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Zukunftsperspektive:Wachstum hält den Druck hoch

Stau auf der A99 bei München, 2016

Der alltägliche Wahnsinn: Stau auf der A99 kurz vor dem Autobahnkreuz Süd zwischen Putzbrunn und Hohenbrunn.

(Foto: Florian Peljak)

Der Landkreis prosperiert und gewinnt an Einwohnern. Doch die Infrastruktur hinkt nach. Es fehlen Wohnungen und auch beim Bau von weiterführenden Schulen muss sich die Politik ranhalten.

Es gibt sie noch, die Phasen, in denen dieser sonst so pulsierende Landkreis zur Ruhe kommt. Wenn es so viele in den Pfingstferien in die Ferne zieht, fühlt sich manch Pendler auf der Autobahn auf dem Weg in die Arbeit plötzlich ziemlich alleine, im Bus ist die Auswahl an Sitzplätzen grenzenlos, und auch Tram- und S-Bahnen sind teilweise wie leergefegt. Doch das ist nur eine Momentaufnahme; mit dem Ende der Ferien wird der Druck wieder spürbar ansteigen - und er wird in den kommenden Jahren in nahezu allen Lebensbereichen drastisch zunehmen.

Der bevölkerungsreichste Landkreis des Freistaats wird weiter wachsen, immer mehr Menschen wird es in die 29 Städte und Gemeinden von Unterschleißheim über Ottobrunn bis Grünwald ziehen. Und sie werden es immer schwerer haben, eine Wohnung zu finden.

Das geht aus der neuesten Veröffentlichung des Planungsverbands Äußerer Wirtschaftsraum zu den "Kreisdaten" hervor, die jährlich erscheinen. Eine Botschaft des Verbandes ist dabei unmissverständlich: Zwar sei das Wohnungsangebot in der Region München im Zeitraum von 2007 bis 2017 stetig gewachsen. "Dennoch reichen die Wohnungen in der Stadt und der Region München nicht aus, um die wachsende Bevölkerung langfristig mit Wohnraum zu versorgen", warnt der Planungsverband.

Im Jahr 2017 lebten etwas mehr als 346 000 Menschen im Landkreis München, mittlerweile sind es mehr als 350 000 Bürger, darunter mehr als 60 000, die keinen deutschen Pass besitzen. Die Bevölkerungsprognose des Statistischen Landesamtes geht von einer anhaltenden Steigerung der Bevölkerungszahl auf nahezu 390 000 Menschen bis ins Jahr 2037 aus.

Ottobrunn, Gymnasium, Foto: Angelika Bardehle

Das Ottobrunner Gymnasium, 2016 nach dem Neubau wiederöffnet, gehört zu den modernsten im Kreis.

(Foto: Angelika Bardehle)

In Unterföhring ist die Einwohnerzahl explodiert

Vor allem drei Kommunen im nördlichen Landkreis sind in den vergangenen Jahren merklich gewachsen. Innerhalb von nur zehn Jahren ist etwa in Unterföhring bis ins Jahr 2017 die Zahl der Einwohner um 31,6 Prozent auf mehr als 11 000 explodiert; in Aschheim waren es im selben Zeitraum 27,3 Prozent Zuwachs auf etwa 9000 Einwohner, in Feldkirchen 24,2 (7435) und in Sauerlach im Süden 22,6 Prozent Bevölkerungszuwachs auf etwas mehr als 8000 Bürger.

Das durchschnittliche Wachstum im Landkreis lag bei 9,8 Prozent - und damit deutlich über dem bayernweiten Schnitt von 3,8 Prozent. Selbst in der flächenmäßig kleinsten Kommune des Landkreises mit der deutschlandweit nach München zweithöchsten Bevölkerungsdichte, in Ottobrunn, lag das Wachstum bei etwas mehr als acht Prozent.

Kommentar

Zu spät, zu wenig, zu langsam

Der Landkreis wächst schnell, aber die Menschen haben Probleme Unterkünfte zu finden, zumal wenn es keine Großverdiener sind. Das zu ändern ist eine Herausforderung   Von Martin Mühlfenzl

Die mit Abstand bevölkerungsreichste Kommune des Landkreises ist und bleibt die Stadt Unterschleißheim mit mittlerweile mehr als 30 000 Einwohnern (2017: 28 809). In Hohenbrunn (0,5 Prozent) und Neubiberg (0,3 Prozent) indes stagnierte das Wachstum nahezu.

In einem Bereich macht sich dieses ungebrochene Wachstum besonders deutlich bemerkbar und stellt vor allem den Landkreis als Sachaufwandsträger vor besondere Herausforderungen: Beim Ausbau der Schullandschaft - insbesondere der Gymnasien und Realschulen. In den vergangenen Jahren hat der Landkreis München eine beispiellose Schulbauoffensive erlebt, die in naher Zukunft noch intensiviert werden muss und wird.

Mehr als 15 000 Schüler besuchen derzeit die 14 Gymnasien im Landkreis München; bis ins Jahr 2035 prognostiziert der Schulbedarfsplan des Landkreises eine Schülerzahl von weit mehr als 20 000 - vorsichtig geschätzt angesichts einer Übertrittsquote von den Grundschulen auf die Gymnasien im Landkreis von etwa 60 Prozent.

Auch die Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums übt zusätzlichen Druck auf die Schullandschaft aus, bis ins Schuljahr 2025/26 wird die Reform eine Steigerung der Schülerzahlen um weitere zehn Prozent zur Folge haben.

Also wird weiter geplant, beschlossen und gebaut: In Ismaning hat das neueste Gymnasium des Landkreises bereits eröffnet, eine neue Schule in Unterföhring ist im Bau, eine weitere in Aschheim beschlossen. Auch die ländlich geprägte Gemeinde Sauerlach wird wohl ein Gymnasium erhalten, Putzbrunn hat sich als Standort einer weiterführenden Schule beworben, Oberschleißheim sein Interesse bekundet. Diese schulpolitische Offensive hat zur Folge, dass mittlerweile mehr Schüler aus der Landeshauptstadt Gymnasien im Landkreis München besuchen als umgekehrt.

Eine Entwicklung, die mittlerweile auch in der Arbeitswelt zu beobachten ist. Der Wirtschaftsstandort Landkreis wächst und prosperiert unaufhaltsam. Im Landkreis gibt es derzeit etwa 237 000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. In die Mediengemeinde Unterföhring etwa pendeln tagtäglich mehr als 22 000 Arbeitnehmer, doppelt so viele Menschen wie der Ort Einwohner hat.

Wo aber sollen all die Menschen wohnen, die es hierher zieht oder die hier bleiben wollen? Insgesamt 1946 Baugenehmigungen gab es im Landkreis im Jahr 2017, ein Allzeithoch. Die Gesamtwohnfläche ist so hoch wie nie, der Leerstand so tief wie nie. Dennoch schlägt der Planungsverband Alarm - das Wachstum wird den Druck hoch halten.