Dass jemand seine Wohnung verliert, ist oft nur die Spitze der Probleme. Oft spielen auch Schicksalsschläge eine Rolle, die das Leben aus den Fugen geraten lassen. Stefan Wallner, Leiter der Wohnungsnotfallhilfe der Arbeiterwohlfahrt Kreisverband München-Land (Awo) schildert im Interview, wie er und sein Team den Menschen helfen und warum sie auf Spenden der SZ-Leser hoffen.
SZ: Sie sind Leiter der Wohnungsnotfallhilfe. Wem helfen Sie alles?
Stefan Wallner: Die Wohnungsnotfallhilfe im Landkreis gibt es seit 2007. Sie gliedert sich in verschiedene Bereiche. Die Fachstelle zur Verhinderung von Obdachlosigkeit (FOL) hilft präventiv, dass Menschen ihren Wohnraum nicht verlieren, wenn zum Beispiel eine Kündigung vorliegt. Daraus entstand auch das Unterstützte Wohnen, mit dem wir Menschen im eigenen Wohnraum helfen, die immer wieder Gefahr laufen, den Wohnraum zu verlieren, weil sie beispielsweise wegen einer Suchtproblematik nicht aus dem Loch herauskommen. Mit der Wohnungslosenberatung unterstützen wir Menschen, die ihr Zuhause schon verloren haben. Wir bieten sie in 23 Gemeinden im Landkreis und in Krailling im Landkreis Starnberg an. Seit vorigem Jahr helfen wir auch, wenn jemand vermüllt oder verwahrlost in Richtung Messie ist, dass der Wohnraum erhalten bleiben kann oder andere Lösungen gefunden werden.
Wenn Menschen zu Ihnen kommen, haben sie meist schon viel hinter sich. Oft sind es auch Schicksalsschläge wie der Tod des Partners oder eine schwere Erkrankung, die sie in die Armut führen, so dass sie sich die Miete nicht mehr leisten können. Können Sie mir einen typischen Fall schildern?
Wir haben einmal eine ältere Dame betreut, die obdachlos wurde. Ihr Mann war gestorben und sie hatte lange nichts gemacht, weil sie dachte, sie schafft es mit der Witwenrente. Sie war dann zu spät dran, ist zu ihrer Tochter gezogen und dort gab es viel Streit, weil das auch für eine Familie eine neue Situation ist. Sie musste dann ausziehen und kam in eine Obdachloseneinrichtung. Sie war sehr aggressiv, manche haben auch gesagt, sie wäre Alkoholikerin und hätte etwas gegen Ausländer. Ich habe sie in der Einrichtung besucht, wurde schon am Eingang von ihr beschimpft, konnte aber irgendwann ruhig mit ihr reden. Ich erlebte dann eine Frau, die sich einen Schutzmantel zugelegt hatte, die aber auch einen Schicksalsschlag erlitten hatte durch den Tod ihres Mannes und die schwierige Situation mit der Tochter. In der Einrichtung lebte sie in ständiger Angst, weil sie keinen Platz mehr für sich selbst hatte. Wir haben nach etwa drei Jahren ein Betreutes Wohnen für sie gefunden. Dort hatte sie dann wieder ein eigenes Zimmer. Ich weiß noch, wie sie sagte, Herr Wallner, jetzt kann ich endlich wieder selber kochen'. Nach einer Woche im neuen Zuhause ist sie gestorben. Für uns ist wichtig, dass wir ihr noch einmal ein eigenes Heim vermitteln konnten.

Welche Probleme haben Menschen sonst noch, die zu Ihnen kommen?
Bei den meisten reicht das Geld nicht. Viele sind psychisch sehr angeschlagen, wenn im Raum steht, dass sie obdachlos werden. Viele fühlen sich schnell abgestempelt. Es gibt auch Leute, die kein Einkaufverhalten haben. Mit ihnen üben wir ein, wie man günstiger einkaufen kann. Manche begleiten wir pädagogisch, wie man zur Bank geht, wie man eine Überweisung macht. Viele haben auch Suchtkrankheiten oder andere Krankheiten. Oft spielt auch Arbeitslosigkeit eine Rolle.
Wie helfen Sie den Menschen konkret?
Wir fangen niederschwellig an. Die erste Hürde ist, zu den Menschen überhaupt vorzudringen. Dass sie die Tür aufmachen und eine Beratung überhaupt zulassen. Wir helfen dann zur Selbsthilfe. Wir unterstützen die Menschen, dass sie Schritt für Schritt eine Lösung finden. Meist ist der erste Schritt ein Anruf beim Vermieter, um zu fragen, was los ist. Wir erleben die Vermieter in der Regel dankbar, dass sie ein Gegenüber haben, weil die Leute keine Post mehr öffnen. Wenn die Person selbst sprechen kann, coachen wir sie vorher. Wenn Mietschulden da sind, versuchen wir, dass sie bereinigt werden. Wir arbeiten auch mit Gerichten zusammen. Wir sind beauftragte Stelle für Räumungsklagen im Landkreis. Wir versuchen vor einer Zwangsräumung Kontakt mit den Menschen aufzunehmen. Wir bieten auch Workshops zur Wohnungssuche an, in denen wir den Betroffenen unter anderem helfen, eine überzeugende Bewerbungsmappe zu erstellen. Wenn Wohnraum verhaltensbedingt gekündigt wurde, arbeiten wir mit dem Unterstützten Wohnen zusammen, damit sich das Verhalten der Person ändert. Oft helfen wir auch, den Kontakt zur Familie wieder herzustellen. Es ist ein Rundumpaket.
Begleiten Sie Obdachlose dann auch bei der Wohnungssuche?
Ja, wir unterstützen individuell bei der Wohnungssuche bei den Personen, die bei uns schon in Beratung sind. Wir erschließen im Workshop den konkreten Wohnungsmarkt, wie man eine Bewerbungsmappe erstellt und welche Unterlagen man dazu braucht.

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Welcher Fall in den vergangenen Jahren hat Sie am meisten berührt?
Der Fall der älteren Dame, die ja nach einer Woche gestorben ist, hat uns alle bewegt. Mich machen aber auch Geburten in Unterkünften schwer betroffen, wir hatten in den letzten Jahren drei oder vier. Nicht nur alte Menschen, sondern auch junge landen in so einer Obdachloseneinrichtung. Ich erinnere mich auch an eine Dame, die obdachlos war und der wir einen Laptop zur Verfügung gestellt haben. Sie hat nächtelang nach einer Wohnung gesucht und auch eine gefunden. Sie hat auch die Dame, die mit ihr im Zimmer wohnte, die sich vorher nicht aufraffen konnte, zu suchen, motiviert. Sie ist ein Beispiel dafür wie man sich gegenseitig motivieren kann, auch wenn es einem schlecht geht. Das ist unsere Grundaufgabe, die Leute anzuhalten, nicht den Kopf in den Sand zu stecken, sondern weiter zu machen, auch wenn es nur kleine Schritte sind.
Wie haben sich denn die Fallzahlen entwickelt?
Wir hatten 2024 in der Wohnungslosenberatung 246 Personen, davon 63 Kinder. Allein diese Zahl finde ich Wahnsinn. Jedes Kind, nein, jeder Obdachlose ist einer zu viel. Von ihnen konnten 127 Personen auch mit Hilfe der Beratung die Unterkunft verlassen. Beim Unterstützten Wohnen und der Beratung bei Müllproblemen sind es im Jahr im Schnitt 34 Fälle. Beim Thema Wohnraumerhalt haben wir im Jahr circa 1500 Fälle. Das sind in den vergangenen Jahren nicht mehr Fälle, aber die Probleme der Menschen sind schwieriger und mehr geworden. Außerdem ist durch Corona die Beratung digitaler geworden. Wir brauchen aber die Personen selber. Ich erkenne am Telefon nicht, ob jemand ein Verwahrlosungsproblem hat oder Alkoholiker ist. Die Sozialarbeit braucht das Gegenüber. Früher hatten wir ungefähr 1000 persönliche Beratungen und 500 digitale, heute ist es umgekehrt. Ich würde mir wieder mehr persönliche Beratungen wünschen. Damit wir sehen, welche Baustellen wirklich da sind und welche positive Eigenschaft die Betroffenen für eine Wohnungssuche haben. Denn sie übersehen oft das Gute in ihrer Person.
Wofür könnte die Wohnungsnotfallhilfe Spenden gut gebrauchen?
Die Wohnungsnotfallhilfe freut sich über Spenden für unsere Notfall-Kasse, wo Menschen schnell und unkompliziert bedient werden können, wo keine andere Kasse zahlen kann. Es trifft unter anderem gerade Rentner oder Alleinerziehende, wo das Geld gerade so reicht. Wir motivieren mit Ihrer Spende mit einem neuen Bett, einem Schulausflug, einer Umgehung einer Stromsperre oder manchmal mit einem Paar Winterstiefeln.
So können Sie spenden
Per Paypal oder per Lastschriftverfahren unter sz-gutewerke.de/spenden. Mit einer Überweisung an SZ Gute Werke e.V., HypoVereinsbank, IBAN DE 04 7002 0270 0000 0822 28, BIC HYVEDEMMXXX.
Spenden können Sie auch im SZ-Servicepunkt im Kaufhaus Ludwig Beck, Marienplatz 11, Eingang Dienerstraße, 1. Obergeschoss. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr.
Spenden an SZ Gute Werke sind steuerlich absetzbar. Jede Spende wird in vollem Umfang dem guten Zweck zugeführt. Alle Verwaltungskosten trägt der Süddeutsche Verlag. Sachspenden können aus organisatorischen Gründen nicht entgegengenommen werden.

