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Lehrerausbildung in Coronazeiten:Lektionen fürs Leben

Ungewöhnliche Ausbildung: die beiden Referendarinnen Julia Holleber (links) und Theresa Aigner (rechts) mit Rektorin und Seminarleiterin Karin Lechner an der Therese-Giehse- Realschule in Unterschleißheim.

(Foto: Robert Haas)

Homeschooling ist nicht nur für Schüler eine Herausforderung. Insbesondere Referendaren, die erst noch das Unterrichten vor einer Klasse lernen müssen, geht dadurch praktische Erfahrung verloren. Zwei junge Lehramtsanwärterinnen profitieren aber auch davon.

Von Oktavia Skorupa, Unterschleißheim

Wie hört sich wohl das Weihnachtskonzert an? Und wie der volle Bus, auf dem Weg zum Klassenausflug? Wie ist es, mit den Schülern zu sprechen, live und in Farbe? Viele Lehramtsreferendare können darauf keine gute Antwort geben, denn die Corona-Pandemie kam dazwischen. Wie alle Lehrer müssen sie seit Monaten auf regelmäßigen Präsenzunterricht verzichten, ihre Schüler sind nur online zugeschaltet.

Nach dem ersten Staatsexamen, der akademischen Lehrerausbildung, absolvieren die angehenden Lehrer vor dem zweite Staatsexamen ihr Referendariat. Das ist sozusagen der Praxisteil, der in Bayern zwei Jahre dauert. Und der ist in Zeiten der Pandemie herausfordernd - auch an der Therese-Giehse-Realschule in Unterschleißheim. Die Schule ist Seminarschule, das heißt, sie bildet Referendare aus.

"In einer Klasse hatte zum Beispiel noch nie jemand die Kamera an", erzählt Julia Holleber. Die 26-jährige hatte im vergangenen September zusammen mit sechs anderen Referendaren an der Therese-Giehse-Realschule angefangen. Ihre Fächer: Englisch und Chemie. Ob eine Klasse den Stoff verstanden hat, lässt sich laut Holleber oft schon an der Körperhaltung oder den Gesichtern der Schüler erkennen - und das bleibt im virtuellen Klassenzimmer häufig aus. "Manchmal verschwindet ein Schüler auch gerade dann aus dem Online-Meeting, wenn ich ihn aufrufe", so ihre Erfahrung.

Im Klassenzimmer umherstreifen, den Kindern über die Schulter schauen und spontan beim Lösen von Aufgaben unterstützen, auch der fragende Blick, die runzlige Stirn - all das bleibt im Online-Unterricht aus. Nicht nur die körperliche, auch die geistige Anwesenheit lasse sich nicht gut prüfen. "Man spricht gegen eine Wand", sagt die Referendarin. Die Folge: Die Lehrer setzen verstärkt auf Übungen, welche die Schüler auch außerhalb der Stunde bearbeiten können. Diese müssen sie natürlich anschließend korrigieren - ein zusätzlicher Aufwand.

Der Zeitaufwand ist größer

"Wir sind mehr am Trösten als am Ausbilden", fasst Angela Neumeyer die Situation zusammen. Als Seminarlehrerin für Englisch fühlt sie mit ihren Referendaren. Auch die Tücken des Online-Unterrichts kennt sie sehr gut: Das virtuelle Klassenzimmer starten, Material hochladen, die Schüler beim Anmelden unterstützen - für all das müsse man zusätzlich Zeit einplanen. Gespräche mit Eltern gehörten auch dazu, wenn es mal wieder mit der Technik nicht klappt - oder der Motivation des Schülers im Homeschooling. "Auch unsere Referendare führen bereits solche Beratungen", sagt Neumeyer.

Den Referendaren fehlt durch den direkten Kontakt noch etwas Wesentliches, wie Karin Lechner, Direktorin und Seminarleiterin an der Realschule, erzählt: die praktischen Prüfungen. Im Referendariat absolviert der angehende Lehrer unter anderem drei Prüfungslehrproben. Die Prüfung läuft im Normalfall so ab: Der Referendar arbeitet eine Schulstunde schriftlich aus, das heißt, er gestaltet und strukturiert sie theoretisch und denkt sich mögliche Situationen und Fragen von Schülern aus. Anschließend folgt die Unterrichtsstunde vor der Klasse. Bei dieser praktischen Lehrprobe bewertet Lechner zusammen mit den Fachlehrern besonders die Persönlichkeit der künftigen Kolleginnen und Kollegen: Wie ist das Zeitmanagement? Wie sicher bewegt sich der Prüfling in der Klasse? Wie diszipliniert kommuniziert er? So der Regelfall.

"Von den sieben Referendaren hatten zwei eine zehnte Klasse für die Prüfung gewählt", erzählt Lechner. Und für diese Abschlussklassen sei der Präsenzunterricht aktuell möglich, die Prüfung konnte also in der Schule stattfinden. Die anderen Prüfungslehrproben habe man dagegen verschoben, auf unbestimmte Zeit. Online-Lehrproben mit einer virtuell zugeschalteten Klasse lasse der Datenschutz nicht zu, erklärt die Konrektorin und Seminarleiterin, weil Schüler nicht verpflichtet werden könnten, ihre Kamera anzumachen.

Zur Not könnte der Praxisteil durch ein 30-minütiges Prüfungsgespräch ersetzt werden. "Aber natürlich ist das kein Vergleich zum wirklichen Unterricht", sagt Englischlehrerin Neumeyer. Es bleibe eben Theorie. Und das Ergebnis aus den Prüfungslehrproben sei sehr wichtig für die Referendare. Man versuche deshalb, zumindest die schweren Bedingungen bei der Bewertung zu berücksichtigen. "Am Ende sind auch Seminarlehrkräfte einfühlsame Pädagogen", sagt Neumeyer. Das bestätigt auch Referendarin Holleber: "Man achtet schon sehr stark auf uns." Zudem kenne man sich aus anderen Unterrichtsstunden, das erleichtere das Gesamtbild für die Bewertung, erzählt Holleber.

Theresa Aigner, Referendarin für Mathe und Chemie, freut sich, dass sie zumindest ihre nächste Prüfungslehrprobe aller Voraussicht nacht regulär als Unterrichtsstunde abhalten kann. Nach den Pfingstferien sollen alle Jahrgänge in den Präsenz- oder zumindest Wechselunterricht zurückkehren, solange die Sieben-Tage-Inzidenz unter 165 liegt. Aktuell liegt sie im Landkreis München weit unter 100. "In einem Gespräch kann ich meine Lehrpersönlichkeit gar nicht zeigen", sagt die 27-jährige. Die Gesamtstimmung im Klassenzimmer findet sie "essenziell" für die Bewertung.

Holleber konnte ihre erste Prüfungslehrprobe in der zehnten Klasse in Präsenz abhalten, doch damit ist es nicht getan. "Ich hatte davor kaum Übung, da das meiste online stattfand", erzählt die Referendarin. Eine Klasse mit 17 Wochenstunden an einer Schule zu unterrichten, wie es der Plan für die Referendare im zweiten Lernjahr vorsieht, könne sie sich gerade noch nicht vorstellen. Konfliktmanagement oder Unterrichtsführung könne man sich eben nicht anlesen. Selbst das Erstellen von Schulaufgaben könne jetzt nicht eingeübt werden, da diese für den Rest des Schuljahres gestrichen wurden.

Kein Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten

"Die Pandemie nimmt uns viele Möglichkeiten", sagt Holleber. Auch Referendarin Aigner fühlt sich insgesamt benachteiligt: "Die Schüler fehlen einfach. Ich habe das Gefühl, dass mir was in der Ausbildung abgeht." Zudem habe man keinen Vergleich, wie es ohne Corona gewesen wäre. Wo wäre ich jetzt schon? Welche Fortschritte hätte ich machen können? Das fragen sich die beiden Unterschleißheimer Referendarinnen immer wieder.

In die Zukunft blicken sie dennoch zuversichtlich. Die fehlende Praxis sei für sie nichts, was man nicht aufholen könnte, sagt Aigner. "Man wächst mit seinen Aufgaben." Zukunftsangst hat auch Holleber nicht. Der Markt sehe gut aus. "Außerdem haben alle Referendare ja gerade gleiche Voraussetzungen."

Holleber ist eigentlich in Würzburg zuhause, Aigner in Regensburg. Wie ihre Studienkollegen wurden auch sie bayernweit einer Schule zugeordnet. In Zeiten des Distanzunterrichts fahren viele wieder in die Heimat. Der persönliche Austausch zwischen ihnen klappe dennoch gut, sagen beide, etwa durch regelmäßige Online-Treffen. Auch die Kommunikation mit den Lehrkräften funktioniere reibungslos. Aber das Leben im Schulhaus, der Spaß unter den Kollegen - all das fehle. "Der Präsenzunterricht ist eben durch nichts zu ersetzen. Schule ist mehr als eine Lehrveranstaltung", sagt auch Rektorin Lechner.

Doch die aktuellen Zeiten festigten auch wichtige Eigenschaften, wie Seminarleiterin Neumeyer sagt: etwa den flexiblen und kreativen Umgang mit digitalen Lösungen oder Empathie. Es komme nun noch stärker auf gutes Einfühlungsvermögen an, denn im virtuellen Raum könne man schlechter mit den Schülern interagieren. "Ein Online-Unterricht muss in der Regel noch klarer geplant sein als der Unterricht in Präsenz", sagt Neumeyer. "In vielen Bereichen leisten unsere Referendare gerade Pionierarbeit."

Das kann Aigner bestätigen: "Ich habe gelernt, vorausschauender zu denken und vorzugehen." Wenn man durch den Online-Unterricht weniger Rückmeldung von der Klasse bekommt, müsse man Fragen und Probleme vorab berücksichtigen. "Ich strukturiere meine Erklärungen in meinen Lernvideos jetzt viel kleinschrittiger."

© SZ vom 15.05.2021/belo
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