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Coronavirus im Landkreis München:Vorsichtige Entwarnung

Landrat Christoph Göbel warnt in seiner wöchentlichen Pressekonferenz vor zu viel Leichtsinn bei den laufenden Corona-Lockerungen.

(Foto: Claus Schunk)

Sollte es bis Pfingsten keine zweite Corona-Welle geben, wollen Landkreis und Kommunen mit dem Abbau erster Teststationen beginnen. Aktuell gibt es nur 6,9 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner

Von Sabine Wejsada, Landkreis

Die Strategie des Landratsamtes ist offenbar aufgegangen: Während andernorts die Gesundheitsbehörden wegen Personalmangels Schwierigkeiten haben, Corona-Kontakte nachzuverfolgen, hatten sich Landrat Christoph Göbel (CSU) und die Bürgermeister der 29 Städte und Gemeinden gleich Mitte März darauf verständigt, die Testung von Verdachtsfällen und die Dokumentation von möglichen Infektionsketten dezentral zu gestalten.

Dieses System habe sich bewährt, sagte Göbel am Donnerstagnachmittag bei seiner wöchentlichen Video-Pressekonferenz zur Corona-Krise. Mindestens bis Pfingsten soll diese Methode aufrechterhalten werden. Sollte es das Infektionsgeschehen zulassen, könne mit dem Abbau der Stationen begonnen werden, so der Landrat.

"An Pfingsten werden wir entscheiden, wie es weitergeht."

Infektionszahl

Aktuell gelten 105 Menschen im Landkreis als mit dem Coronavirus infiziert. Doch diese Zahl ist nur bedingt aussagekräftig. Zum einen wegen der Dunkelziffer, zum anderen weil die Zahl der wieder Gesunden nicht exakt erhoben wird. Vielmehr gilt für die Behörden statistisch als genesen, bei wem der Beginn der Quarantäne 14 Tage oder länger zurückliegt. Die Krankheitsdauer variiert aber von Fall zu Fall. Eine Differenzierung des kompletten Infektionsgeschehens auf alle 29 Städte und Gemeinden sei deshalb weder möglich noch sinnvoll, heißt es aus dem Gesundheitsamt und der Kreisbehörde. Ausgewiesen werden daher täglich auf der Homepage des Landratsamts lediglich die Gesamtzahlen der Infizierten je Ort seit Beginn der Pandemie. Diese Zahlen übernimmt auch die SZ. SZ

An diesen habe der Andrang zuletzt nachgelassen und viele Kommunen fragten bereits, ob sie ihr Testzentrum schließen könnten. Wenn es nach Göbel geht, soll es im Landkreis mittelfristig sieben Corona-Standorte geben, eingeteilt nach dem Vorbild der bestehenden medizinischen Versorgungsbereiche. Optimalerweise könnten diese in den vier Kommunen Unterföhring, Ottobrunn, Oberhaching und Gräfelfing verbleiben, wo es bereits Behandlungspraxen neben den Teststationen gibt; weitere drei sollen für den Norden, Osten und Südwesten folgen. Doch all das ist Zukunftsmusik. "An Pfingsten werden wir entscheiden, wie es weitergeht. Wenn keine zweite Welle kommt, dann können wir verringern", so Göbel.

Am Donnerstag meldete die Kreisbehörde einen Anstieg um 16 bestätigte Infektionen mit dem Coronavirus gegenüber Mittwoch. Nach mehreren Tagen ohne oder mit nur ganz wenigen neuen Fällen zeigt die Kurve wieder nach oben. Was Göbel und Gesundheitsamtsdirektor Gerhard Schmid etwas besorgt, obwohl sie es angesichts der Lockerungen erwartet haben, wie sie übereinstimmend versichern.

Seit Meldung des ersten Falls am 4. Februar haben sich im Landkreis insgesamt 1365 Menschen angesteckt. Von ihnen sind aktuell noch 105 infiziert (Stand: Donnerstagmittag). 1208 Menschen gelten als statistisch genesen; darin enthalten sind alle, bei denen der Beginn der Quarantäne mindestens 14 Tage zurückliegt. Die Krankheitsdauer variiert, manche Infizierte haben nach zwei Wochen noch Symptome, andere sind nach wenigen Tagen gesund.

Zu beklagen sind seit Donnerstag zwei weitere Todesfälle: zwei Frauen, beide Anfang 90. Damit erhöht sich die Zahl der an oder mit Sars-CoV-2 Verstorbenen auf 52. Allerdings geht das Landratsamt davon aus, dass es zwischen 20 und 30 Todesfälle gibt, bei denen keine ärztliche Meldung nach dem Infektionsschutzgesetz vorliegt. Diese Fälle müssten aufgeklärt werden. Allein 19 Bewohner von Alten- und Pflegeheimen sind im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben. In den Senioreneinrichtungen aber hat sich das Infektionsgeschehen abgemildert, wie der Landrat am Donnerstag berichtete. "Meine größte Sorge, dass die Zahlen in diesem Bereich durch die Lockerungen ansteigen, hat sich nicht bewahrheitet."

Der "Preis" der Lockerungen

So sei augenblicklich nur in einer Alteneinrichtung eine einzige Person infiziert. Auch in den Asylbewerberheimen seien die Zahlen stabil: 25 Personen befänden sich in der eigens geschaffenen Unterkunft in Haar in Quarantäne. Anfang nächster Woche soll eine ähnliche Unterkunft in Unterhaching eröffnen. 34 ehemals infizierte Flüchtlinge seien genesen, 86 noch in Quarantäne, 206 Kontaktpersonen hätten diese bereits hinter sich.

Göbel ist froh, "dass wir im Landkreis keine Hotspots mit Infektionen in Altenheimen oder Flüchtlingsheimen haben" und sich auch die Neuansteckungen auf einem geringen Niveau halten. Die Sieben-Tages-Inzidenz, also die Zahl der neu gemeldeten Infektionen innerhalb einer Woche, liegt aktuell bei 6,9 je 100 000 Einwohner und damit weit unter der Grenze von 50, auf die sich Bund und Länder vergangene Woche verständigt haben. Zu Beginn der ersten Welle Anfang April erreichte sie mit 107,3 Personen ihren bisherigen Höchstwert. Ähnliches sei hoffentlich nicht mehr zu erwarten, wünschen sich Göbel und Schmid, auch wenn letzterer für Herbst mit steigenden Infektionszahlen rechnet. Das sei wohl "der Preis" für die Lockerungen, die ihm Sorgen bereiteten, so Schmid.

© SZ vom 15.05.2020

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