Am Montagmorgen ist viel los in der Kfz-Zulassungsstelle in Grasbrunn. Die Sonne scheint durch die Glasfassade und verspricht, dass es ein schöner, blauer Tag werden wird. Immer wieder ertönt ein klingelndes „Wuusch!“, wenn auf der Wartenummernanzeige eine neue Zahl erscheint. Es gibt hier viele Schalter, manche Besucher wandern zunächst eine Zeit lang orientierungslos durch die Gegend. Dutzende warten in Stuhlreihen darauf, dass sie aufgerufen werden. Normalerweise warte man hier etwa zehn Minuten, sagt die Information. Heute dauert es länger.
Ab und zu läuft jemand durchs Foyer, der sie tatsächlich in der Hand hält: zwei Platten aus Aluminium und Kunststoff, darauf eine persönliche Kombination aus Buchstaben und Ziffern. Die Kombination wird ihn vielleicht jahrzehntelang begleiten. Eine große Entscheidung also, zumindest für manche.
Es ist etwa 10.30 Uhr und ein Mann kommt beschwingten Schrittes durch die Glastür hereinspaziert. Hartmut von der Osten aus Unterföhring hat heute frei. Am Morgen hat er zufällig im Radio gehört, dass es ein neues Kennzeichen gibt. Ein regelrechtes Zeichen, dachte er sich: „Da hab’ ich das heute um neun Uhr sofort online reserviert. Und bin gleich hierhergefahren mit dem alten Kennzeichen und den Papieren“, erzählt er.
Eigentlich wollte er schon vor einem Jahr sein Kennzeichen ändern lassen. Doch seine Wunschkombination war nicht mehr frei und ohnehin wurde ihm als Bewohner des Landkreises München das Kürzel MUC verwehrt, das in der Landeshauptstadt seit Dezember 2023 für Autos, Motorräder und Lastwagen angeboten wird, zusätzlich zum M. Jetzt hat auch der Landkreis München eine weitere Kennzeichenoption mit dem Kürzel MU für „Münchner Umland“. Seit dem 19. Januar kann MU neben den bestehenden Optionen M, WOR und AIB (nach den früheren Landkreisen Wolfratshausen und Bad Aibling) offiziell reserviert und zugelassen werden. Damit sind auch viele neue Buchstabenkombinationen verfügbar.

Grund für die neuen Kennzeichen ist ein Kapazitätsmangel: Viele Kennzeichen mit dem Buchstaben M sind schon vergeben, die Kombinationen werden knapp. In Stadt und Landkreis München sind mehr als eine Million Fahrzeuge gemeldet. Eine Pflicht zu wechseln gibt es für Halter von Fahrzeugen mit M-Kennzeichen nicht. Wer will, kann aber seit Montag nicht nur ein neues MU-Kennzeichen registrieren, sondern auch ein bestehendes umstellen lassen. Die Gebühr beträgt 10,20 Euro, bei vorheriger Online-Reservierung 12,80 Euro.
Bis Montagnachmittag gab es laut dem Landratsamt München bereits über tausend Onlinereservierungen für MU-Kennzeichen, mehr als 50 wurden schon vergeben. Für die kommenden Tage erwartet das Landratsamt weitere Reservierungen. Den Leiter der Zulassungsstelle, Mario Eder, überrascht das große Interesse nicht. „Wir haben schon im Vorfeld viele Fragen wegen Kennzeichenreservierung bekommen“, erzählt er. „Es gibt auch viele, die hierherkommen, um ihr aktuelles M-Kennzeichen in ein MU-Kennzeichen umzuändern.“
Doch nicht alle wollen das. Über das MU wurde zuvor bereits kontrovers diskutiert. Mitte Juli vergangenen Jahres, als die Pläne bekannt wurden, zeigten zumindest einige Besucherinnen und Besucher in der Zulassungsstelle Neukeferloh wenig Begeisterung. In den sozialen Medien gab es teils Witzeleien und Unmut zu lesen, insbesondere in Bezug auf die Ähnlichkeit mit gewissen Tierlauten.

Auch hier in Grasbrunn gehen die Meinungen auseinander. Ein frisch gebackener Kennzeicheninhaber läuft vorbei, er trägt seine neuen Nummernschilder in der Hand, darauf prangt ein eindeutiges M. Warum denn nicht MU? „Katastrophe!“, ruft er über die Schulter und verschwindet Richtung Schalter. Keine Lust auf etwas Neues, sagt ein anderer. „Traditionell M – fertig!“ Und das ultimative Totschlagargument: „Weil ich’s hässlich finde.“ Eine junge Frau, die ein Auto für ihre Firma umgemeldet hat, findet: „Wenn man MUC liest, dann denkt man sofort an München, aber bei MU nicht.“ Auch mit dem M verbinden einige hier das Großstadtgefühl, bei MU denke man dagegen eher an kleine Orte.
Als „identitätsstiftende Option“ bezeichnet das Landratsamt das neue Kennzeichen in einer Pressemitteilung. Einigen Besuchern der Zulassungsstelle gefällt das MU tatsächlich besser. Anderen ist es schlicht egal. Viele derer, die sich heute in der Zulassungsstelle für das MU entscheiden, identifizieren sich aber viel mehr mit den Buchstaben und Zahlen, die darauf folgen. Sie freuen sich, endlich an ihre Wunschkombination zu kommen, die bei M-Kennzeichen nicht verfügbar war. RS für den Autotyp zum Beispiel, oder die einzelne Ziffer 1.
„Für 12,80 Euro dachte ich, ich mach’ das einfach“
So auch Hartmut von der Osten. An seinem Motorrad hängen bald unter dem MU ein I und ein H für den Namen seines Motorradklubs, Iron Horses MC. Auch die Ziffern, für die er sich entschieden hat, spielen eine große Rolle in der Community. „Das ist so ein Kürzel bei uns, von dem viele Mitglieder Ringe und Tattoos haben“, erzählt er. In ganz Deutschland integrieren Mitglieder ihre Zugehörigkeit auf verschiedene Art in ihre Kennzeichen. „Das fällt auf im Klub. Ist halt ein Gag. Für 12,80 Euro dachte ich, ich mach’ das einfach.“
Bis er sein neues Kennzeichen mit auf große Fahrt nehmen darf, muss er sich aber einige Tage gedulden – ihm fehlt noch ein Papier von der Versicherung. Also schlendert er wieder in die Sonne hinaus, auf der Suche nach einem Kaffee.
Bleibt eine Frage: Zelebriert denn auch jemand die vermeintliche Ländlichkeit und wählt ein MU-H oder MU-U? Zumindest an diesem Tag sind beide Kombinationen nicht vergeben worden, wie das Landratsamt München mitteilt. Bei den Reservierungen tun sich dagegen MU-SI und MU-T in ihrer Beliebtheit besonders hervor. Schelme mögen sich fragen, wo denn der Mut zum MU-H bleibt.

