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Coronavirus im Landkreis München:Gastronomen fürchten um ihre Existenz

Die Wirtsleute Franz und Anschi Schmuck bereiten sich auf die Schließung ihres Gasthofs in Arget vor.

(Foto: Claus Schunk)

Auch wenn manche Verständnis für den neuen Lockdown haben, klagen Wirte über die ungerechte Behandlung ihrer Branche. Dass die Nothilfe wie angekündigt ausgezahlt wird, bezweifeln viele

Von Michael Morosow und Sabine Wejsada, Grünwald/Oberschleißheim

Für Bundeskanzlerin Angela Merkel ist der neuerliche Lockdown "geeignet, erforderlich und verhältnismäßig", die Hoteliers und Gastronomen auch im Landkreis München wanken nach der Entscheidung vom Mittwoch zwischen Wut, Zweifel und Unverständnis. Was alle eint, ist ihre Skepsis darüber, dass die von der Regierung angekündigte Nothilfe in Höhe von bis zu 75 Prozent ihrer Umsatzausfälle schnell und unbürokratisch überwiesen wird. Dieses Geld würde nach den Worten von Angela Inselkammer, der Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands (BHG), viele Wirte gerade noch über die Zeit retten, wenn es denn tatsächlich in diesem Umfang fließen werde.

Da komme sicher noch ein "Ja, aber", glaubt Uli Portenlänger vom Alten Wirt in Grünwald, der aus Gaststätte und Hotel besteht. "Die Hotelgäste sind bereits alle weg, als hätte man mit dem Schrotgewehr in einen Hühnerstall geschossen", sagt Portenlänger. Seine Lebensmittelvorräte wird er unter seinen 35 Angestellten verteilen, Verderbliches landet im Müll. Anders als das Gros der enttäuschten Wirte hält er sich aber mit Kritik an der Regierungsentscheidung zurück. So schlimm und furchtbar dieser einmonatige Lockdown für das Gewerbe sei, er habe dafür Verständnis, "weil es keine Alternativen dazu gibt."

102 neue Fälle

Die Zahl der positiven Corona-Tests im Landkreis steigt weiter steil an: Innerhalb der vergangenen 24 Stunden haben sich laut Gesundheitsamt weitere 102 Frauen und Männer mit dem Virus angesteckt (Stand: Donnerstag, 14.30 Uhr). Die Sieben-Tage-Inzidenz gibt das Bayerische Landesamt für Gesundheit für Donnerstag mit 116,7 an. Die meisten neuen Fälle gibt es in Haar (17) und Ottobrunn (15). Am Donnerstag waren 28 Schulen und 20 Kitas von Quarantänemaßnahmen betroffen, zwei Schulen und vier Kitas mehr als noch am Mittwoch. Neu dazugekommen sind eine Grundschule in Unterschleißheim sowie Gymnasien in Pullach, Planegg, Unterhaching und Grünwald. Bei den Kitas gibt es neue Quarantänemaßnahmen an zwei Einrichtungen in Haar sowie je einer in Gräfelfing und Straßlach-Dingharting. sab, wkr

Den ganzen Tag diskutiere er bereits am Stammtisch mit seinen Gästen über das Thema, sagte Franz Schmuck, Wirt und Hotelier in Arget, am Donnerstag. "Bodenlos" sei alles, entfährt es ihm. "Nie im Leben" glaube er, dass er tatsächlich eine 75-prozentige Ausfallentschädigung bekommen werde. Seine Prognose für die Zeit nach dem Lockdown fällt sehr pessimistisch aus: "Es wird nie mehr so werden, wie es war." Die Gastronomie werde systematisch kaputt gemacht, klagt Schmuck, der den "Schnitzelwirt" in Hofolding, ein Gasthaus und ein Landhotel in Arget sowie die Gaststätte "Zum Dürnbräu" in München führt und insgesamt etwa hundert Mitarbeiter beschäftigt. Das Münchner Lokal werde er jetzt wahrscheinlich ganz schließen. Die Wirte hätten zuletzt große Anstrengungen unternommen, um die Corona-Auflagen zu erfüllen, jetzt müssten sie trotzdem zusperren, während die Leute weiterhin eng gedrängt in Bus, S- und U-Bahn fahren dürften.

Ins gleiche Horn stößt Daniel Rieger, Besitzer des Gasthofs Neuwirt in Garching mit 22 Mitarbeitern: "Es trifft immer die Gastronomie zuerst", sagt er und verweist ebenfalls auf die überfüllten U-Bahnen, an denen sich niemand störe. Wenn Bars und Restaurants schließen müssten, obwohl sich laut Statistik nur 0,5 Prozent aller Infizierten darin angesteckt hätten, dann stimme etwas nicht. Er sei kein Corona-Leugner und habe selbst Sorge um seine Eltern, betont Rieger, aber an der Verhältnismäßigkeit der Entscheidung in Berlin zweifle er dennoch. Auch er zeigt sich bezüglich der Ausfallentschädigung recht skeptisch: "Wenn das so stimmt, dann wäre das eine G'schicht, aber ich glaube nicht so recht daran." Momentan sei er ein wenig planlos. Ob er wieder Essen zum Mitnehmen anbieten werde, wisse er nicht. Wenn, dann tue er das nur für die Gäste, weil verdienen lasse sich damit kein Cent, im Gegenteil: "Die Kosten sind höher als die Einnahmen", so der Gastronom. Demnächst werde er sich bei seinem Steuerberater erkundigen.

Sie schwanke zwischen "brutalem Betroffensein und sich schütteln und nach vorne schauen", sagt Angela Inselkammer, die nicht nur BHG-Präsidentin ist, sondern auch als Mutter des Ayinger Bräus Franz Inselkammer einen Überblick über die Gastroszene hat. Die Gründe für den massiven Einschnitt erschlössen sich ihr nicht, sagt sie und verweist ebenfalls auf die 0,5-Prozent-Quote. Dass die 75-Prozent-Hilfe unbürokratisch und schnell ausgezahlt werde, sei überlebenswichtig.

Wenn dieses Geld schnell kommt, "dann wird es nicht so dramatisch", sagt Gerhart Maier, Betreiber des Hotels Blauer Karpfen in Oberschleißheim und Vorsitzender des örtlichen Tourismusvereins. Er werde damit das Gehalt seiner fünf Beschäftigten auffüllen, die er nun wieder allesamt in Kurzarbeit schicken werde, so Maier. "Als Eigentümer tue ich mich leichter", sagt der 64-Jährige, aber all jene, die Pacht zahlen müssten, stünden durch den zweiten Lockdown mit dem Rücken zur Wand. Viele Hotels und Wirtschaften würden das gar nicht überleben können. Er selbst geht fest davon aus, dass er im Dezember wieder aufsperren wird - und dann auch wieder Gäste einchecken.

Diese Hoffnung schon fahren lassen haben offenbar die Betreiber des Comfort-Hotels und des dazugehörigen Restaurants "Zum Hackerbräu" in Unterföhring. Dort hat man bereits Ende vergangener Woche alles zugesperrt wegen der Corona-Pandemie, wie auf dem Anrufbeantworter zu hören ist. Erst am 10. Januar 2021 sollen wieder Gäste kommen. Voraussichtlich.

© SZ vom 30.10.2020

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