Süddeutsche Zeitung

Coronavirus:Einsames Abschiednehmen

Im Altenheim Katharina Labouré in Unterhaching waren viele Bewohner und Mitarbeiter an Covid-19 erkrankt. Darunter auch Jesuiten-Pater, die in einer Kommunität dort leben. Der Superior berichtet vom Tod seiner Mitbrüder und was es für die Gemeinschaft bedeutet.

Von einem Tag auf den anderen riss das Coronavirus die Menschen im Alten- und Pflegeheim Sankt Katharina Labouré zunächst aus ihrem Alltag und dann 19 von ihnen aus dem Leben. Unter den Toten ist der älteste Jesuit der deutschen Ordensprovinz, Pater Johannes Beck, sowie fünf weitere Mitglieder des Jesuiten-Ordens, die in einer Kommunität innerhalb des Heims lebten. Über Wochen hatte die Lungenkrankheit Covid-19 die Gemeinschaft in Schach gehalten, mehr als die Hälfte der Heimbewohner hatte sich mit dem Virus infiziert. Zurück bleiben Trauer und das Wissen, dass viele Menschen einsam gestorben sind.

"Ich habe versucht, den Kontakt wenigstens per Telefon aufrechtzuerhalten", erzählt Pater Peter Waibel, Superior der Kommunität, die bis zum Ausbruch der Pandemie noch aus 17 Ordensbrüdern bestand. Bei Erkrankten, die nur noch schlecht hörten, sei aber auch diese Form der Begleitung weggefallen. "Pater Beck war mit 97 Jahren hoch betagt, ihm konnte man nur ins Ohr brüllen", sagt Waibel.

Es schmerze, Ordensbrüder, die ihr Leben der Gemeinschaft gewidmet hätten, am Ende ihres Lebens einsam zu wissen. "Ganz alleine gestorben ist aber niemand", bekräftigt Christoph Kugler, Leiter des Alten- und Pflegeheims. Es sei alles getan worden, um den erkrankten Menschen die extreme Isolation zu erleichtern. Man habe Tablets angeschafft, um Gespräche von Angesicht zu Angesicht zu ermöglichen. "Und wenn klar war, dass der Tod naht, dann durfte ein Angehöriger kommen und dem Sterbenden in Schutzkleidung beistehen".

Auch 40 Mitarbeiter erkrankten an Covid-19

Es sei aber auch vorgekommen, dass sich Angehörige aus Angst vor einer Infektion nicht auf die Isolierstation getraut hätten. Dann sei Pflegepersonal eingesprungen. Unter den Mitarbeitern hätten sich dafür auch Freiwillige gemeldet, die auf das Virus zwar positiv getestet aber weitgehend symptomfrei waren. Denn auch 40 Mitarbeiter, darunter die Leitung mit Christoph Kugler, erkrankten zwischenzeitlich an Covid-19.

"Die Angst vor einer Infektion war natürlich auch unter unseren Mitarbeitern spürbar", sagt Claus Peter Scheucher, Generalökonom der Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul. Vom Personal sei niemand gestorben, aber es habe schwere Verläufe gegeben. Um den Engpass auszugleichen, seien kurzfristig Mitarbeiter aus anderen Häusern der Kongregation und von Zeitarbeitsfirmen eingesprungen. Die Ereignisse hätten sich täglich überschlagen, berichtet Scheucher. "Wir haben immer nur auf die nächsten fünf Stunden planen können." Es sei ein Kraftakt gewesen, der nur gemeinsam habe gestemmt werden können.

"Alles ging Ende März los", erzählt Kugler von dem Tag, an dem das Virus im Altenheim ausbrach. Gleich mehrere Bewohner seien positiv auf den Erreger Sars-CoV-2 getestet worden. Dann habe es schnell gehen müssen. Kuglers Entscheidung, Kapelle und Cafeteria kurzerhand in Quarantänestationen umzuwandeln, sei sofort in Angriff genommen worden. Noch am Abend des selben Tages habe das Technische Hilfswerk (THW) eine Trennwand im Erdgeschoss eingezogen.

Und nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren, brachte Kugler gemeinsam mit einer Schwester alle positiv getesteten Bewohner auf die neue Isolierstation. Die schnelle Reaktion der Heimleitung konnte das hochansteckende Virus jedoch nicht mehr aufhalten. "Es gab einen rasanten Verlauf, wie eine Explosion", sagt Kugler.

Zwei Mitglieder der Jesuiten-Kommunität traf es gleich zu Beginn. Sie wurden auf die Isolierstation verlegt, auf der das Pflegepersonal in Vollvermummung teilweise Zwölf-Stunden-Schichten stemmte. Aber auch für die Gesunden änderte sich der Alltag von Tag eins. "Der tägliche Gottesdienst in der Kapelle, die gemeinsamen Essenszeiten, Besuche, Veranstaltungen und alles, was gerade älteren Menschen Struktur gibt, ist abrupt weggebrochen", fasst Pater Waibel zusammen.

Binnen vier Wochen starben sechs Mitglieder der Kommunität

Bald reichte auch der Platz in Kapelle und Cafeteria für die Zahl der Erkrankten nicht mehr aus und die Isolierstation wurde auf das gesamte Erdgeschoss ausgeweitet. Für die Ordensbrüder, die als Gemeinschaft in diesem Stockwerk des Altenheims zusammenleben, bedeutete es, ihre Habseligkeiten in Windeseile zu packen und ihre Zimmer im Erdgeschoss zu verlassen.

Die darauffolgende Zeit der Isolation wurde immer wieder von Todesnachrichten erschüttert. Binnen vier Wochen starben sechs Mitglieder der Kommunität. Einige von ihnen begleitete Pater Waibel telefonisch bis zu ihrem Tod. "Wenn ich jemanden telefonisch nicht mehr erreicht habe, sind die Alarmlampen angegangen". Dann habe ihn wenig später die Todesnachricht erreicht und ein Bestatter sei mit einem Sarg gekommen. Keine Trauerfeier. Keine Aussegnung. "Das trifft mich sehr", sagt Waibel.

So wisse er, dass der Jesuitenpater Hans Grotz noch eine Krankensalbung gewünscht habe. Genauso wie Beck hatte Grotz sein Leben früh dem Glauben verschrieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem er schwere Verwundungen erlitten, zwei Brüder und eine Schwester verloren hatte, war er in den Orden eingetreten. "Pater Grotz hatte sich darauf verlassen, dass ein Glaubensbruder zum Ende an seiner Seite sein würde", sagt Waibel.

Dann ebbte die Infektionswelle ab, Mitte Mai war sie vorüber. Bis zur Normalität ist es aber noch ein weiter Weg. So steht Waibel in diesen Tagen in Schutzkleidung in den verlassenen Zimmern seiner Mitbrüder. Er sortiert das Leben der Verstorbenen in Kisten. "Das ist auch ein Abschiednehmen", sagt er. "Man tritt noch einmal ganz anders in Kontakt".

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SZ vom 23.05.2020
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