Coronavirus im Landkreis München:Alles nur heiße Luft?

Coronavirus im Landkreis München: Werbung in eigener Sache? Professor Christian Kähler von der Bundeswehr-Uni (rechts) demonstrierte im Herbst 2020 in der Grundschule Neubiberg Bürgermeister Thomas Pardeller, Uni-Präsidentin Merith Niehuss und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger den Nutzen eines Luftreinigers.

Werbung in eigener Sache? Professor Christian Kähler von der Bundeswehr-Uni (rechts) demonstrierte im Herbst 2020 in der Grundschule Neubiberg Bürgermeister Thomas Pardeller, Uni-Präsidentin Merith Niehuss und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger den Nutzen eines Luftreinigers.

(Foto: Claus Schunk)

Viele Gemeinden haben Geräte bestellt, die Raumluft von Coronaviren reinigen sollen. Sie taten dies oft auf Anraten eines Physikers der Bundeswehr-Uni in Neubiberg. Doch dieser arbeitete für Anlagenhersteller - und damit stellen sich Fragen.

Von D. Bode, A. Jäger, B. Lohr, M. Mühlfenzl und S. Wejsada, Neubiberg

Sinnvolle Investition oder teure Geldverschwendung? Die Diskussion, inwiefern mobile Luftfilteranlagen eine Ausbreitung von Corona-Ansteckungen in Klassenzimmern vermeiden helfen, hat neue Nahrung erhalten. Nachdem Recherchen der Süddeutschen Zeitung ergeben haben, dass Studien eines Professors der Bundeswehr-Universität in Neubiberg zum Teil von Herstellern der Filtergeräte finanziert wurden, stellt sich die Frage, ob manche Städte und Gemeinden vorschnell möglicherweise überflüssige Anlagen angeschafft haben - oftmals für viele hunderttausend Euro je Kommune. Zumal Fachleute die Empfehlungen des Physikers Christian Kähler, auf die hin Kommunalpolitiker sich für den Ankauf entschieden haben, inzwischen in Zweifel ziehen.

Eine Kooperation mit Kähler war unlängst auch der Landkreis eingegangen. Dieser hatte im Auftrag des Landratsamtes untersucht, in welchen Klassenzimmern der kreiseigenen Schulen mobile Luftreinigungsgeräte zum Infektionsschutz beitragen können. Manche Kommunen arbeiteten schon viel früher mit Kähler zusammen. Neubiberg war die erste Kommune im Landkreis, die sich auf einen Vortrag Kählers hin für die Ausstattung der Klassenräume beider Grundschulen mit mobilen Luftfiltergeräten entschied. Kähler hatte dem Gemeinderat seine Studien dargelegt, die ergaben, dass Raumluftreiniger mit hochwirksamen Filtern die Gefahr einer Ansteckung durch infektiöse Aerosole im Raum stark verringern könnten. 40 Geräte kaufte die Gemeinde daraufhin, 26 zu einem Gesamtpreis von 67 449, die vom Freistaat gefördert wurden, und weitere 14 für 49 000 Euro, welche die Gemeinde komplett übernahm.

"Es ist der beste Schutz für Kinder, die nicht geimpft sind."

Bürgermeister Thomas Pardeller (CSU) steht auch heute noch zu der Entscheidung: "Natürlich bin ich weiterhin überzeugt. Mobile Luftreiniger filtern die Aerosole aus der Luft und mithin auch die Coronaviren." Er bereue die Investition nicht. "Es ist der beste Schutz für Kinder, die nicht geimpft sind." Dafür sollten Kommunen Geld investieren. Auch andere Kommunen hätten inzwischen Lüfter für die Schulen angeschafft, zuletzt auch der Zweckverband staatliche weiterführende Schulen im Südosten des Landkreises.

Dieser entschied im September, für Klassen- und Fachräume, die nicht mit einer raumlufttechnischen Anlage ausgestattet sind, mobile Geräte zu besorgen. Der Verband folgte damit einem vorher gefassten Beschluss, um solche Geräte anzuschaffen, wenn ein Gutachter diese empfiehlt. Das Gutachten, das am Ende vorlag, stammte von Professor Kähler.

Unterföhring hat nicht nur die Räume im nicht sanierten Teil der Grundschule an der Bahnhofstraße mit Luftfiltern ausgestattet, sondern auch alle zehn Kindertagesstätten am Ort. Der Entscheidung im November 2020, für die insgesamt 61 Räume schnell und unbürokratisch Aerosolfilteranlagen zu kaufen, war ein Antrag von Elternbeiräten aus fünf Kitas vorausgegangen. Ein Gerät kostete die Gemeinde mehr als 3000 Euro, für die jährliche Wartung müssen noch einmal 638 Euro ausgegeben werden. In der Nachbarkommune Ismaning haben sich die Lokalpolitiker indes gegen die Anschaffung ausgesprochen - auch wegen des umstrittenen Nutzens der Anlagen, wie es im Gemeinderat mehrfach hieß.

Auch die Gemeinde Neuried hat sich bisher geweigert, mobile Luftfiltergeräte anzuschaffen. Sparzwang und Skepsis am Nutzen der Geräte sind die Gründe. Schon im November 2020 hatte Professor Kähler über die Anlagen und ihre angebliche Wirksamkeit in einer Sitzung des Gemeinderats informiert. Eingeladen worden war er von Eltern des Kinderhauses an der Zugspitzstraße, die spendenfinanzierte Lüfter für die Einrichtung anschaffen wollten. Einige Neurieder Gemeinderäte zweifelten bereits damals an der Effektivität der Geräte. Zudem erlaubte die knappe Haushaltslage der Kommune keine Beteiligung an der Investition. Neuried bleib dieser Haltung treu, als es im März dieses Jahres um eine Beteiligung an mobilen Geräten für das Planegger Feodor-Lynen-Gymnasium ging. Damals erinnerte der Dritte Bürgermeister Dieter Maier (Grüne) daran, es sei noch in keiner Untersuchung belegt worden, dass durch die Geräte weniger Infektionen verursacht würden. Im September, als es um die Anschaffung von Luftreinigungsgeräten für die Grundschule ging, wurde er deutlicher: "Mobile Luftfilter sind ein Placebo zur Beruhigung." Neuried setzt jetzt auf festinstallierte Luftreinigungsanlagen, die im Sommer zudem einen Kühleffekt haben.

Die Rathauschefs in Sauerlach und Ottobrunn, Barbara Bogner (UBV) und Thomas Loderer (CSU), sehen sich indes vor der Situation, für die gemeindeeigenen Schulen Geräte bestellen zu müssen, obwohl sie diese selbst ablehnen; die beiden Gemeinderäte haben ihnen den Auftrag dazu erteilt. Loderer macht trotzdem weiter kein Hehl daraus, dass er von den Luftreinigungsgeräten wenig hält; vielmehr sei Lüften die effektivste Infektionsschutzmaßnahme. Auch Bogner, die zuletzt im Gemeinderat von einer Mutter darauf angesprochen wurde, wann endlich Geräte gekauft würden, sagt, Luftreiniger ersetzten weder das Lüften noch die Aha-Regeln. Den Auftrag des Gemeinderates aber werde sie selbstverständlich ausführen. Die Vorbereitungen dazu liefen in der Verwaltung, es werde versucht, auf eine europaweite Ausschreibung zu verzichten, um die Anschaffung auf dem "leer gefegten Markt" nicht noch weiter hinauszuzögern.

In Haar haben sich Bürgermeister Andreas Bukowski (CSU) und die große Mehrheit der Gemeinderäte gegen eine Anschaffung von weiteren Luftreinigungsgeräten ausgesprochen. Dafür mussten sie am Ort einiges an Kritik einstecken. Der Vorwurf stand im Raum, man habe angesichts der prekären Kassenlage finanzielle Interessen über das Kindeswohl gestellt. Bukowski betont, er habe wie die Gemeinderäte rein nach "nüchterner" Betrachtung der Fakten entschieden, dem öffentlichen Druck habe man standgehalten. "Da bin ich schon ein bisschen stolz auf den Gemeinderat."

In Unterschleißheim steht nach langem politischen Ringen und vielen Prüfaufträgen wohl noch im Oktober eine Entscheidung an, ob weitere Geräte angeschafft werden sollen. Bürgermeister Christoph Böck (SPD) sagt, man habe noch einmal untersucht, ob stationäre, fest eingebaute Luftreinigungsanlagen sinnvoller seien, auch habe man die Kosten verglichen. Er rechnet damit, dass der Stadtrat beschließen wird, trotz aller Zweifel weitere Geräte zu besorgen, "um die Situation an den Schulen zu verbessern". Gewissheiten über den Nutzen der Geräte erwartet Böck erst in Monaten oder Jahren, wenn weitere Studien vorliegen. So lange könne man aber nicht warten.

Die Universität der Bundeswehr verteidigt unterdessen das Vorgehen ihres Professors. "Die Drittmittelforschung ist bei deutschen Universitäten und auch international gang und gäbe. So auch an der Universität der Bundeswehr München", sagt Pressesprecher Michael Brauns. Dabei vergäben Unternehmen, staatliche Einrichtungen oder andere Institutionen einen Forschungsauftrag an einen Wissenschaftler und stellten dafür finanzielle Mittel oder auch Infrastruktur wie Geräte zur Verfügung. Es gebe sogar den in der Wissenschaft verbreiteten Begriff von "Drittmittel-Personal". "Das heißt, das Unternehmen oder die Institution kann auch für einen Forschungsauftrag eingestelltes Personal finanzieren", sagt Brauns. Das alles sei gelebte Praxis in der Wissenschaft. Dies als Nebeneinkünfte zu bezeichnen, sei eine völlige Fehlinterpretation dieser gängigen legitimen Praxis. Die Einhaltung ethischer, rechtlicher und wissenschaftlicher Vorgaben sowie der guten wissenschaftlichen Praxis seien ein wesentliches Element der Qualitätssicherung an der Universität der Bundeswehr.

Brauns sieht auch die Neutralität von Kählers Arbeit gewahrt. "Wissenschaftliche Ergebnisse müssen immer unabhängig sein. Dazu verpflichtet sich jeder Wissenschaftler, auch an der Universität der Bundeswehr München. Und so versteht auch Professor Kähler seine Forschungsarbeit." Nach den Worten Brauns wäre es eine "böswillige Unterstellung" zu behaupten, die Ergebnisse müssten den Erwartungen des Auftraggebers entsprechen. "Es gibt Forschungsaufträge, aber keine Auftragsergebnisse." Dies werde leider manchmal in der Öffentlichkeit nicht zur Kenntnis genommen.

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