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Einzelhandel:Alles muss raus

Nach vier Jahrzehnten "Intensivnutzung" muss der Marktkauf an der Feringastraße in Unterföhring dringend generalsaniert werden.

(Foto: Stephan Rumpf)

An diesem Samstag schließt in Unterföhring der Marktkauf. Das Kaufhaus stammt aus einer Zeit, als Konsum noch ohne schlechtes Gewissen möglich war. Ende des Jahres will Edeka "zeitgemäß" wiedereröffnen.

Die Gemüse- und Obstabteilung ist am Donnerstagnachmittag noch voll mit frischen Äpfeln, Tomaten und Salat. Je weiter man jedoch in die Regalfluchten hinein geht, desto mehr lichten sich diese: Wo sich sonst Kaffee, Nudeln und Öl fast bis unter die Decke stapeln, sind die Verkaufsregale bereits halb leer. Konserven und Honig sucht man gar vergeblich.

Auch die Kühltheken laufen nur noch vereinzelt für die letzten Tüten Milch. Weiter hinten, bei den Elektrogeräten, wartet ein einzelner Fernseher auf einen Käufer. Dafür schieben überraschend viele Kunden ihre Einkaufswagen durch die Gänge. Zum letzten Mal. Denn der Marktkauf in Unterföhring schließt an diesem Samstag für immer.

Wenn der Großmarkt an der Feringastraße im Herbst rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft seine Türen wieder öffnet, erwartet die Kunden ein gänzlich neues Geschäft - auch mit neuem Namen: der mit 8000 Quadratmetern Verkaufsfläche größte Edeka-Markt in ganz Südbayern.

Es soll ein zeitgemäßes Design entstehen

Zusätzlich wird im Untergeschoss, wo früher ein Getränkemarkt war, eine Filiale des französischen Sportartikelherstellers Decathlon entstehen. Man wolle den Kunden ein "zeitgemäßes Ladendesign" sowie eine "innovative und kundenfreundliche Gestaltung von Markt, Sortiment und Service" bieten, heißt es in einer Pressemitteilung des Handelskonzerns. Wie es mit dem Bäcker, der Apotheke und den weiteren kleinen Läden weitergeht, die im Erdgeschoss des Marktkaufs liegen, ist nach Angaben eines Unternehmenssprechers noch unklar.

Mit der Schließung an diesem Wochenende und dem Beginn der Umbauphase geht jedenfalls eine Ära zu Ende. Der Marktkauf, der früher Kaufmarkt hieß, war über Jahrzehnte hinweg nicht nur für die Unterföhringer eine Institution. Auch aus München und der weiteren Umgebung kamen Kunden in das gelbe Gebäude mit dem grünen Logo, um ihren Wocheneinkauf zu erledigen.

Es gab nichts, was es in dem architektonisch recht profanen Konsumtempel nicht gab: Ob Lebensmittel, Textilien, Haushaltswaren oder Elektrogeräte - von der Dosensuppe über Nähgarn und Turnschuhe bis zur Waschmaschine fanden vor allem jene, die aufs Geld achteten, alles und zu Weihnachten auch Tannenbäume. Ergänzt wurde das Angebot in dem mehrstöckigen Gebäude mit seinen sonst nur von Flughafen bekannten flachen Rolltreppen durch eine Apotheke, ein Blumengeschäft, eine Bäcker, einen Metzger sowie den Getränkemarkt.

Und dazu gibt es noch ein Parkhaus, in dem sich alle Einkäufe sofort im Auto verstauen lassen. Besonders in den konsumfreudigen Siebzigerjahren gehörte der Ausflug zum Großeinkauf daher gerade für Familien zum festen wöchentlichen Programm. Als Konsum noch ohne schlechtes Gewissen möglich war, wurden überquellende Einkaufswagen durch die großen Schiebetüren gerollt.

Das riesige Sortiment nennen auch in der Woche vor der Schließung noch viele, die auf der Suche nach Ausverkaufschnäppchen sind, als Grund für ihren Einkauf. Dass sich das in Zukunft ändern soll, nehmen viele Kunden wehmütig zur Kenntnis. "Ich bedauere das sehr", sagt eine Münchnerin, die nach eigenen Worten jede Woche nach Unterföhring kam. Der Markt sei doch erst vor ein paar Jahren umgebaut worden, alles sei sehr übersichtlich. Wieso man das nun wieder ändere, versteht die Frau aus Bogenhausen nicht. "Ich war eine der ersten Kundinnen damals, als es noch Kaufmarkt hieß", erinnert sich die Seniorin.

19 Pfenning für die Weißwurst

Ein Rentner aus Ismaning denkt ebenfalls gerne an die Anfangszeiten zurück. "Schon früher bin ich hier gerne wegen der Weißwürste einkaufen gegangen, die nicht nur von guter Qualität waren, sondern damals auch nur 19 Pfennig gekostet haben." So mancher Kunde verbindet mit dem Marktkauf auch persönliche Erinnerungen und Erlebnisse. So erzählt ein Unterföhringer von einer Ballonfahrt über den Ammersee, die er bei einer Tombola anlässlich der kleineren Renovierung vor knapp 15 Jahren gewann.

"Mit uns geht eine Ära zu Ende", fasst Maria Österreicher zusammen. Seit 1993 arbeitet sie als Verkäuferin an der Fleischtheke. In den Jahren habe sie viele Stammkunden bedient, aber auch immer wieder neue, junge Kunden. Die Schließung bedeutet für sie vorerst einen Arbeitsplatzwechsel. Für die Zeit des Umbaus sollen sie und ihre Kollegen "wohnortnah" in anderen Filialen eingesetzt werden. "Ich bin schon traurig", sagt Österreicher. "Aber ich bin auch neugierig auf das Neue."

Marktleiter Reinhardt Pigorsch kann die Wehmut seiner Kunden und Mitarbeiter verstehen. "Alle fragen mich momentan: Wann kommt ihr wieder? Wo soll ich denn jetzt einkaufen? Dann verspreche ich den Kunden, dass wir uns wiedersehen", erzählt er. Seit vier Jahren leitet Pigorsch den Markt, und er weiß: Über Generationen hinweg hat der Marktkauf nicht nur Unterföhringer mit Lebensmitteln und allerlei mehr versorgt.

Die Renovierung sei aber nach mehr als 40 Jahren Intensivnutzung notwendig. Lange Zeit habe man versucht, das Gebäude ohne Schließung zu sanieren, bei der Menge an Arbeiten sei das aber nicht mehr möglich. Pigorsch und sein Team werden sich nun zunächst darum kümmern, die Lebensmittel zu verpacken, die in den vergangenen Tagen nicht mehr verkauft werden konnten. Die Produkte sollen an die benachbarten Supermärkte verteilt werden, ein Teil soll auch der Münchner Tafel zugute kommen.

Nach Angaben von Edeka arbeiten derzeit 114 Angestellte in Unterföhring, der Marktleiter hofft, alle davon nach Abschluss des Umbaus übernehmen zu können. Nach der Wiedereröffnung unter neuem Namen soll das Personal laut dem Unternehmen sogar aufgestockt werden: auf etwa 170 Mitarbeiter. Denn dass der Großmarkt in Unterföhring weiterhin Kunden aus Stadt und Land anzieht, davon ist man bei der Handelskette fest überzeugt.