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Immobilienmarkt:Wenn Wohnen zum Luxus wird

Baukraene hinter einem rot weissen Absperrband Berlin 10 08 2018 Berlin Deutschland *** Construct

Im Landkreis München fehlen Wohnungen, die Baubranche kann mit dem anhaltend hohen Wachstum kaum Schritt halten.

(Foto: imago/photothek)

Die Mietpreisbremse greift im Landkreis bisher nicht. In Ismaning liegt die ortsübliche Vergleichsmiete inzwischen bei 17 Euro pro Quadratmeter - das ist mehr als in Grünwald.

Das nötige Kleingeld muss man erst einmal aufbringen: Insgesamt 1387 Euro monatlich soll die "großzügige, moderne 2-Zimmer-EG-Wohnung" in einem Neubau in Ismaning kosten, zuzüglich Nebenkosten und Stellplatz. Nahezu 1400 Euro für 73 Quadratmeter Wohnfläche. Das macht 19 Euro für den Quadratmeter - im einst idyllischen Krautdorf im Münchner Norden, das einerseits im Verkehr erstickt und andererseits den Wahnsinn auf dem Immobilienmarkt längst zu spüren bekommt.

Als Anfang April auf einem Grundstück in der Ismaninger Nachbargemeinde Kirchheim die Spaten in den Boden gerammt werden, sagt Bürgermeister Maximilian Böltl (CSU) einen Satz, den wohl jeder seiner Amtskollegen im Landkreis München und der Region unterschrieben würde: Wohnen und Mobilität seien die großen "Fragestellungen der Kommunen".

Der Spatenstich war der Auftakt für den Bau von 14 gemeindeeigenen Wohnungen, die nach Fertigstellung von der Kommune selbst vergeben werden. Und doch, das weiß auch Böltl, sind diese 14 kommunalen Wohnungen nur ein Tropfen auf dem heißen Stein: Weit mehr als 160 000 Wohnungen gibt es im bevölkerungsreichsten Landkreis des Freistaats mit seinen mehr als 350 000 Einwohnern. Doch diese reichen bei weitem nicht aus.

Die Baubranche kann mit dem Wachstum nur bedingt Schritt halten

Im Landkreis München gibt es mittlerweile an die 240 000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse und der Boom ist bisher ungebrochen; dies spiegelt sich bei der Einwohnerentwicklung wider, bis ins Jahr 2035 werden Angaben des Bayerischen Landesamtes für Statistik zufolge im Landkreis 390 000 Menschen leben - vorsichtig gerechnet. Doch die Baubranche und insbesondere die kommunalen Anstrengungen bei der Errichtung bezahlbaren Wohnraums etwa durch die Baugesellschaft München-Land können mit dieser Entwicklung nur bedingt Schritt halten.

Deborah Bichlmeier aus Ismaning, die in einer Bank in der Gemeinde den Aushang für die 73-Quadratmeter-Neubauwohnung für eine monatliche Warmmiete von 1567 Euro entdeckt hat, gerät bei solchen Angeboten "in Wallung", wie sie sagt. Und sie beschreibt eine Angst, die wohl immer mehr Menschen in einer Region erfasst, die einerseits immer reicher wird, in der sich andererseits Erzieher, Lehrer, Altenpfleger und viele mehr das Leben kaum oder gar nicht mehr leisten können. Als sie vor bald 20 Jahren ihre Ausbildung in einer Bank absolviert habe, sagt Bichlmeier, habe noch die Regel gegolten: Eine Miete darf höchstens ein Drittel der Netto-Einkünfte in Anspruch nehmen. "Heute liegt das definitiv anders. Rücklagen für die Rente sind bei solchen Preisen nicht möglich, nicht einmal für die Winterkleidung unserer Kinder können wir manchmal Rücklagen bilden", sagt sie. "Die soziale Armut ist vorprogrammiert."

Noch sind Wohnungen wie jene, die in Ismaning angepriesen wird, mit einem Quadratmeterpreis von 19 Euro eher die Ausnahme auf dem freien Markt. Legal aber ist dieser in diesem Fall, denn die Mietpreisbremse, die mittlerweile auch in allen 29 Kommunen des Landkreises gilt, greift bei Neubauten nicht. Die unlängst von der Berliner Koalition auf den Weg gebrachte Verschärfung der Mietpreisbremse aber begrüßt etwa der Mieterverein München dennoch, vor allem, dass Mieter rückwirkend für einen Zeitraum von 2,5 Jahren nach Vertragsschluss Geld zurückfordern können, wenn ihr Vermieter gegen die Mietpreisbremse verstößt.

Bisher hat die Mietpreisbremse im Landkreis aber nicht dazu geführt, die Tendenz steigender Kosten drastisch abzuschwächen. In Ismaning liegt die ortsübliche Vergleichsmiete laut Mietspiegel derzeit bei nahezu 17 Euro, das ist der höchste Wert im Landkreis. In Unterschleißheim, der mit mehr als 30 000 Einwohnern bevölkerungsstärksten Kommune, und in Ottobrunn werden um die 15 Euro verlangt. In Unterhaching liegt die ortsübliche Miete etwas unter, in Grünwald etwas über 16 Euro, und im beschaulichen Aying kostet der Quadratmeter um die zwölf Euro.

Und selbst in Kommunen, die selbst massiv in den Wohnungsbau investieren, ist es kaum mehr möglich, auf dem freien Markt eine bezahlbare Bleibe zu finden. In Pullach etwa gibt es mehr als 560 Einheiten im Besitz der Wohnungsbaugesellschaft, deren Mehrheitsgesellschafter die Kommune ist - und die Wartelisten für eine der begehrten Wohnungen sind lang. Ebenso in der Ottobrunner Josef-Seliger-Siedlung, einem der Vorzeigeobjekte der Baugesellschaft München-Land, die derzeit komplett neu errichtet wird - dort ist der Quadratmeterpreis bei einem Wert von 9,50 Euro eingefroren. Wird in der Mediengemeinde Unterföhring eine der 500 kommunalen Wohnungen frei, gehen in der Rathausverwaltung im Schnitt 60 Bewerbungen für das Objekt ein. Kein Wunder, auch in Unterföhring liegt der Quadratmeterpreis im Schnitt bei 16 Euro und mehr, in Pullach sind es nahezu 17 Euro.

Dieser nicht nachlassende Druck auf dem Wohnungsmarkt hinterlässt Spuren, die weit in Familien und die Psyche jedes Einzelnen hineinreicht, glaubt die Ismaningerin Bichlmeier. Auch in ihrem Heimatort Ismaning, einem "reichen Dorf", wie sie sagt, gebe es eben Menschen, die nicht zu den "Reichen" gehörten. Oft müssten beide Elternteile arbeiten, um sich das Leben noch leisten zu können, Alleinerziehende bräuchten zwei Jobs und Kinder müssten früh in Betreuungseinrichtungen untergebracht werden. In Ismaning sei das zum Glück einerseits möglich, andererseits leide darunter auch die Bindung zwischen Kindern und Eltern, sagt sie: "Wir ziehen eine Generation hoch, die nur noch für das Wohnen verdienen wird und gerade einmal ein paar Euro pro Monat zum Leben hat."

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