Adventskalender für gute Werke:Wenn sich der Vater in der Küche verbarrikadiert

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Adventskalender für gute Werke: Entspannte Atmosphäre: Beim Offenen Treff im "Haus der Familie" können sich junge Eltern auch untereinander über Erziehungsfragen austauschen.

Entspannte Atmosphäre: Beim Offenen Treff im "Haus der Familie" können sich junge Eltern auch untereinander über Erziehungsfragen austauschen.

(Foto: Claus Schunk)

Das "Haus der Familie" in Taufkirchen ist vor allem seit den harten Lockdowns der vergangenen anderthalb Jahre eine wichtige Anlaufstelle.

Von Claudia Wessel, Taufkirchen

Mit einem neugeborenen Baby allein zu Hause - das ist für jede Mutter und jeden Vater eine aufregende, schwierige und manchmal auch beängstigende Situation. "Erst recht mit einem Corona-Baby", sagt Sandra Tillmann, Leiterin des "Hauses der Familie" in Taufkirchen. Ein "Corona-Baby" ist kein infiziertes Kind, sondern ein Begriff, der sich unter Eltern und Pädagogen während der Pandemie geprägt hat: Kinder, die während der Lockdowns geboren wurden.

"Das war besonders schlimm", sagt Tillmann. "Keinerlei Kontakte, keine Großeltern, die einspringen, keine Cafés, in denen man mal eine Freundin treffen konnte." Und dazu auch noch die Ängste vor der Situation generell und vor der Krankheit. Die Mitarbeiterinnen im "Haus der Familie", betrieben von dem Verein Integra, wussten schon während des ersten Lockdowns genau, dass jetzt viele junge Eltern in eine Krise schlittern, weil ihnen die Betreuung durch Pädagoginnen und die Hebammen fehlen würden.

Telefonberatung ist nicht dasselbe

Sofort stellte man natürlich auf Telefonberatung um, doch das war nicht dasselbe. Die Hebammen bestanden denn auch darauf, trotzdem Hausbesuche zu machen - unter sämtlichen Hygienevorschriften. Denn in einer solchen Situation einer hilflosen Mutter aus der Ferne Tipps zu geben, das hätte nicht gereicht. Auch der Blick aufs Baby war einfach notwendig. Und eine Mutter, die vielleicht eine Brustentzündung hat, muss persönlich beraten werden. Der "Stilltreff" dagegen musste ausfallen, stattdessen gab es eine Telefonberatung.

Die Telefone aber blieben vor allem in den ersten Wochen des ersten Lockdowns unheimlich still, berichten im "Haus der Familie" im Taufkirchener Postweg Sandra Tillmann, ihre Stellvertreterin Anna Hoffmann und Petra Esch vom Familienstützpunkt, der ebenfalls regelmäßig hier vertreten ist. Vielleicht lag es daran, dass man anfangs dachte, die Situation sei schnell überwunden. Doch der Lockdown wurde immer wieder aufs Neue verlängert und den Pädagoginnen die Extremsituation vieler Familien immer bewusster.

Wie genau es jedoch in der Zeit abgelaufen war, das erfuhren sie im Grunde erst so richtig und im Detail, als der "Offene Treff" nach den Lockdowns wieder ein solcher war, und zwar wie gehabt Dienstag bis Freitag von 8.30 Uhr bis 11 Uhr für Eltern mit Null- bis Dreijährigen und Dienstag und Donnerstag von 14.45 Uhr bis 17 Uhr für Größere. "Es sind oft kleine Dinge, die Großes bewirken", sagt Tillmann. Solange die Restaurants geschlossen waren, habe man im Treff keinen Kaffee ausschenken dürfen, die ersten, auf nur drei Mütter mit Kindern begrenzten Treffen seien nicht so entspannt wie sonst gewesen.

Als aber die Kaffeemaschine wieder lief, kam alles ans Licht. "Ich bin ins Café gegangen und von da an gab es nur Zuhören, Zuhören", sagt Petra Esch. Da berichtete ihr eine Mutter von zwei Kindern, wie es in der Vierzimmerwohnung zugegangen war während der vielen Monate. Am besten kam die Tochter damit zurecht, die noch in den Kindergarten ging. Der Sohn aber, ein sehr selbständiger Grundschüler, "hat blockiert". Der Vater wiederum "hat sich in der Küche verbarrikadiert", denn er musste arbeiten und verlangte Ruhe. "Die Väter haben sich oft rausgezogen", erfuhr Esch.

Eine andere Mutter mit schon großen Kindern berichtete, dass sie selbst Vollzeit in einer Notbetreuung arbeiten musste, die Tochter Abitur machte, der Sohn studierte. Der Vater saß im Schlafzimmer, das Laptop auf dem Bügelbrett. Viele Väter arbeiteten sogar vom Bett aus, die Kinder sagten dann: "Der Papa steht gar nicht mehr auf!" Auch verstanden sie nicht, dass der Vater zwar zu Hause, aber nicht für sie da war. In einer Familie schlug der Vater sein Büro im Kinderzimmer auf - und zog nicht wieder aus. Die Tochter dagegen machte ihre Hausaufgaben im Flur.

Von in der Wohnung aufgehängten Schaukeln Vierjähriger, die nicht glauben wollten, dass die Spielplätze wirklich zu waren und die das täglich überprüfen mussten, bis zu schwierigen Wechsel zurück in die Kita, vor allem nach dem zweiten Lockdown - so viel hatte sich bei den Müttern angesammelt und musste mitgeteilt werden. "Einmal Lockdown, das haben viele Kinder noch wie Ferien empfunden", sagt Tillmann. "Doch nach dem zweiten Mal, der ja auch viel länger war, hatten viele große Probleme. Viele Kinder haben beim Abschied von den Eltern, die sie in die Kita brachten, wieder geweint."

Auch sind viele Ängste bei den Kindern zurückgeblieben. "Sie nehmen Krankheiten jetzt viel schwerer", sagt Tillmann. Ganz am Anfang war das noch schlimmer, da hatten sie "bei jeder Erkältung Panik". Aber auch jetzt sei die Angst vor Krankheit noch stärker, auch dass man immerzu die Tests machen muss, trage dazu bei. Und das angesichts der Tatsache, dass viele Kinder inzwischen ohnehin viel öfter und länger malade sind, weil ihr Immunsystem durch die Hygienemaßnahmen geschwächt sei. "Die sind oft gleich zwei Wochen krank", so Tillmann.

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Nach all diesen schlimmen Zeiten und vielfältigen Problemen sind die Eltern unglaublich froh, wieder in den "Offenen Treff" kommen zu können. Natürlich mit 3-G-Regel und mit Masken. Aber das Wichtige ist, dass sie nicht mehr allein sind. "Ich bin so froh, dass ich zu euch kommen kann", ist ein Satz, den die Betreuerinnen sehr oft hören, und "Es ist so toll, dass ihr immer ein offenes Ohr habt". Auch die Kinder seien nach ihrer Rückkehr sichtlich froh gewesen. "Sie haben sich gar nicht mehr gestritten", so Tillmann.

Ein tolles Erlebnis, für das sich alle Eltern und Kinder auch vielfach bedankt haben, war auch das "Theater im Garten" im Sommer. 60 Familien machten Picknick und sahen "Oh wie schön ist Panama". Im September gab es eine weitere "Kinderwoche" mit täglich wechselndem Programm, etwa Puppenspieler oder Zauberer. Für solche heilsamen Events, nach denen "Corona-Familien" lechzen, möchte das "Haus der Familie" die Spenden des SZ-Adventskalenders verwenden.

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