Start der Impfungen:"Das ist ein Tag, der uns zu Tränen rührt"

Start der Impfungen: Ausrücken zum Impfen: Ein Mitarbeiter der Johanniter lädt in Oberhaching eine Kühlbox mit Impfdosen für Altenheimbewohner ins Auto ein.

Ausrücken zum Impfen: Ein Mitarbeiter der Johanniter lädt in Oberhaching eine Kühlbox mit Impfdosen für Altenheimbewohner ins Auto ein.

(Foto: Claus Schunk)

Im Riemerlinger Lore-Malsch-Haus und drei weiteren Pflegeheimen sind am Sonntag die ersten hundert Menschen geimpft worden.

Von Martin Mühlfenzl, Oberhaching

Um 10.44 Uhr an diesem Sonntag bricht der erste Kleintransporter der Hoffnung vom Vorplatz des einstigen Bürogebäudes im Oberhachinger Gewerbegebiet auf. "Team 2" der Johanniter, bestehend aus drei Mitarbeitern, hat 20 Impfdosen geladen. Wenig später trifft das Team im Lore-Malsch-Haus im Hohenbrunner Ortsteil Riemerling ein und wird dort schon sehnsüchtig erwartet. Patientin Nummer eins ist Brigitte Werner, die 70-jährige Bewohnerin des evangelischen Pflegezentrums erhält als eine der ersten Menschen in Bayern den von den Firmen Biontech und Pfizer entwickelten Impfstoff gegen das Coronavirus.

"Wir sind begeistert. Das ist ein Tag, der uns zu Tränen rührt", sagt Jan Steinbach, Leiter des Lore-Malsch-Hauses. "Wir haben die letzten sieben Tage hart dafür gearbeitet, Einwilligungen eingeholt und uns genau darauf vorbereitet", sagt Steinbach am Telefon. Es herrsche große Freude im Haus, und die Impfbereitschaft der Bewohner sei mit etwa 90 Prozent extrem hoch, bei den Mitarbeitern falle sie etwas geringer aus. "Aber wir haben die große Hoffnung, dass wir jetzt im Kampf gegen das Virus auf die Zielgerade einbiegen", sagt Steinbach. "Wir sind ein Haus, in dem immer viel gefeiert wird. Das war in diesem Jahr nicht mehr möglich. Aber vielleicht könne wir im nächsten Jahr wieder unser großes Sommerfest begehen."

Start der Impfungen: Brigitte Werner wird im Lore-Malsch-Haus von Medizinstudentin Patrizia Knabe als eine der Ersten geimpft.

Brigitte Werner wird im Lore-Malsch-Haus von Medizinstudentin Patrizia Knabe als eine der Ersten geimpft.

(Foto: Claus Schunk)

Landrat Göbel spricht von einem "Tag der Freude"

Gelöst ist die Stimmung an diesem Sonntagvormittag auch in Oberhaching, wo sich diejenigen eingefunden haben, die in den kommenden Wochen und Monaten die Hauptlast bei der groß angelegten Impf-Aktion im Landkreis tragen werden: Die Mitarbeiter der Malteser, des Bayerischen Roten Kreuzes und der Johanniter. Letztere betreiben das Impfzentrum in Oberhaching, das BRK verantwortet die Impfstation in Unterschleißheim, die Malteser das dritte Zentrum in der Gemeinde Haar.

Das Signal, das sie mit Start der ersten Impfungen aussenden wollen, ist ein sehr eindeutiges: Es wird eine Kraftanstrengung, die nur gemeinsam bewerkstelligt werden kann - und es wird ein sehr langwieriges Unterfangen. Von einem "Tag der Freude" spricht Landrat Christoph Göbel (CSU), der nach Oberhaching gekommen ist, um die Auslieferung der ersten Impfdosen mitzuverfolgen. Klar sei aber auch, dass es anfangs nur Impfstoff in sehr begrenzten Mengen geben werde, so der Landrat.

Früh am Morgen seien bereits fünf Menschen aufgetaucht, die sich impfen lassen wollten, erzählt der Leiter des Oberhachinger Impfzentrums Markus Bauer. Die aber mussten die Johanniter wieder nach Hause schicken. Denn obwohl das Zentrum voll betriebsfähig ist, werden die Rettungsdienste in den kommenden Tagen nur mobil unterwegs sein und Bewohner von Alten- und Pflegeheimen durchimpfen. Voraussichtlich erst nach Neujahr werden dann auch in den Impfzentren Vakzinationen vorgenommen.

Exakt 100 Dosen werden an diesem Sonntag ausgeliefert. In zwei Heimen im südlichen Landkreis starten die Johanniter, die Malteser und das BRK jeweils in einer Einrichtung im Osten und im Norden des Landkreises. Schockgefroren bei minus 70 Grad wird der Impfstoff angeliefert und dann sofort an die Rettungsdienste weitergegeben. Die Johanniter bewahren das Serum in grauen Tiefkühltaschen auf, in denen es weiter kalt gehalten wird. Sechs Stunden nach Ankunft sei der Impfstoff so haltbar, sagt Bauer; in einer Ampulle befinden sich jeweils fünf Impfdosen.

Im Gesundheitsamt wird der Impfplan für den Landkreis erstellt

Hinter den Johannitern liegen zwei Wochen "am Anschlag", wie Bauer sagt. Innerhalb von 14 Tagen haben sie das zuvor leer stehende Gewerbegebäude in Oberhaching in ein medizinisches Zentrum verwandelt. Rathauschef Stefan Schelle (CSU) hat die Immobilie empfohlen, der Landkreis hat sie angemietet. "Als wir vor zwei Wochen die Schlüssel bekommen haben, hingen die Kabel noch von der Wand", erinnert sich Bauer. Es sei ein Kraftakt gewesen, die Räume umzubauen; jetzt aber stehe ein Impfzentrum bereit, in dem sich die Menschen möglichst wohl fühlen könnten, sagt Bauer. "Wie bei ihrem Hausarzt."

Künftig können bei den Johannitern bis zu 350 Menschen am Tag geimpft werden, zusätzlich noch einmal genau so viele täglich durch die mobilen Teams. Ähnlich sieht es bei den Maltesern und beim BRK aus. Die Johanniter haben personell aufgestockt, 40 Mitarbeiter werden alleine im Zentrum in Oberhaching arbeiten. Zwei Mitarbeiter sind in den vergangenen Tagen nur damit beschäftigt gewesen, die Heime abzutelefonieren, um die Nachfrage nach Impfungen abzufragen. Entsprechend der Bereitschaft und der Dringlichkeit wird dann im Gesundheitsamt der Impfplan erarbeitet.

Am Dienstag wird im Landkreis eine neue, kleine Charge mit Impfstoff erwartet. Dann werden Team 2 und alle anderen Rettungskräfte wieder ausschwärmen.

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