Lehrlingsmangel Ausflug ins Berufsleben

Mit dem Bus bringen IHK und Landratsamt Jugendliche zu Ausbildungsbetrieben. Es ist ein Versuch, Nachwuchs zu werben

Von Anna-Maria Salmen, Taufkirchen/Aying

Durch den Lieferanteneingang geht es hinein in die Lagerhalle der Firma Isarland in Taufkirchen. Überall stapeln sich Kisten gefüllt mit Obst und Gemüse, in hohen Regalen sind Lebensmittel sorgfältig aufgereiht. In der Mitte steht ein Mann in grüner Jacke. Christian Supenkämper, Geschäftsführer des Biohändlers, erzählt einer Gruppe von Schülern, wie der Alltag eines Lagerlogistikers in seinem Betrieb aussieht. Was sollte ein Auszubildender mitbringen, um erfolgreich in diesem Beruf zu arbeiten? Gewissenhaftigkeit, ein Gespür für Mengen, eine Begabung für Kopfrechnen - alles Eigenschaften, die ein guter Lagerlogistiker braucht, wie Supenkämper den Jugendlichen erklärt.

Auch im Kfz-Betrieb haben Gymnasiasten und Realschüler Gelegenheit, sich selbst ein Bild von der Arbeit zu machen.

(Foto: Claus Schunk)

Die Firma Isarland ist die erste Station auf der Tour, die 34 Neuntklässler aus der Realschule Neubiberg und dem Gymnasium Höhenkirchen mit dem "Ausbildungsbus" im Laufe des Tages zu verschiedenen Betrieben führt. Bei jedem Halt bekommen die Schüler einen Einblick in die Firmen; Personalchefs und Mitarbeiter stehen ihnen Rede und Antwort.

Es ist das erste Mal, dass ein Bus Schüler zu Betrieben im Landkreis München bringt, um ihnen die berufliche Ausbildung schmackhaft zu machen. Entstanden ist die Idee im Regionalausschuss der Industrie- und Handelskammer (IHK), wie deren Pressereferent Aaron Gottardi erzählt. Gemeinsam mit Unternehmern wurde zunächst ein Schwerpunktthema erarbeitet: Wie kann man zukünftige Auszubildende besser ansprechen? "In Starnberg gibt es schon einen Ausbildungsbus, wir testen ihn jetzt zuerst im südlichen Landkreis." Unterstützung erhält die IHK vom Landratsamt. "Uns geht es darum, den Kontakt zu Firmen in der Region herzustellen", sagt Gottardi. "Erfahrungsgemäß wissen die Schüler gar nicht, welche Möglichkeiten es hier gibt. Wir möchten ihnen die Vielfalt zeigen."

Mit dem Ausbildungsbus durch den Landkreis. Die Aktion von Industrie- und Handelskammer sowie dem Landratsamt für Neuntklässler soll wiederholt werden.

(Foto: Claus Schunk)

Die Notwendigkeit, junge Menschen mit Ausbildungsberufen vertraut zu machen, zeigt sich bereits seit Längerem. Im vergangenen Jahr blieben im Landkreis 258 Lehrstellen in Industrie-, Handels- und Dienstleistungsbetrieben unbesetzt, der Kampf um den beruflichen Nachwuchs ist hart. Viele Jugendliche möchten lieber studieren, anstatt in eine Lehre zu gehen. "Wir haben Schwierigkeiten bei den Stellen im Bereich der Lagerlogistik, da gibt es wenige Bewerbungen", sagt Stephanie Ortlieb, Personalleiterin bei Isarland. "Vor einigen Jahren war das noch besser." Vor allem kleine Firmen hätten oft Probleme, Auszubildende zu finden. "Große Unternehmen sind beliebt, weil bei ihnen auch die Ausbildung groß geschrieben wird. Kleine Betriebe haben diese Möglichkeiten nicht."

Auf Tour mit dem Ausbildungsbus: hier im Öko-Handel.

(Foto: Claus Schunk)

Der Bus setzt seine Reise fort, nächster Halt: der Brauereigasthof Aying. Personalreferentin Corina Bräuer gewährt den Schülern einen exklusiven Einblick in das Hotel. Bei einem Rundgang führt sie die Schüler nicht nur durch die Küche und das Restaurant, sondern auch durch hochpreisige Suiten. In der alten Bibliothek des Herrenhauses unterhält sich Bräuer mit den Jugendlichen darüber, was gute Mitarbeiter, aber auch gute Vorgesetzte ausmacht. "Mir ist Empathie wichtig. Außerdem muss ein Mitarbeiter sich von Herzen für seine Tätigkeit interessieren", sagt sie. Die Schüler legen unter anderem Wert auf ein gutes Miteinander und auf Hilfsbereitschaft. Bräuer möchte, dass sich ihre Mitarbeiter wohl fühlen. Auch für die Berufsorientierung junger Menschen setzt sie sich ein. Die Personalreferentin besucht Ausbildungsmessen in Schulen der Region. In verschiedenen Bereichen bietet der Gasthof Praktika an, um Schülern einen Einblick in die Arbeit in einem Hotel oder Restaurant zu ermöglichen. Lehrlinge erhalten laut Bräuer günstigen Wohnraum, die Übernahme sei sicher. Darüber hinaus stellt sie ausführliche Informationen über die Ausbildung bereit. "Ich will etwas, also muss ich auch etwas bieten", sagt Bräuer.

Die Schüler beim exklusiven Einblick in ein Hotel.

(Foto: Claus Schunk)

Auch Kristin Herrig unternimmt viel, um Auszubildende zu gewinnen. Die Ausbildungsleiterin der Firma Fritzmeier hat vor Kurzem ein Profil auf der Foto-Plattform Instagram erstellt, auf dem die Lehrlinge selbst Einblicke in ihren Alltag geben. Eine Besonderheit des Betriebes ist, dass dieser auch duale Studiengänge anbietet. Max Heimgartner etwa studiert Betriebswirtschaft und erhält gleichzeitig eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Bei der letzten Station der Bustour führt er die Schüler durch das Werk der Firma Fritzmeier und erklärt ihnen, wie aus Rohmaterialien fertige Teile für Fahrzeuge werden. Der 21-Jährige ist zufrieden mit seinem Studium und empfiehlt es den Jugendlichen weiter. "Man gehört einfach dazu im Betrieb, weil man in den Semesterferien mitarbeitet."

Die Vielfalt der Möglichkeiten im Berufsleben beeindruckt die Schüler, wie Lehrerin Tatjana Graf berichtet: "Die Idee, dass eine Ausbildung auch für Gymnasiasten eine Aufwertung im Lebenslauf ist, hat viele bereichert." Für Nathalie und Magdalena, Schülerinnen des Höhenkirchner Gymnasiums, war die Bustour informativ. "Es macht Spaß, zu sehen, was hinter den Berufen steckt", sagt Nathalie. Beide möchten zwar immer noch lieber an die Universität, doch Magdalena schließt ein duales Studium im Bereich Tourismus nicht aus. Dass die Tour erfolgreich war, zeigt sich auch an einem Schüler, der bald ein Praktikum bei einer der besuchten Firmen absolvieren wird. "Er möchte tatsächlich nach der Schule eine Ausbildung dort machen, die Verantwortlichen haben seinen Namen schon notiert", erzählt Lehrerin Graf.

Geht es nach den Organisatoren, soll der Ausbildungsbus künftig regelmäßig im Landkreis unterwegs sein. "Das Problem bleibt bestehen", sagt IHK-Sprecher Gottardi. "Die Betriebe brauchen nicht nur heuer Auszubildende."