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Kriegsende 1945:"Werdet zu guter Letzt glücklich"

Die Aufnahme aus den Vierzigerjahren zeigt, dass es in Grünwald kaum Kriegsschäden zu beklagen gab. In der Gemeinde lebten besonders viele NS-Prominente. Es könne sogar noch mehr Selbstmorde gegeben haben als bisher bekannt, so die Historikerin Susanne Meinl.

(Foto: Gemeindearchiv Grünwald, Sammlung Köglmeier)

Die vielen Selbstmorde zum Kriegsende in Grünwald haben die Historikerin Susanne Meinl überrascht.

Von Carina Seeburg, Grünwald

Sein Haus brannte schon, als Reinhold Milleck einen Abschiedsbrief in den Briefkasten seiner Nachbarin warf. Dann ging er zurück in das Haus, in dem seine beiden Kinder und seine Frau bereits tot auf dem Boden lagen. Er hatte sie mit Kopfschüssen getötet. Alles lief wie geplant. Nach und nach erfassten die Brandherde, die er gelegt hatte, den Keller und den Speicher. Dann schoss er ein letztes Mal. So oder so ähnlich muss der Ablauf an jenem Vormittag des 24. Mai 1945 gewesen sein, als Reinhold Milleck seine Familie mit in den selbst gewählten Tod nahm.

Milleck war nicht der Einzige in Grünwald, der sein Leben bei Kriegsende durch Suizid beendete. "Für den Zeitraum von Ende April bis Ende Mai 1945 liegen mehrere geklärte Selbstmorde und ungeklärte Todesfälle vor", sagt die Historikerin Susanne Meinl, die im Auftrag der Gemeinde die Geschichte Grünwalds während der NS-Zeit aufarbeitet. Ihre neuesten Forschungsergebnisse lassen Meinl annehmen, dass die Selbstmordwelle, die im Frühjahr 1945 durch Deutschland brandete, Grünwald mit voller Wucht ergriff, denn die Häufung der Selbsttötungen sei markant. "In der Dichte habe ich das noch in keiner anderen Gemeinde im Landkreis gesehen", erklärt Meinl. Ihre Ergebnisse seien aber noch als vorläufig zu betrachten, um sie zu validieren, sei weitere Forschung notwendig.

Kurz bevor Reinhold Milleck sich und seiner Familie am 24. Mai 1945 das Leben nimmt, wirft er einen Brief in den Briefkasten seiner Nachbarin.

(Foto: Gemeindearchiv Grünwald)

Jeder Fall muss einzeln betrachtet werden

In welchen Abgrund hatten Menschen geblickt, dass sie am Ende des Dritten Reichs nur im Tod einen Ausweg sahen? Und was trieb einen Vater dazu, sich und seine ganze Familie auszulöschen? "Bei den Motiven gibt es kein Muster, jeder Fall muss individuell betrachtet werden", sagt Meinl. Dennoch, einige Beweggründe häufen sich: Im Angesicht der vorrückenden alliierten Armeen fürchteten sich NS-Funktionäre vor Strafen für ihr Handeln, Frauen vor Vergewaltigungen durch ausländische Soldaten, und einigen Menschen war ihr Leben ohne Adolf Hitler schlicht nichts mehr wert. Eine von Ihnen war Charlotte de Boor.

Reinhold Milleck im Brief an die Nachbarn

"Die Särge ohne Kreuzverzierung. Kein Geistlicher. Kein Gebet. Nur Musik."

Die geschiedene Ärztin war Assistentin am Dermatologischen Institut in München und lebte zur Miete in einem Zimmer in Grünwald. "Sie hat wiederholt geäußert, dass sie unter den gegebenen Umständen nicht leben könne", gab ihre Vermieterin Elfriede W. am 10. Mai 1945 zu Protokoll. Dass den Worten Taten folgen würden, hatte sie nicht geahnt. Auch nicht, als de Boor am 7. Mai gegen Mittag in ihr Zimmer ging, die Tür verschloss und Stille einkehrte.

Zwei Tage später öffnete Elfriede W. die Tür und fand Charlotte de Boor leblos in ihrem Bett. In der Handtasche neben ihr lag ein leeres Fläschchen und auf dem Nachtisch ein Zettel mit den Worten: "Ich gehe aus dieser Welt mit 30 Cyankali, weil ohne unseren Führer die Welt ihren Sinn verliert." De Boor war fanatische Nationalsozialistin und hatte zwei Söhne bei der SS. Nach Hitlers Tod setzten auch sie ihrem Leben ein Ende.

Bericht zum Suizid von Charlotte de Boor, die sich am 7. Mai 1945 mit Zyankali vergiftete.

(Foto: Gemeindearchiv Grünwald)

Wie viele überzeugte Nazis Hitler in den Tod folgten, ist bis heute nicht geklärt. Fest steht, dass sich während des größten Massenselbstmords der deutschen Geschichte viele bekannte Größen des Regimes ihr Leben nahmen. "In Grünwald gab es enorm viel NS-Prominenz", hält Meinl fest. Hier habe es "gerüchteweise weitere Suizide" gegeben, die bislang aber nur mangelhaft durch Gemeindearchivakten belegbar seien.

Aber auch die vielen Dokumente einfacher Leute gäben bereits Zeugnis über das Ausmaß der Freitodwelle im Ort. So ist ein eindrücklicher Bericht über Otto Scheuer erhalten, den Schulleiter der Grünwalder Volksschule. "Scheuer galt bei den Schülern als 150-prozentiger Nazi", erklärt Meinl. Ende April, als der Untergang des NS-Regimes bereits besiegelt war, betrat der Pädagoge eines Abends das Schlafzimmer seiner Tochter und schaltete das Licht an. Als diese aufschreckte und fragte, was los sei, entgegnete er "nichts" und verließ den Raum wieder.

Susanne Meinl untersucht die NS-Zeit in Grünwald.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Schulleiter - "ein 150-prozentiger Nazi"

Wenig später zerrissen Schüsse die Luft. Otto Scheuer und seine Frau waren sofort tot. Das Ende des Dritten Reichs hatte den überzeugten Nationalsozialisten in die Verzweiflung getrieben. Ihr Vater habe einen "vollständigen Nervenzusammenbruch" erlitten, gab seine Tochter später zu Protokoll.

Suizid Otto Scheuer Grünwald

Das Ende des Dritten Reichs trieb auch Otto Scheuer (mitte), den Schulleiter der Grünwalder Volksschule, in die Verzweiflung.

(Foto: Stadtarchiv Pfaffenhofen a. d. Ilm)

Während Scheuer sein Kind verschonte, nahm Reinhold Milleck seine elfjährige Tochter Gerda und seinen siebenjährigen Sohn Germar mit in den Tod. Noch bevor er das Haus anzündete, hatte er die Kinder im oberen Stockwerk erschossen. Was Milleck antrieb, seine ganze Familie auszulöschen? Man kann es erahnen, wenn man die Akten studiert, sagt Meinl.

Bereits im Juni 1923 war der Ingenieur der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) beigetreten. Später schrieb er antisemitische Artikel für das Hetzblatt "Der Stürmer" und agierte als Redner und Propagandawart für die NSDAP-Ortsgruppe München-Harlaching. Als "alter Kämpfer" hatte er nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 Karriere gemacht: So zog die Reichsleitung der NSDAP ihn für zahlreiche Großprojekte wie Hitlers Bauten am Obersalzberg als Fachmann heran. Dann kam das Kriegsende, und Millecks Welt und Weltsicht brachen in sich zusammen.

Abschrift des Abschiedsbriefs von Reinhold Milleck an seine Nachbarin im Mai 1945.

(Foto: Gemeindearchiv Grünwald)

Nach dem Einmarsch der Amerikaner wurde Milleck angeblich misshandelt und schließlich zur Leichenbergung im KZ-Außenlager Allach abgeholt. In dem höflichen Abschiedsbrief an seine Nachbarin dankt er ihr für "ihre Liebe und uneigennützige Herzensgemeinschaft", nichts deutet auf einen Sinneswandel des einst überzeugten Hitler-Anhängers hin. Liest man jedoch weiter, sagt Meinl, dann sei in den Abschiedsbriefen an seine Verwandtschaft zu erkennen, "dass ihn die Konfrontation mit dem Grauen in den Konzentrationslagern" zu neuen Einsichten gebracht, aber auch die Angst vor einem politischen Verfahren zu dem verzweifelten Schritt getrieben habe. "Lebt wohl alle und werdet zu guter Letzt glücklich trotz allem Unglück, das eigensüchtige Menschen und ein maßlos größenwahnsinniger Mensch über uns Deutsche brachte", schreibt Milleck am 24. Mai 1945. Wenig später brannte sein Haus.

Anmerkung der Redaktion: Normalerweise berichtet die SZ aufgrund der hohen Nachahmerquote nicht über Selbsttötungen, in diesem Fall handelt es sich allerdings um eine historische Betrachtung. Wenn Sie Suizidgedanken haben, kontaktieren Sie bitte die kostenlose 24-Stunden-Hotline der Telefonseelsorge: 0800-1110111 oder 0800-1110222.

© SZ vom 29.08.2020

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