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Kommunalwahl im Landkreis München:Der Sieger heißt Christoph

Kettenkarussell auf der Auer Dult in München, 2018

Am Mariahilfplatz in München, wo das Landratsamt neben der Auer Dult steht, könnte das Personalkarussell in Schwung kommen.

(Foto: Robert Haas)

CSU-Landrat Göbel geht zwar als Favorit in die zweite Runde gegen Grünen-Herausforderer Nadler, doch Stichwahlen sind unberechenbar - das gilt erst recht in Krisenzeiten wie diesen.

Natürlich haben sich beide Christophs die Zahlen noch einmal angesehen. Der eine die von 2014, als er im ersten Wahlgang 43 Prozent holte, um sich dann im zweiten mit 55,3 Prozent durchzusetzen. Vor zwei Wochen kam Christoph Göbel, der Landrat, auf 44,5 Prozent. Warum sollte es am Sonntag also nicht erneut klappen?

Der andere Christoph, Christoph Nadler von den Grünen, schaut dagegen auf die Zahlen von 2008 - und die sind für ihn ein Mutmacher. Damals hatte eine Sozialdemokratin namens Johanna Rumschöttel in der ersten Runde der Landratswahl 29,1 Prozent erzielt, CSU-Amtsinhaber Heiner Janik 43,1 Prozent. Zwei Wochen später steigerte sich die Neubibergerin Rumschöttel auf 54,1 Prozent und wurde damit erste SPD-Landrätin im Landkreis München.

Fast auf den Tag genau zwölf Jahre ist diese Sensation her. Zahlenmensch Nadler, der vor zwei Wochen auf 24,9 Prozent kam, will sie dennoch als kleines Signal dafür verstanden wissen, dass es an diesem Sonntag noch einmal eine derartige Überraschung geben könnte: In Form seiner Wahl zum ersten grünen Landrat.

An Wahlkampf ist in der Krise kaum zu denken

Zur Wirklichkeit gehört aber auch, dass diese Stichwahl um den Chefsessel im Landratsamt unter komplett anderen Voraussetzungen stattfindet als die Wahlen vor sechs und zwölf Jahren - Bedingungen, wie es sie bei einem Urnengang in Bayern noch nie gegeben hat. Infolge der Auswirkungen der Corona-Krise ist erstmals ausschließlich Briefwahl gestattet. Aufgrund der Ausgangsbeschränkungen hat zudem in den vergangenen zwei Wochen im öffentlichen Leben kein Wahlkampf stattgefunden, die Bewerber haben - mit unterschiedlichen Strategien - in den sozialen Medien für sich geworben. Schließlich ist unsicher, inwieweit die Auszählung am Sonntagabend reibungslos über die Bühne gehen wird, da befürchtet wird, manche Kommunen könnten nicht genügend Wahlhelfer mobilisieren. Ein Landkreis im Ausnahmezustand. Ein Herausforderer im Schwebezustand. Ein amtierender Landrat im Krisenmodus.

Den 45-jährigen Gräfelfinger Christoph Göbel hat die Corona-Krise derzeit voll im Griff, an Wahlkampf ist kaum zu denken. Hin und wieder schickt der Christsoziale auf Facebook ein Foto an seine Follower, ansonsten bestimmen die Themen Schutzbekleidung für Pflegende und Mediziner, Testungen von Verdachtsfällen, Kapazitäten für schwer Erkrankte in Kliniken und besonders gefährdete Risikogruppen wie ältere Menschen den Alltag des Landrats. Mit Blick auf die Stichwahl an diesem Sonntag sagte Göbel schon am Wahlabend vor zwei Wochen, er gehe "sehr optimistisch" in diesen Urnengang; die Menschen im Landkreis verspürten und verbreiteten keine Wechselstimmung.

Der Herausforderer: Christoph Nadler (links) und der amtierende Landrat: Christoph Göbel.

(Foto: Claus Schunk)

Christoph Nadler zollt seinem Konkurrenten im Umgang mit der Corona-Krise Respekt. "Das Krisenmanagement ist wirklich gut, er hat dafür auch ein gut aufgestelltes Landratsamt und alle Kommunen machen mit", sagt Nadler, der weiß, dass es momentan äußerst schwer ist, über Corona hinaus Aufmerksamkeit zu generieren. "Es gibt zurzeit nur dieses eine Thema, das die Menschen zurecht beschäftigt", sagt Nadler. Klar sei aber auch, ein Landrat werde nicht nur für die Bewältigung dieser Krise gewählt, "sondern für sechs Jahre".

2014 gingen nur 38,2 Prozent der Wahlberechtigten an die Urne

Prognosen für Stichwahlen abzugeben ist schwierig, das hat das Jahr 2008 gezeigt. Wegen seines deutlichen Vorsprungs im ersten Wahlgang ging Göbel als klarer Favorit in den zweiten Durchgang, am Ende gewann er mit 55,3 Prozent knapper, als viele erwartet hatten; oder anders gesagt: Herausforderin Annette Ganssmüller-Maluche holte deutlich mehr Stimmen, als ihr viele zutrauten. Die Unwägbarkeiten bei dieser Landratswahl aber sind so groß wie nie zuvor, es ist nicht möglich, ein Stimmungsbild auf Veranstaltungen oder an Infoständen einzufangen. Niemand weiß, wie viele der nahezu 270 000 Wahlberechtigten im Landkreis München von der Briefwahl Gebrauch machen werden. Die Mobilisierung der eigenen Wähler und noch viel mehr Überzeugungsarbeit bei noch Unentschlossenen ist in diesem sehr gedämpften Wahlkampf schwieriger als sonst. Und die Stichwahl vor sechs Jahren hat zudem gezeigt, dass der Mobilisierungsgrad gering ist: Damals gingen nur 38,2 Prozent der Wahlberechtigten an die Urne.

Wie auch immer diese Wahl ausgehen wird: Einer der beiden Christophs wird mit einem Kreistag zusammenarbeiten müssen, dessen Konstellation sich stark verändert hat: Mit einer schwächeren CSU (36,6 Prozent), deutlich stärkeren Grünen (26,1), einer zusammengeschrumpften SPD (13,2) und erstmals auch mit AfD und Linken. Auch nach der Corona-Krise bleiben die Probleme dieses reichen und prosperierenden Landkreises bestehen: Es mangelt an Wohnraum, an bezahlbarem allemal, der öffentliche Personennahverkehr ist längst am Limit, es fehlen Fachkräfte in nahezu allen Bereichen und die Folgen des Klimawandels hinterlassen auch hier spürbare Folgen und Schäden.

Bisher, so hat sich gezeigt, arbeiten die beiden Christophs an der Lösung der Probleme gut zusammen, wie auch ihre Parteien. An diesem Sonntag wird die Frage beantwortet, in welche Konstellation sie das künftig fortführen werden.

© SZ vom 28.03.2020/hilb

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