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Landwirtschaft:"Lebensmittel fallen nicht vom Himmel"

Sonja Dirl Kreisbäuerin Landkreis München Kirchheim Meine Woche

Kreisbäuerin Sonja Dirl findet, dass die Arbeit der Landwirte nicht wertgeschätzt wird. Der Ernährungsrat schaue stattdessen auf die Bauern mit Polemik und Diffamierungen herab.

(Foto: Privat)

Kreisbäuerin übt scharfe Kritik an Forderungen des Münchner Ernährungsrats

Kreisbäuerin Sonja Dirl ist empört über die Forderung des Münchner Ernährungsrats, München zur Biostadt zu machen. Die Landwirtin aus Kirchheim-Heimstetten hält das Vorgehen und die Darstellung in der Öffentlichkeit des vor zwei Wochen gegründeten Bündnisses aus Landwirtschaft, Verarbeitung, Handel, Wissenschaft, Sozial- und Bildungseinrichtungen sowie Verbraucher- und Umweltschutzverbänden für nicht zielführend. Sie ist selbst Mitglied im Ernährungsrat.

In einem am Mittwoch verschickten offenen Brief wirft sie dem Vorstand vor, keinen "Funken Bereitschaft" zu zeigen, sich mit der Landwirtschaft an einen Tisch zu setzen und einen Konsens zu finden. Vielmehr sei dessen Pressemitteilung zur Auftaktveranstaltung Mitte März "voller Polemik und betet gebetsmühlenartig, pauschale Diffamierungen über Landwirte herab". Sie sehe kein wertschätzendes Wort an diejenigen, die Ernährung in München sicherten und auf einem hohen Niveau hielten. "Lebensmittel fallen nicht vom Himmel, sondern werden von uns Bauern in mühevoller Arbeit, mit unserem Schweiß produziert", schreibt Dirl.

Das Bündnis, das sich als breiter Zusammenschluss der Zivilgesellschaft und der Wirtschaft sieht und in seiner Erklärung darauf verweist, dass es bereits 150 000 Menschen erreiche, findet, München könne "Trendsetter für eine neue Ernährungskultur" werden. Doch nicht allein der Käufer an der Ladenkasse habe es in der Hand, "das ruinöse System rücksichtsloser Nahrungsmittelproduktion und -vermarktung umzusteuern", heißt es von dem Ernährungsrat. Dazu brauche es "Rahmenregelungen, wie zum Beispiel das Verbot bestimmter Formen der Tierhaltung und der Misshandlung von Böden", wird Referent Markus Vogt, Lehrstuhlinhaber für Christliche Sozialethik, zitiert. Kreisbäuerin Dirl sieht das anders. Sie findet, Verhinderungen durch Auflagen und Verbote würden zu keiner Ernährungswende führen, "idealistische Weltanschauungen, mit dem Finger immer auf die Anderen zeigen, bringt nichts". Dirl betont in ihrem Brief, dass die Ausbildung zum Landwirt die Aneignung der jeweils neuesten Erkenntnisse von Wissenschaft und Technik beinhalte. "Wie in vielen anderen Branchen (Maschinenbau oder IT) nutzt auch der Landwirt den technischen und wissenschaftlichen Fortschritt, um möglichst sorgsam und schonend mit seinen Ressourcen, Boden und Wasser, umzugehen", schreibt sie.

Auch über die Forderung von Jürgen Müller, Vorstand des Ernährungsrats, der Verbraucher müsse mit dem günstigen Produkt automatisch das ökologisch und sozial beste Produkt kaufen, ärgert sich Dirl. Die Landwirtin bezeichnet dies als unrealistisch und unhaltbar. Die Gesellschaft sei mit Lebensmitteln überversorgt und schätze die Produktion und Versorgung mit hochwertigen Lebensmitteln nicht wert. Dies schlage sich im Preis nieder.

Die Kreisbäuerin ist zwar auch der Ansicht, dass neue Wege der Versorgung möglichst durch regional erzeugte Lebensmittel gefunden werden müssten. Doch weist sie das Bündnis darauf hin, dass mehr als 70 Prozent der Bauernhöfe in und um München konventionell arbeiteten. Ein Umstieg auf eine ökologische Produktion sei eine freiwillige unternehmerische Entscheidung. Ökologisch wirtschaftende Betriebe bräuchten mindestens eineinhalb mal so viel Fläche für die Nahrungsproduktion. Auch bedürfe es wirtschaftlicher Absatzkanäle für solche Produkte. Biomolkereien würden derzeit keine neuen Produzenten mehr aufnehmen. Grund sei eine begrenzte Nachfrage in der Bevölkerung. "Es wird zu wenig Biomilch und Biokäse gekauft."