Kreis und quer:Freier Kleber

Die Aktionen der Klimaschützer stoßen oft auf heftige Kritik. Doch es gibt auch Sympathie von ungewohnter Seite.

Kolumne von Martin Mühlfenzl

Jetzt sind die Kreativen gefragt - im Netz, in den Redaktionen, am Stammtisch. Wie soll man denn diese neuen Aktivisten wahlweise schmähen oder hochloben? Klima-Pfuscher? Klima-Sauger? Sie selbst nennen sich "The Tyre Extinguishers", was auf Deutsch so viel heißt wie Reifen-Löscher. Die Polizei verortet die Aktivisten, die in dieser Woche bei mehreren Autos in der Gemeinde Haar die Luft aus den Reifen gelassen haben, im linken Spektrum und geht von einer politisch motivierten Straftat aus. Und wer sich bei einer solchen erwischen lässt, muss in Bayern aufpassen, dass er nicht 30 Tage lang in Präventivhaft einsitzt und Weihnachten in Stadelheim verbringt.

Es stellen sich ja angesichts der nahezu täglich aufflammenden Proteste vor allem der "Letzten Generation" ein paar Fragen. Ist es nun effektiver, Autos direkt außer Betrieb zu setzen, indem man die Reifen platt macht - oder bringt es mehr, sich in größerer Zahl auf Straßen zu kleben, um so den Verkehr lahm zu legen? Und welcher Kleber hält überhaupt bei diesem novembergrauen Sauwetter? Die Klimaaktivisten, die am Donnerstagvormittag einen Ausflug zum Münchner Flughafen machten, hatten offenbar den falschen Kleber dabei, schließlich gelang es ihnen nicht, wie beabsichtigt, eine Start-und Landebahn dauerhaft zu okkupieren und so den Flugverkehr auszusetzen.

Auf eines aber ist immer Verlass: Wann immer die Letzte Generation zum Protest aufruft, geht das Netz steil - und das meist in eine Richtung. Die größte Zahl der Kommentare lässt sich in etwas so zusammenfassen: Das arbeitsscheuche Gesindel soll sich lieber eine sinnstiftende Beschäftigung suchen, schadet mit seinem Protest nur dem eigenen Anliegen, begeht kriminelle Handlungen. Oder frei nach Ministerpräsident Markus Söder: Die sollen lieber Bäume pflanzen, die er dann umarmen kann.

Es gibt aber auch ganz andere Stimmen. "Endlich mal eine gute Aktion!" So kommentierte Otto Bußjäger, Grasbrunns ehemaliger Bürgermeister und aktuell Kreisrat der Freien Wähler, die Aktion der Letzten Generation am Flughafen. "Die trifft die Klimasünder Nr. 1", schob der Höhenkirchner noch hinterher, der von sich selbst behauptet, seit Jahren des Klimaschutzes wegen nicht mehr in einen Flieger zu steigen.

Ob Flugzeuge wirklich die schlimmsten aller Klimasünder sind, bedarf sicher einer detaillierteren Analyse. Kreuzfahrtschiffe etwa dürften für sich in Anspruch nehmen, mindestens auf Augenhöhe zu konkurrieren - nur klebt es sich vor einem Mega-Liner auf offener See halt weniger gut fest als auf einer Start- und Landebahn. Aber es muss ja auch nicht gleich der Flughafen sein. Otto Bußjäger zumindest würden sich im Landkreis gute Möglichkeiten bieten, öffentlichkeitswirksam für das Klima zu kämpfen - etwa auf der Ottostraße in Ottobrunn oder der Ottobrunner Straße in seiner Heimatgemeinde.

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