Bundestagswahl im Landkreis München:Grüner als die Grünen

Bundestagswahl im Landkreis München: Yannick Rouault (ÖDP).

Yannick Rouault (ÖDP).

(Foto: Claus Schunk)

Der Ottobrunner Yannick Rouault tritt für die ÖDP an, weil sie eine konsequent wachstumskritische Politik vertritt.

Von Irmengard Gnau, Ottobrunn

Als Kind fuhr Yannick Rouault regelmäßig mit seinen Eltern und seinem Bruder die Familie des Vaters in Frankreich besuchen - mit dem Zug. Ein Auto besaß die Familie nicht, Fliegen kam für die Eltern aus ökologischer Überzeugung nicht in Frage. Also ging es von Ottobrunn nach München, dann neun Stunden Fahrt bis Paris und noch einmal etwa zwei Stunden nach Châtellerault. Zwei Dinge hat Rouault aus dieser Erfahrung mitgenommen: Er ist bis heute begeisterter Zugfahrer. Und er beschäftigt sich intensiv mit stillgelegten Strecken.

"In Frankreich musste mein Opa uns immer von Châtellerault mit dem Auto abholen, denn für den letzten Teil der Strecke fuhren einfach keine Züge mehr", erinnert sich der 27-Jährige. Obgleich stillgelegte Routen den freiberuflichen Kameramann und Fotografen aus ästhetischen Gründen faszinieren, ist er heute überzeugt: "Reaktivierte Strecken sind besser als stillgelegte." Darum will Rouault sich stark machen dafür, dass auch in Deutschland wieder mehr auf den Zug gesetzt wird statt auf den immer weiteren Aus- und Neubau von Straßen - am liebsten als Abgeordneter im Bundestag. Dafür wirft der Ottobrunner am 26. September als Direktkandidat im Landkreis München seinen Hut in den Ring.

"Der Dialog mit den Menschen macht mir Spaß."

Dass er als Vertreter der Kleinpartei ÖDP keine realistischen Chancen hat, tatsächlich in den Bundestag einzuziehen, schreckt Rouault nicht ab. Er will durch einen engagierten Wahlkampf den Themen, die ihm am Herzen liegen, allen voran ein beherztes Reagieren auf den Klimawandel, mehr Präsenz in der Öffentlichkeit verleihen. Da die ÖDP wie alle bislang nicht im Bundestag vertretenen Parteien zunächst Unterstützerunterschriften aus dem Wahlkreis vorweisen muss, bevor ihr Kandidat ins Rennen gehen darf, ist Rouault schon seit einigen Wochen im Landkreis unterwegs, um an Infoständen mit Menschen ins Gespräch zu kommen und für sich und seine Themen zu werben. "Der Dialog mit Menschen macht mir Spaß", sagt er, und man nimmt es ihm ab.

2017 brachte ihn dies dazu, sich der ÖDP anzuschließen. Während seines Studiums an der Hochschule für Medien in Stuttgart füllte er den Mitgliedsantrag aus. Dass es die ÖDP geworden ist und nicht die Grünen, die sich ebenfalls stark für Umweltthemen einsetzen, liegt vor allem daran, dass die ÖDP nicht ein umweltverträgliches Wirtschaftswachstum unterstützt, sondern sich klar wachstumskritisch positioniert. "Wir müssen ein, zwei Schritte zurück machen", ist auch Rouault überzeugt. "Das Wachstum der vergangenen 20 Jahre war nur möglich auf Kosten anderer und der Umwelt." Für Politik interessiert sich Rouault schon seit seiner Jugend; im Gymnasium Neubiberg engagierte er sich im Arbeitskreis Politik, versuchte dort mit verschiedenen Aktionen, politisches Geschehen für sich und die Mitschüler erlebbar zu machen.

Auch und gerade rund um München sieht Rouault viele Ansatzpunkte, um insbesondere eine echte Mobilitätswende anzustoßen. Insbesondere das Radwegenetz müsse ausgebaut werden und der ÖPNV gestärkt. Das, ist Rouault überzeugt, würde auch das Wohnen außerhalb der Metropolregionen wieder attraktiver machen und damit den Druck nach ständig neuem Wohnungsbau in Ballungsgebieten und der damit verbundenen Flächenversiegelung mindern. "Menschenfreundliche Mobilität" nennt er das auf seinem Flyer, der im schmucken Visitenkartenformat daherkommt. Überhaupt merkt man Rouault an, dass er einer Generation entstammt, die sich zu präsentieren weiß, privat wie auch politisch.

Seine dokumentarische Fotoserie "Manheim - ein Ort verschwindet" über den Braunkohletagebau im Rheinland war jüngst im Ottobrunner Rathaus zu sehen. Mit 27 Jahren fällt es Rouault zudem im Wahlkampf leicht, glaubwürdig zu vermitteln, dass er gerade auch mit jüngeren Menschen ins Gespräch kommen will. Auf Instagram weist der Ottobrunner online-tauglich knackig und bildlastig auf seine jüngsten politischen Aktivitäten hin. Seinen Podcast "Wie komme ich in den Bundestag fast", den Rouault mit einem Freund aus Studienzeiten einmal monatlich aufzeichnet, hören immerhin 50 bis 60 Menschen regelmäßig.

Auch nach der Bundestagswahl soll für Rouault nicht Schluss sein. Er will sich weiter in der ÖDP engagieren, auch auf kommunaler Ebene. Wenn Ursula Esau, die große alte Dame der Ottobrunner ÖDP, demnächst mit 93 Jahren den Vorsitz im Ortsverband abgibt, will sich der 27-Jährige um die Nachfolge bewerben, sagt er. 2026 soll es dann im zweiten Anlauf auch mit dem Sitz im Ottobrunner Gemeinderat klappen.

© SZ vom 01.09.2021
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