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Verkehrsunfälle:Wenn das Auto zum Zeugen wird

Zum Glück nur ein Dummy: Beim 7. Autotag in Ismaning werden Unfälle mit Puppen simuliert.

(Foto: Allianz)

Die Zahl der Verkehrsunfälle steigt. Allein im Landkreis hat es im vorigen Jahr mehr als 8000 Mal gekracht. Beim Autotag in Ismaning beschäftigen sich Versicherer, Polizei und Sachverständige mit der Frage, wie mit Daten umgegangen werden soll, die Fahrzeuge sammeln.

Der Knall hallte durch die sonst ruhigen Wohnstraßen. Es war ein solcher Rums, dass Anwohner an diesem Juniabend von der Terrasse aufschreckten oder aus ihren Häusern liefen. Ein Kleintransporter hatte einem BMW die Vorfahrt genommen und war offenbar mit einer solchen Wucht in das Auto gedonnert, dass er es auf den Fußweg geschoben hatte, der an der Unterhachinger Sankt-Alto-Straße hinter einem Grünstreifen verläuft.

Der Fahrer sei viel zu schnell unterwegs gewesen, sagten Zeugen. 30 Stundenkilometer sind an dieser Stelle erlaubt. Es war einer von Tausenden Unfällen, die jährlich im Landkreis München passieren. Tendenz steigend. 2016 hatte es laut Polizeipräsidium München auf den 1431 Kilometern Straße rund um die Landeshauptstadt 7783 Mal gekracht, im vergangenen Jahr zählten die Beamten schon 8009 Unfälle.

Die meisten Kollisionen im Straßenverkehr sind sogenannte Kleinunfälle (6974). Einmal beim Ausparken auf einem Supermarktparkplatz nicht aufgepasst und schon ist eine neue Stoßstange fällig oder der Außenspiegel hängt herunter. Aber auch bei Zusammenstößen mit schwerwiegendem Sachschaden gehen die Zahlen nach oben: 4463 zählte das Polizeipräsidium 2018 im Landkreis.

Am häufigsten kracht es auf den Ausfallstraßen

Dabei ist auch die Anzahl der Verletzten um 6,9 Prozent auf mehr als tausend gestiegen. Auffallend in diesem Verkehrsbericht ist auch die Anzahl derer, die nach einem Unfall einfach die Flucht ergreifen: 2078 zählte die Polizei und damit 124 mehr als im Vorjahr. Dabei handelte es sich nicht nur um Bagatellschäden, sondern es wurden dabei auch 90 Menschen verletzt, fünf von ihnen schwer. Auch die Unfälle mit Radfahrern haben im Landkreis zugenommen. Im vergangenen Jahr verunglückten 466 mit dem Fahrrad, 20,4 Prozent mehr als 2017.

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Am häufigsten krachte es 2018 im Landkreis wie schon in den Jahren zuvor auf den Ausfallstraßen. Das lässt sich auf dem aktuellen interaktiven Online-Unfallatlas erkennen, den die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder bereitstellen. Demnach ist die Wasserburger Landstraße, die B 304, die von Trudering nach Haar, Grasbrunn und weiter in Richtung Ebersberg führt, eine der Routen im Landkreis mit der größten Unfallhäufigkeit. Zwischen 29 und 58 Unfälle mit Verletzten passieren hier jährlich.

Ähnlich gefährlich ist es zwischen Unterföhring und Garching auf der A 9. Als unfallträchtig (sechs bis 13 Zusammenstöße mit Verletzten) gelten auch die Verbindungen von Neuperlach über Neubiberg nach Ottobrunn sowie Unterhaching-Taufkirchen-Oberhaching und die Westseite des Isartals bei Pullach und Schäftlarn. Auf dem Autobahnring A 99 kracht es am häufigsten zwischen dem Kreuz München Nord und Aschheim.

301 890 Kraftfahrzeuge

waren im Jahr 2018 im Landkreis München angemeldet. Die offizielle Einwohnerzahl wird vom Bayerischen Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung mit 346 433 angegeben. Zieht man davon nun die 49 587 Kinder bis 13 Jahren und die 13 486 Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren ab, bleiben noch 283 360 Bewohner, die mit all den Autos auf einem Straßennetz von 1431 Kilometern herumfahren.

Um die Frage zu klären, wer Schuld hat, werden häufig Zeugen gesucht. Wie diese Woche nach einem tödlichen Verkehrsunfall auf der B 471 in Garching an der Kreuzung Münchner Straße. Die Ermittlungen, teilte die Polizei am Freitag mit, hätten ergeben, dass sich die beteiligten Fahrzeuge im Querverkehr der Unfallkreuzung befanden, bevor sie in deren Mitte zusammenstießen. Aber wer hat das gesehen?

Man könnte aber auch einfach mal die beteiligten Autos fragen, was genau passiert ist. Viele moderne Fahrzeuge sind heute schon technisch so ausgerüstet, dass sie zahlreiche Daten speichern, mit denen sich Unfälle aufklären ließen. Inwieweit es hilfreich und auch sinnvoll ist, dass ein Auto als Zeuge gegen seinen Fahrer aussagt, damit beschäftigten sich Vertreter des Versicherers Allianz, der Polizei und Kfz-Sachverständige am Donnerstag beim 7. Autotag im Allianz-Zentrum für Technik in Ismaning. Denn während in den USA Datenschreiber seit 2006 vorgeschrieben sind, soll in der EU eine Blackbox für Autos erst 2022 Pflicht werden.

Die Opfer haben ein Anrecht auf Antworten

Bis dahin muss man sich darüber einig sein, welche Parameter für eine Unfallaufklärung nötig sind. "Wir haben da eine klare Position: Wir brauchen nicht alle 5000 Daten, es reichen 65 bis 90 Parameter, um einen Unfall zu rekonstruieren", sagte in Ismaning Gundolf de Riese-Meyer, Leiter des Verkehrskommissariats 1 der Düsseldorfer Polizei, der sich intensiv mit digitaler Unfallaufklärung beschäftigt. Er findet, die Opfer hätten ein Anrecht auf die Beantwortung ihrer Fragen, und dabei können die Daten aus dem Fahrzeug helfen.

Sachverständiger Michael Weyde erinnerte an den Prozess um die Tötung eines Arztes in Berlin durch ein illegales Autorennen auf dem Kurfürstendamm. Das Auslesen des Datenspeichers war mitentscheidend für die Urteilsfindung. Nach klassischen Berechnungen war man zunächst davon ausgegangen, dass der Unfallverursacher mit 130 Stundenkilometern unterwegs war, tatsächlich waren es 160. "Daten lügen nicht", so Weyde. Auch eine Dashcam, die mittlerweile vor Gericht als Beweismittel verwendet werden darf, hält er für sinnvoll. "Da kann man eben sehen, ob die Ampel wirklich grün war und was der Fußgänger gemacht hat."

Für eine bessere Unfallforschung seien so ziemlich alle Daten aus dem Fahrzeug interessant, findet Joachim Müller, Chef der Sachversicherung bei der Allianz. Denn durch die Digitalisierung sei die herkömmliche Unfallaufklärung immer schwieriger geworden, da etwa durch das Antiblockiersystem kaum noch sichtbare Brems-, Blockier oder Driftspuren am Unfallort zu finden seien. Auch können eine Vielzahl von modernen Assistenzsystemen den Unfallablauf maßgeblich beeinflussen. In Zukunft wird sich bei vollautomatischen Fahrzeugen dann nach dem Unfall die Frage stellen: Wer ist eigentlich gefahren? Das Auto oder der Fahrer?

Natürlich sind Daten aus dem Speicher des Autos äußerst interessant für einen Versicherer. Doch will sich die Allianz darauf beschränken, diese nur bei schweren Unfällen mit Verletzten oder gar Toten anzufordern. Denn dann überwiege das öffentliche Interesse an der Aufklärung. "Bei einem reinen Sachschaden sollte sich kein Beteiligter durch seine Daten aus dem Fahrzeug selbst belasten müssen", so Müller.

Die Allianz empfiehlt einen unabhängigen Treuhänder, dem zukünftig die Daten bei hoch und voll automatisierten Fahrzeugen übertragen werden. Vorstandsvorsitzender Klaus-Peter Röhler kann sich aber auch einen direkt im Auto integrierten Schadensassistenten vorstellen. Dann meldet das Auto selbständig den Schaden bei der Versicherung, organisiert den Abschleppwagen und bestellt gleich die Ersatzteile für die Reparatur.