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Lernen in der Pandemie:Laptop und Video ersetzen keine Schule

Coronavirus - Sitzenbleiben im Corona-Jahr

Die Einsamkeit des Schülers: Zum Homeschooling will keiner zurück, nicht nur wegen der Gefahr, beim Lernstoff den Anschluss zu verlieren.

(Foto: Eduardo Parra/dpa)

Nach acht Wochen Präsenzunterricht ziehen Lehrer eine erste Bilanz: Die Wissenslücken bei den Kindern lassen sich schließen, aber Disziplin, Motivation und Rücksichtnahme müssen erst wieder gelernt werden. Ein zweiter Lockdown wäre daher schlimm.

Von Daniela Bode, IrmengardGnau und Iris Hilberth

Jugendliche haben es schon immer als Zumutung empfunden, dass ein Wecker klingelt, wenn es draußen noch dunkel ist. Noch dazu, wenn die Schule der Grund dafür ist. Welch große Freiheit war das doch - trotz Corona-Einschränkungen - wochenlang zu Hause zu bleiben. Keine Schulaufgaben, kein Notendruck, kein Lernstress. Und niemand ist sitzen geblieben, nur weil er in der Zeit des Homeschoolings lieber an der Playstation gezockt hat, statt sich auf der Lernplattform Mebis die Aufgaben der Lehrer herunterzuladen oder Lehrvideos anzuschauen. Inzwischen sind alle eine Klasse aufgerückt fast ist es wieder wie früher: Exen, Tests, Abfragen. Doch bei einigen hagelt es plötzlich schlechte Noten.

Die Schüler müssen sich nicht nur erst wieder an den Rhythmus eines normalen Schulalltags gewöhnen, der eben nicht erst um zehn Uhr beginnt. Es gilt auch Wissenslücken zu schließen, die das Homeschooling gerissen hat. Denn für diejenigen, die sich sowieso schwer tun mit dem Lernen und der Konzentration, ist digitaler Unterricht alleine zu Hause keine realistische Alternative. Der Lockdown im Frühjahr hat Spuren hinterlassen. Und das merken Schüler, Eltern und Lehrer nicht nur an einer überraschenden Sechs in Chemie und dem fehlenden Wortschatz in Französisch. Eltern berichten, dass es vor allem Jüngere oft nicht mehr gewöhnt sind, über längere Zeit konzentriert zu lernen. Lehrer können das bestätigen. Auch im Sozialverhalten gebe es mitunter Nachholbedarf, stellen sie fest. Dennoch sehen die Pädagogen die Auswirkungen der Schulschließungen gelassen. Sie bestreiten nicht, dass es hier und da Probleme gebe, doch halten sie diese nicht für unlösbar.

"Grundsätzlich war das Homeschooling für die Jüngeren schwieriger als für die Älteren, die schon viel eigenverantwortlicher arbeiten", sagt Rasso Leicher, der am Gymnasium Neubiberg Deutsch und Sport unterrichtet. Aber gerade bei der Oberstufe seien die Grenzen des digitalen Lernens zutage getreten: "Wo etwas präzise erklärt werden und eingeordnet werden muss, kann das kein Erklärvideo leisten", sagt er. Von Wissenslücken berichtet Maria Rosenberger. Sie ist Konrektorin an der Grund- und Mittelschule Kirchheim. Insbesondere bei den sechsten und siebten Klassen der Mittelschule, den heutigen Siebten und Achten, die im März und April am längsten daheim bleiben mussten. Sie sagt: "Es ist schon in der Schule schwierig, die Kinder zu motivieren." Aus der Ferne, ohne die Möglichkeit, auf das Verhalten der Schüler zu reagieren, unausgesprochene Probleme vielleicht zu erkennen, sei dies für die Lehrkräfte kaum machbar.

Vielen fehlt zuhause die Ausstattung

Hinzu komme, dass vielen zuhause auch die Ausstattung fehlt - technisch, aber auch personell, wenn Eltern nicht beim Lernen unterstützen können. "Es ist ganz schwierig, Mittelschüler digital zu unterrichten", sagt Rosenberger. Sie ist überzeugt: "Der Präsenzunterricht ist durch nichts zu ersetzen."

Fachliche Lücken bei ihren Schülern hat Corinna Mosch, Lehrerin für Deutsch und Kunst an der Andreas-Schmeller-Realschule Ismaning, in ihren Fächern nicht festgestellt. Allerdings zeigten einige Auffälligkeiten im Verhalten und in der Arbeitshaltung. "Hin und wieder hat man das Gefühl, die Kinder erinnern sich nicht mehr daran, was es heißt, einen Schultag lang konzentriert und leise zu arbeiten, um damit eine förderliche Lernatmosphäre für sich und andere zu schaffen." Ein weiteres Beispiel sieht Corinna Reichle, seit Beginn des Schuljahrs Rektorin der Grundschule an der Dorfstraße in Taufkirchen. Sie berichtet davon, dass Kopfrechnen und Lesen viel langsamer funktionierten. "Man merkt, dass das tägliche Training nicht stattgefunden hat." Außerdem müsse unter den Jüngsten das Sozialverhalten zum Teil wieder trainiert werden. "Die Rücksichtnahme in der Gruppe, dass man wartet, bis der andere ausgeredet hat, so etwas muss wieder eingeübt werden."

An den Gymnasien halten sich die Wissenslücken nach Ansicht der Lehrer in Grenzen. "Ich bin positiv überrascht. Ich bin mit der Erwartung herangegangen, dass es nicht so gut aussieht. Doch in Englisch und auch in anderen Hauptfächern wie Deutsch und Mathe ist zu sehen, dass sich das Leistungsvermögen nicht unterscheidet zu sonst", sagt Englischlehrer Bernhard Lachenmayr, Unterstufenkoordinator am Gymnasium Ottobrunn. Ähnlich äußert sich Bianca Haier, die am Ismaninger Gymnasium Physik und Mathematik unterrichtet: "Die Lücken sind nicht größer, als wenn eine Lehrkraft einmal krank war ", sagt sie. Bei den meisten Jahrgangsstufen merke sie so gut wie nichts, abgesehen von den neunten Klassen. Dort werde der Unterrichtsausfall von Pubertierenden als Ausrede für Wissenslücken herangezogen. Lachenmayr findet auch, dass man Inhalte noch nachholen könne, man habe Zeit, Dinge aufzuarbeiten. "Es ist nicht alles prima, aber es ist nicht so dramatisch, wie man meinen könnte", sagt er. Für Schüler, die einen besonderen Unterstützungsbedarf haben, sind an den Schulen spezielle Förderkurse eingerichtet worden. "Ich denke, dass die Schüler da gut aufgehoben sind", sagt Lachenmayr.

Das soziale Gefüge der Klassen hat offenbar nicht stark unter dem Fernunterricht gelitten: "Die vorher befreundet waren, sind es jetzt auch noch", sagt der Neubiberger Deutschlehrer Rasso Leicher. "Nach den Sommerferien hat man gemerkt, dass sie sich sehr, sehr freuen, wieder alle zusammensein zu können als komplette Klasse." Ähnliches berichtet Bianca Haier über die Zeit, als sich die Kinder nach dem Lockdown und Fernunterricht wieder sehen konnten: "Ich habe nie so glückliche Gesichter im Physikunterricht gesehen", sagt sie. Leicher beobachtet allerdings eine Veränderung in den Pausen: "Die Kinder spielen Fangen und rennen, wie ich es lange nicht gesehen habe." Der große Bewegungsdrang rührt seiner Ansicht nach auch daher, "dass die Schüler den ganzen Tag mit einer Maske still dasitzen sollen". Maria Rosenberger bedauert, dass durch die Schutzvorkehrungen der Unterricht an der Mittelschule vor allem auf das Frontalunterrichten zurückgeworfen wurde. Gruppenarbeiten sind nicht möglich. Masken, Plexiglasscheiben und Einzeltische veränderten die Kommunikation und das Zusammensein doch.

Konzepte für Digitalunterricht

Sollten die Schulen ein zweites Mal geschlossen werden, haben sich die Lehrer vorbereitet. Mittelschulkonrektorin Rosenberger hofft, ihre Klassen im Falle eines zweiten Lockdowns zumindest im Teilmodell in der Schule unterrichten zu können, sodass jede Gruppe jeden zweiten Tag anwesend ist. Die Realschule Ismaning hat verschiedene Konzepte für einen vollständigen beziehungsweise teilweisen Digitalunterricht entworfen, die jederzeit in die Tat umgesetzt werden können. Ein großer Vorteil ist, dass die Kommunikationswege - Videokonferenzen, Gruppenchats, digitale Dokumentenablagen - inzwischen eingeübt sind bei Schülern wie bei Lehrkräften.

Einen wichtigen Faktor, die Schüler auch im Home Office zur stetigen Mitarbeit zu motivieren, sieht Realschullehrerin Mosch in den neuen, strengeren Regeln des Kultusministeriums: Schüler und Schülerinnen sind nun dazu verpflichtet, auch online am Unterricht teilzunehmen. Notfalls können entsprechende erzieherische Maßnahmen ergriffen werden. Auch die Notenbildung findet trotz Entfernung weiter statt, wenn auch zum Teil in anderer Form. "Diese Änderungen halte ich für sehr wichtig, damit die Schülerinnen und Schüler ihrer Schulpflicht weiter nachkommen und nicht ständig gedanklich in den 'Corona-Ferien' sind", sagt Mosch.

© SZ vom 31.10.2020/belo
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