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Gastronomie:Wirtshaus als Investorenprojekt

Das Wirtshaus "Aphrodite" ist bald Vergangenheit. Aber die großen, alten Kastanien im Biergarten sollen laut Architekt unbedingt erhalten werden. Denn dort soll man auch in Zukunft sitzen können.

(Foto: Claus Schunk)

Ein Immobilien-Unternehmen ersetzt am Deisenhofener Bahnhof einen alten Gasthof durch einen Neubau. Im "Festl-Wirt" soll die Brauereigenossenschaft unterkommen.

Von Iris Hilberth, Oberhaching

Als Architekt Markus Bernlochner das erste Mal nach Oberhaching fuhr, um sich dort die Sache mit dem neuen Wirtshaus am Deisenhofener Bahnhof anzuschauen, war er eigentlich gerade dabei, in Aying das Bräustüberl zu sanieren. Dort wunderte sich die Chefin Angela Inselkammer offenbar über den Auftrag in der Nachbargemeinde. Bernlochner zumindest erinnert sich noch genau an ihre Worte: "Welcher Depp baut heutzutage noch eine Wirtschaft? Das kann ja nur ein Fachfremder sein."

Tatsächlich darf man an dieser Stelle, wo derzeit noch das alte Wirtshaus steht, in dem aktuell das griechische Restaurant "Aphrodite" eingemietet ist, gar nichts anderes bauen. Das hatte der Gemeinderat mit einem Bebauungsplan für das Grundstück vor mehr als fünf Jahren festgelegt, als erste Gerüchte über einen möglichen Verkauf des Areals aufkamen und befürchtet worden war, dass hier Wohnungen entstehen könnten. "Damit haben wir dann die Wohnungsbauinvestoren verscheucht", sagte Bürgermeister Stefan Schelle (CSU) in der jüngsten Gemeinderatssitzung, in der Bernlochner die Neubaupläne vorstellte. "Wir sind froh, dass ein Investor da ist, der es vorzieht, eine Gastwirtschaft zu etablieren", so Schelle.

Große Mengen Bier sollen nicht gebraut werden

Denn tatsächlich hatte sich mit der Bavaria Projekt Development GmbH ein Investor gefunden, der hier eine neue Wirtschaft mit Biergarten und Nebenhaus errichten will. Der "Festl-Wirt" ist nahezu in gleicher Stellung und Gestaltung wie das vorhandene Gebäude geplant, nur etwa einen Meter länger und 25 Zentimeter höher. Im Erdgeschoss bleibt die Gastwirtschaft, ins Obergeschoss kommen Personalräume und drei Wohnungen für Angestellte, unter das Dach Technik, Lüftung und die Betriebsleiterwohnung.

Das Nebenhaus soll aus einem Gartensaal und einem Keller zum Bierbrauen mit zwei Sudkesseln bestehen. Hier wird die Brauereigenossenschaft Oberhaching unterkommen. Große Mengen Bier sollen allerdings nicht gebraut werden. Befürchtungen, es würden täglich die Bierlaster anrollen konnte Bürgermeister Schelle zerschlagen. Das Oberhachinger Helle und das Weißbier würden weiterhin auswärts hergestellt. Hier gehe es eher um Spezialbiere wie einen dunklen Bock oder ein leichtes Sommerbier, die dann auch direkt in der Wirtschaft getrunken würden.

Nun stellte sich für manchen, etwa Dirk Schneider von den Freien Bürgern, die Frage, warum man das Haus abreißt, um dann ein ganz ähnliches wieder hinzustellen. "Es wird sich keiner finden, der das Ding saniert. Es handelt sich um eine 100 Jahre lange genutzte Gastronomie, da tropft das Fett aus der Decke", begründete Architekt Bernlochner die Entscheidung für einen Neubau. Auch Bürgermeister Schelle weiß: "Da liegt wirklich alles im Argen, wenn Jahrzehnte nichts getan wird. Außen Hui und innen Pfui."

Aber auch außen soll sich einiges ändern mit dem neuen Gebäude, das zwar von der Anmutung dem alten Wirtshaus sehr nahe kommen wird, allerdings soll moderne Technik zum Energiesparen eingebaut werden. Dass die großen alten Kastanienbäume im Biergarten unbedingt erhalten werden sollen, steht für die Planer außer Frage. "Wir werden alles dafür tun, die Bäume zu schützen, weil das ein Kapital für einen Biergarten ist", sagte Architekt Bernlochner. Die Geothermie soll für die Kühlung der Brauerei genutzt werden. "Das wäre deutschlandweit das erste Mal, allerdings denken in Nordrhein-Westfalen auch bereits Brauereien darüber nach", berichtete Erwin Knapek (SPD).

Dessen Fraktionskollegin Margit Markl sprach zudem eine mögliche Photovoltaik auf dem Wirtshausdach an. "Wir müssen uns von bestimmten Dachfarben verabschieden", sagte sie. "Ein schwieriges Thema", fand der Planer in Bezug auf die traditionelle Wirtshaus-Architektur. Darüber nachgedacht werden soll dennoch. Bürgermeister Schelle ist überzeugt: "Die hätten vor 200 Jahren sicher auch Photovoltaik draufgebaut, wenn sie es gehabt hätten."

© SZ vom 12.06.2021
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