Soziales LebenHohe Mieten treiben Menschen in die Armut

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Mehr als 700 Erwachsene und 440 Kinder beziehen im Landkreis München ihre Lebensmittel von der Tafel. Das geht aus einer Statistik der Sozialberatung der Caritas hervor.
Mehr als 700 Erwachsene und 440 Kinder beziehen im Landkreis München ihre Lebensmittel von der Tafel. Das geht aus einer Statistik der Sozialberatung der Caritas hervor. Peter Hinz-Rosin
  • Hohe Mieten im Landkreis München treiben Menschen in die Armut, mehr als 700 Erwachsene und 440 Kinder beziehen Lebensmittel von der Tafel.
  • Die Sozialberatung der Caritas wurde um 18 Prozent mehr im vergangenen Jahr in Anspruch genommen als noch 2024.
  • Die Landratskandidaten diskutieren Lösungen wie genossenschaftliches Wohnen, schnellere Genehmigungsprozesse und bezahlbare kommunale Wohnungen für zehn bis zwölf Euro pro Quadratmeter.
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Eine Podiumsdiskussion der Arbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrtpflege mit den Landratskandidaten zeigt, dass die soziale Ungleichheit wegen der hohen Lebenshaltungskosten im Landkreis München zunimmt. Die eine pragmatische Lösung aber gibt es nicht.

Von Annette Jäger, Oberhaching

Das soziale Leben im Landkreis München gleicht in mancher Hinsicht einer Reihe von Dominosteinen: Fällt der erste Stein, reißt er alle anderen mit. Der erste Stein ist im Landkreis das Wohnen. Wie viel davon abhängt, das wurde in Oberhaching während einer Podiumsdiskussion der Landratskandidaten deutlich. Wenn günstiger Wohnraum nicht in ausreichendem Maß vorhanden ist, kippt das System: Dann rutschen Menschen in Armut, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten können, und sozialen Einrichtungen fehlen Fachkräfte, weil diese die hohen Wohnkosten im Landkreis scheuen. Schließlich stockt die Integration von geflüchteten Menschen, weil sie in Sammelunterkünften bleiben müssen und gar nicht in der Gesellschaft ankommen.

Der Landkreis München mit seinen fast 360 000 Einwohnern zählt zu den wirtschaftsstärksten Standorten Deutschlands und zieht weiterhin viele Menschen an. Doch der Wohlstand sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch hier soziale Ungleichheit gibt, was im Mittelpunkt der Podiumsdiskussion stand:  Zwischen den Villen der Wohlhabenden und großen Unternehmen als Arbeitgeber leben Menschen, die sich die hohen Lebenshaltungskosten immer weniger leisten können, die mit Schulden, Armut, Einsamkeit oder Arbeitslosigkeit zu kämpfen haben.

Der amtierende Landrat Christoph Göbel (CSU) sowie die Wettbewerber und Wettbewerberinnen um das Amt – Wolfgang Panzer (SPD), Marion Seitz (Grüne), Nikolaus Kraus (Freie Wähler) und Katharina Diem (FDP) – waren einer Einladung der Arbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrtpflege im Landkreis München gefolgt. Auf dem Podium des Caritas-Altenheims St. Rita sollten sie Lösungen für die drängenden Herausforderungen bieten. Im Publikum saßen überwiegend Frauen. Die meisten waren Vertreterinnen der Wohlfahrtverbände im Landkreis.

Schnell kristallisierte sich in der Runde als Schwerpunktthema das Wohnen heraus. Wie lässt sich günstiger Wohnraum schaffen? Wolfgang Panzer setzt auf „neue Modelle“ wie genossenschaftliches Wohnen, dem schloss sich Marion Seitz an. Sie will zudem gegen Leerstand angehen und Bürokomplexe als Wohnungen umnutzen. Für Nikolaus Kraus liegt die Antwort in einer florierenden Wirtschaft, denn: „Alles muss bezahlt werden.“ Und Katharina Diem sagte realistisch: „Wohnen bestimmt alles, aber der Landkreis kann keine Grundstücke herzaubern und bauen.“ Ein Beitrag könnten ihr zufolge schnellere Genehmigungsprozesse sein, damit Bauprojekte schneller in die Umsetzung kommen.

Landrat Christoph Göbel (CSU)
Landrat Christoph Göbel (CSU) Claus Schunk

Wie eng Wohnen und Altersarmut verknüpft sind, machte Christoph Göbel deutlich. Viele ältere Menschen geraten seiner Ansicht nach nur deshalb nicht in Armut, weil sie in selbst genutztem Wohneigentum leben. Künftige Generationen allerdings würden über dieses Eigentum nicht mehr verfügen, weil es heute für viele unbezahlbar sei. „Wie können Menschen in Eigentum kommen?“, das sei eine zentrale Frage der Zukunft. Auch Kraus sieht im Eigentum ein Instrument gegen Altersarmut. Göbel sieht eine konkrete Lösung in kleinen, bezahlbaren, barrierefreien Wohnungen für zehn bis zwölf Euro pro Quadratmeter, die kommunale Institutionen wie die Baugesellschaft München-Land bauen sollten.

Wolfgang Panzer (SPD)
Wolfgang Panzer (SPD) Claus Schunk
Marion Seitz (Grüne)
Marion Seitz (Grüne) Claus Schunk

Armut ist kein Zukunftsszenario, sie ist im Landkreis längst Realität. Das belegen Zahlen der Sozialberatung der Caritas. Diese wurde um 18 Prozent mehr im vergangenen Jahr in Anspruch genommen als noch 2024. Mehr als 700 Erwachsene und 440 Kinder beziehen Lebensmittel von der Tafel, 82 Kinder gelten als wohnungslos – und mit ihnen natürlich ihre Eltern. Einigkeit herrschte in der Runde darüber, dass es ein starkes Netzwerk aus Ehrenamtlichen braucht, gute Strukturen, um Menschen aufzufangen, wenn sie Hilfe benötigen, sowie aktive Präventionsarbeit, damit Menschen gar nicht erst zur Tafel gehen müssen.

Überhaupt taten sich in den sozialen Fragen kaum Unterschiede auf unter den Kandidierenden. Vor allem Seitz, Göbel und Panzer betonten, dass eine intensive Sprachförderung von Kindern, die nicht deutsch als Muttersprache sprechen, eine wichtige Aufgabe sei, damit die Kinder in der Schule nicht den Anschluss verlieren. Das von Marion Seitz geäußerte Stichwort „frühkindliche Förderung“ stieß im Publikum auf viel Zustimmung.

Nikolaus Kraus (Freie Wähler)
Nikolaus Kraus (Freie Wähler) Claus Schunk
Katharina Diem (FDP)
Katharina Diem (FDP) Claus Schunk

Das Fazit des Nachmittags: Für soziale Probleme gibt es nicht die eine pragmatische Lösung. Oft geht es um Beratung, Unterstützung, Linderung. Klar wurde dabei auch, dass viel Geld nötig sei, das der Landkreis weiterhin in soziale Aufgaben investieren sollte, dies ging aus den Wortmeldungen aus dem Publikum hervor. Eine Zuhörerin störte sich daran, dass zu viel Arbeit auf das Ehrenamt abgewälzt werde, was Christoph Göbel entschieden zurückwies. Der Landkreis ruhe sich nicht auf dem Ehrenamt aus, sondern investiere so viel wie kein anderer in soziale Maßnahmen wie Jugendhilfe und Schulsozialarbeit.

An einer Stelle gab es aber doch spürbaren Dissens im Publikum. Nämlich als Nikolaus Kraus als „beste Vorbeugung“ gegen Armut dafür plädierte, in jungen Jahren auf eine gute Ausbildung und einen guten Arbeitsplatz zu setzen. Das Geraune unter den Zuhörerinnen zeigte, dass sie in ihrer täglichen Arbeit anderes erleben: Dass Armut allzu oft nichts mit Fleiß und Vernunft zu tun hat.

Die Diskussion wurde von der Arbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrtpflege veranstaltet und nicht, wie in einer ersten Fassung zu lesen war, vom Caritas-Sozialverband.

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