Lebensmitteltafeln:Die Tische sind noch gut gedeckt

Lebensmitteltafeln: Die Tafeln im Landkreis München haben mit ihren guten Kontakten zu Spendern automatisch auch für die Coronakrise vorgesorgt. Sie können noch immer alle Kunden gut versorgen.

Die Tafeln im Landkreis München haben mit ihren guten Kontakten zu Spendern automatisch auch für die Coronakrise vorgesorgt. Sie können noch immer alle Kunden gut versorgen.

(Foto: Claus Schunk)

Vorerst beschert die Corona-Krise, die Menschen in Not bringt, den Lebensmittelausgaben kaum größere Nachfrage. Allein die Vaterstettener Tafel, die auch Grasbrunner versorgt, klagt über leere Regale.

Von Claudia Wessel, Grasbrunn/Unterföhring

Die meisten Tafeln im Landkreis stellen noch keine Lebensmittelknappheit und keinen übermäßigen Zulauf an neuen Kunden durch die Corona-Krise fest. Die Lebensmittelausgaben für Bedürftige unterhalten gute Beziehungen zu Lebensmittelläden oder werden von Spendenaktionen unterstützt. Stark gebeutelt ist dagegen die Tafel Vaterstetten, die auch für Grasbrunn zuständig ist. Sie versandte Mitte Mai einen Bittbrief und bat dringend um Lebensmittelspenden, da die Mitarbeiter zum wiederholten Male vor leeren Regalen standen.

Julia Haigis, bei der Nachbarschaftshilfe Vaterstetten verantwortlich für die Tafel, schrieb: "Bis auf einige Pakete Nudeln und Kekse sind die Vorräte tatsächlich aufgebraucht." Es fehle an haltbaren Lebensmitteln jeder Art wie Konserven, Reis, Mehl, Marmeladen, Müsli oder Nudelsoßen. Grund für den Mangel ist die Corona-Krise. "Vor der Pandemie konnten wir Lebensmittel in größeren Mengen aus Sammelaktionen in Schulen, Kindergärten oder Kirchengemeinden erhalten", erklärt Haigis. Diese Spenden fehlen jetzt. Gleichzeitig steigt bundesweit die Anzahl der Bedürftigen, die sich bei Tafeln eindecken.

"Vielerorts nimmt die Zahl der Kunden um 20 Prozent zu", zitiert Haigis den Dachverband Tafel Deutschland. Betroffen seien vor allem Menschen, die arbeitslos wurden oder in Kurzarbeit sind. Fast 40 Prozent der bundesweit mehr als 950 Tafeln verzeichnen laut Haigis im Vergleich zum September 2020 mehr Bedürftige. Bei weiteren 40 Prozent ist die Anzahl laut Statistik gleich geblieben, doch hat sich die Zusammensetzung geändert. Auch hier finden sich deutlich mehr Arbeitslose und Kurzarbeiter. Das Plus liegt bei bis zu 35 Prozent.

Auch der Anteil der Rentnerinnen und Rentner hat erheblich zugenommen, um 30 Prozent. Bei der Tafel Vaterstetten sind derzeit 85 Ausweise für 116 Erwachsene und 69 Kinder und Jugendliche ausgestellt. "Erfahrungsgemäß werden die Zahlen im Laufe des Jahres steigen", sagt Haigis. Wer für Vaterstetten spenden will, kann auf der Homepage eine Wunschliste von Lebensmitteln ansehen, die stetig aktualisiert wird.

Alle anderen Tafeln im Landkreis München haben dieses Problem zumindest noch nicht. "Wir haben gute Beziehungen aufgebaut und nehmen nur frische Lebensmittel, die nicht aufbereitet werden müssen", gibt Johannes Schuster, Leiter des Isartaler Tisches in Pullach, Auskunft. "Frische Lebensmittel werden angeliefert und dann von einer kleinen Truppe alle 14 Tage in Taschen verpackt." Zu deren Schutz haben die Mitarbeiter Luftfilteranlagen in den Ausgaberäumlichkeiten installiert. Alles gehe gemäß der Richtlinien vonstatten. Die Taschen werden sowohl am Donnerstag als auch am Freitag von den Kunden abgeholt, sie werden aus der Tür herausgereicht. Da nicht alle kommen können, wird der Rest ausgefahren. "Wir haben aus Gründen, die ich noch nicht sicher nachvollziehen kann, bislang kaum neue Kunden", sagt Schuster. "Ich bin mir aber sicher, dass sich das in den nächsten Monaten ändern wird."

Auch beim Unterföhringer Tisch ist die Lage "glücklicherweise unkritisch und wir sind sehr gut versorgt", teilt die Pressesprecherin der Nachbarschaftshilfe, Anja Grothe, mit. Der Unterföhringer Tisch wird seit vielen Jahren von sechs örtlichen Lebensmittelgeschäften unterstützt. In einem eingespielten Prozess holen die Helfer dort an sechs Tagen die Woche Lebensmittel ab. Auch aktuell sei die Versorgungslage für mehr als 200 Personen, die vom Unterföhringer Tisch regelmäßig Essen holen, gesichert, sagt Grothe. "Die frischen Lebensmittel werden mehrmals pro Woche ausgegeben, Überschüsse eingefroren; es bleiben sogar nach Versorgung der Abholer noch Lebensmittel, die dann an im Ort ansässige Geflüchtete weitergegeben werden können." Außerdem würden Lebensmittel an einen aktuell in der Nähe lagernden Zirkus gespendet.

Kein Mangel herrscht auch beim Haarer Tisch. "Bei uns hat sich die Zahl der Kunden eingependelt", sagt Eva Genseleiter. Viele Tafeln haben auch das Glück, von Spendenaktionen versorgt zu werden. So etwa sammelten die Mitglieder des TSV Hohenbrunn-Riemerling und des TSV Brunnthal gemeinsam Lebensmittel und Geld. Durch die Corona-Krise fühlten sich die Sportler zu ihrer Spendenaktion aufgerufen. "Nach wie vor ist unser Leben von Corona bestimmt. Für viele Menschen geht es in dieser Zeit um die Existenz", war auf den Flyern der beiden Sportvereine zu lesen.

Daher starteten die Fußball-Herrenmannschaften des TSV Hohenbrunn-Riemerling und des TSV Brunnthal die Spendenaktion zugunsten der Münchner Tafel und des Ottobrunner Tisches, der allein rund 400 Bezugsberechtigte versorgt. Es kam eine sehr große Menge an haltbaren Lebensmitteln und Hygieneartikeln zusammen, sodass bei der Übergabe der Waren ein Transporter komplett gefüllt werden konnte. Auch knapp 2000 Euro wurden gespendet.

© SZ vom 04.06.2021/lb
Zur SZ-Startseite
Coronavirus -  Tafel Hamburg

Deutschland
:Hunderte Tafeln schließen - die soziale Not steigt

In Deutschland fehlt vielen der Zugang zu günstigen Lebensmitteln, weil Tafeln wegen des Coronavirus ihre Arbeit einstellen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB