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Kirchheim:Wenn der Bürgermeister das Schnitzel bringt

Kirchheims Bürgermeister Maximilian Böltl übergibt Sonja Beinert die Essenslieferung an der Haustür.

(Foto: Claus Schunk)

Um die örtlichen Gaststätten im Lockdown symbolisch zu unterstützen, liefern Kommunalpolitiker einen Abend lang Essen aus.

Von Anna-Maria Salmen, Kirchheim

Um kurz vor 18 Uhr steht die erste Essenslieferung schon bereit: Große blaue Kisten stapeln sich auf dem Tisch in der Küche des Dorfschenks im Kirchheimer Ortsteil Hausen. Darin finden sich mit Frischhaltefolie überzogene Teller, auf denen die Vorspeise kunstvoll angerichtet ist, daneben Aluschalen für die warmen Hauptgerichte und eine kleine Schüssel mit Salat als Beilage. Heute steht das "Gute-Laune-Menü" auf der Speisekarte, wie Silke Kunstwadl erzählt, die den Dorfschenk betreibt. Carpaccio aus Fleisch und aus Semmelknödeln, Schnitzel mit Vogerlsalat und Preiselbeeren sowie Kaiserschmarrn zum Dessert - das dürfen sich die ersten Kunden schmecken lassen.

Geliefert wird das Essen jedoch an diesem Freitagabend nicht von Kunstwadl selbst oder von einem ihrer Mitarbeiter. Kirchheims Bürgermeister Maximilian Böltl (CSU) schlüpft in die Rolle des Lieferanten, für die Aktion "Der Gemeinderat bringt's" sind neben ihm noch vierzehn weitere Kommunalpolitiker im Einsatz. Auf die schwierige Situation der Gastronomen aufmerksam machen und die örtlichen Wirte unterstützen, ist das Ziel der Aktion, an der sich insgesamt 13 Kirchheimer Gaststätten und Restaurants beteiligen.

135 Euro kostet das Vier-Gänge-Menü für vier Personen

Pünktlich zur Essenszeit greift Bürgermeister Böltl nach den blauen Kisten und trägt sie zum Auto mit der Lackierung in den Farben der Gemeinde. Für die erste Lieferung muss er nicht weit fahren, die Kunden wohnen unweit des Dorfschenks. In einem Reihenhaus wartet die Familie Beinert bereits auf ihr Essen. Sonja und Mario Beinert öffnen die Tür mit Masken, hinter dem Paar schauen die beiden Kinder neugierig hervor. Sie hätten während des Lockdowns bereits öfter Essen beim Dorfschenk bestellt, erzählt Sonja Beinert.

Silke Kunstwandl betreibt in Kirchheim den Dorfschenk. Der Lieferservice ist ihr auch wegen ihrer Mitarbeiter wichtig, damit diese weiterhin Arbeit haben.

(Foto: Claus Schunk)

"Das ist schon ein Segen, vor allem an Freitagen." Ihr Mann fügt hinzu: "Aber wir warten auch schon sehnsüchtig darauf, dass es wieder richtig weitergehen kann mit dem Dorfschenk." 135 Euro bezahlt die Familie für ein Vier-Gänge-Menü für vier Personen, besonders freuen sich die beiden Kinder der Beinerts auf den Kaiserschmarrn.

Während die Familie ihr Essen genießen kann, geht es für Böltl zurück zum Dorfschenk, um die zweite Lieferung abzuholen. Die nächsten Pakete, die der Bürgermeister nach Heimstetten bringt, enthalten unter anderem Rinderfiletspitzen und Saltimbocca. Unterdessen bereitet Silke Kunstwadl in der Küche des Dorfschenks die nächsten Menüs vor. Die Einschränkungen durch die Pandemie träfen sie schwer, erzählt sie. Der Dorfschenk ist eine Veranstaltungslocation, jeden Mittwochabend ist er zusätzlich als Gaststätte geöffnet. Zumindest normalerweise, seit November hat das Lokal aufgrund des Lockdowns geschlossen.

Von Anfang an habe sie einen Lieferdienst auf die Beine gestellt, berichtet Kunstwadl. Bereits im ersten Lockdown im vergangenen März sei ihr klar gewesen, dass sie Alternativen anbieten müsse. "Es war mir auch wichtig für meine Mitarbeiter, dass sie weiter arbeiten können." Kunstwadl erlebt durchaus Solidarität, ihr Lieferdienst kommt gut an, wie sie sagt. "Aber wir müssen auch viel Werbung dafür machen."

Viele können es sich nicht mehr leisten, Essen zu bestellen

Die Wirtin lässt sich einiges einfallen. Neben wechselnden Menüs bietet sie seit Kurzem auch ein Candlelight-Dinner an, bei dem das Essen mitsamt Wein und Kerzenschein an die Haustür geliefert wird. Vor allem die Stammkunden würden weiterhin versuchen, das Lokal zu unterstützen, sagt Kunstwadl. Im zweiten Lockdown habe die Hilfsbereitschaft jedoch etwas abgenommen. Kunstwadl hat dafür durchaus Verständnis - die Leute seien müde, nicht jeder könne es sich noch leisten, regelmäßig Essen liefern zu lassen. Dennoch: "Selbst wenn jeder nur einmal im Monat Essen bestellt, dann würde das schon reichen", appelliert sie.

Wehmütig blickt die Wirtin sich in den Räumlichkeiten des Dorfschenks um. Wie eine kleine, gemütliche Holzhütte wirkt die Gaststube. Die Tische sind geschmückt, als würden in wenigen Minuten Gäste eintreffen, um einen geselligen Abend zu verbringen. Ein Lieferdienst sei zwar eine gute Zwischenlösung, doch ersetzen könne er die geöffnete Gastronomie nicht, davon ist Kunstwadl überzeugt.

Als "vollen Erfolg" bezeichnete Bürgermeister Böltl die Aktion am Tag darauf. "Man trifft ja momentan kaum noch jemanden, da hat es Spaß gemacht, mal wieder kurz mit den Leuten ratschen zu können." Ähnliches hätten ihm auch die anderen Gemeinderatsmitglieder berichtet, die am Freitagabend Essen zu den Bürgern brachten. Böltl sieht die Aktion auch als wichtiges Signal für die Gastronomen im Ort. Dass die Gemeindeverwaltung die lokalen Gaststätten unterstütze, das wissen die Wirte dem Bürgermeister zufolge. "Aber wir wollten zeigen, dass der Gemeinderat nicht nur quatschen kann, sondern auch anpacken."

© SZ vom 29.03.2021
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