in Bayern starten. In großem Stil kommt sie zum neuen Schuljahr im September zum Einsatz. Dann wird sich auch zeigen, ob das zur Verfügung stehende Sortiment wirklich allumfassend ist. „Ein Lehrer wird sich sicher noch was ausdenken, was wir noch nicht kennen“, meint Schilke.


