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SZ-Serie: Sound des Sommers:Dopplereffekt im Rosengarten

Grünwald, Geräusch-Sommerserie: Besuch bei Trambahn-Anlieger Ebner mit Lärmmessgerät

Zwischen den Blumen im Garten hält Johann Ebner regelmäßig sein Messgerät Richtung Trambahngleis. Die Schallwerte meldet er an die MVG.

(Foto: Angelika Bardehle)

Johann und Gerda Ebner leben in Grünwald unmittelbar an der Trambahnlinie. Von 5.10 Uhr am Morgen bis um 0.30 Uhr in der Nacht wird es alle fünf Minuten laut. Die Enkel können nicht schlafen, und Gespräche auf der Terrasse sind schwierig.

Eine kleine Gräfin Diana ist an diesem Nachmittag im Juli noch in Johann Ebners Garten zu bewundern. Die himbeerrote Rosenblüte riecht, als wäre sie in Parfüm gebadet worden. "Und dabei ist das eine ganz kleine", sagt der Hobbygärtner. "Die anderen sind gerade letzte Woche abgeblüht. " Als die großen Blüten noch da waren, wurden Gerda und Johann Ebner beim Kaffeetrinken auf der Terrasse regelrecht eingehüllt in den unglaublichen Duft.

"Das ist eine Edelrose", sagt Ebner, 70, ehemals Ingenieur in der Automobilbranche. Das Qualitätsbewusstsein ebenso wie die technische Genauigkeit aus seinem Beruf hat er auf sein Hobby, das Gärtnern, übertragen. Das zeigt sich unter anderem an der parallelen Anordnung der Rosenstauden, die jeweils durch eine Reihe Lavendel abgetrennt sind. Jeder Strauch trägt andersfarbige Rosen: neben der dunkelroten Gräfin stehen gelbe, apricotfarbene, rosafarbene, knallrote, weiße und gelbe.

Die Rosen sind Ebners ganz große Liebe. Gleich danach kommen die Hortensien. Etwa die Ball-Hortensie "Schöne Annabelle" oder die Rispen-Hortensie ("Die wird in drei Tagen blühen", verkündet er). Besonders schön findet er auch die lila-weißen Blüten der Samt-Hortensie. Und das ist bei weitem noch nicht alles, was man bei einem Gartenrundgang durch die 450 Quadratmeter Wiese mit Blumen kennenlernt.

Es gibt noch einen "Vogelbaum", an dem allerlei Futter für die Tierchen hängen, eine "Experimentierecke" mit bunt durcheinander stehenden Blumen, einen Vorgarten mit "Opa-Stuhl" und Beerensträuchern - Josterbeeren, Himbeeren, Johannisbeeren - , die die Enkel regelmäßig plündern dürfen. Es gibt "ganz besondere Arrangements von Ahornen" und zahlreiche Funkien - Herzblattlilien. Man könnte das Haus und den Garten der Ebners in Grünwald ein Paradies nennen. Wenn da nicht diese unangenehme Kleinigkeit wäre.

84,6 Dezibel

Diesen Wert hat Johann Ebner während des Gesprächs in seinem Garten gemessen. Er verfügt über eine große Sammlung von Messwerten. Am 23. Juli schrieb er an die MVG: "Die 2101 rumpelt dermaßen extrem, dass man als Anwohner Angst hat, sie verliert die Achsen. Der Geräuschpegel an der Grundstücksgrenze hat den Rekordwert von 89,5 dB (A) erreicht." cw

Alle fünf Minuten muss Ebner beim Gartenrundgang die Stimme erheben, wenn das, was man im Physikunterricht als Dopplereffekt kennengelernt hat, hier zu erleben ist: die Frequenzänderung je nach der abnehmenden oder zunehmenden Entfernung eines Erzeugers von Schallwellen. Alle fünf Minuten nämlich fährt genau hinter der sechs Meter hohen Thujenhecke, die in den vergangenen 20 Jahren am Grundstücksrand so gewachsen ist, die Trambahn vorbei.

Das ist durchaus sehr nah und es kann einen, wenn man es nicht gewohnt ist, ein wenig erschrecken. Es kann einen auch weiterhin irritieren, wenn man so am Kaffeetisch sitzt und ins Gespräch vertieft ist. Die Schallwellenbewegung von hinter der Hecke verfolgt einen auf diesem Grundstück überall hin. Eine Nachbarschaft, die vor allem im Sommer sehr intensiv ist. Während andere Menschen mit den Hühnern aufstehen, steht Johann Ebner mit der ersten Trambahn auf, die genau um 5.10 Uhr vorbeikommt. Dann kann er ohnehin nicht mehr schlafen. Er geht dann, so berichtet er über sein Sommerritual, im Pyjama in den Garten, versucht, sich auf das Zwitschern der Vögel zu konzentrieren, wenigstens für fünf Minuten, bis zur nächsten Trambahn.

Johann Ebner wohnt nahe der Haltestelle Ludwig-Thoma-Straße. Früher fuhr er immer mit der Tram 25 zur Arbeit.

(Foto: Claus Schunk)

Die Schallwellen machen Pause von 0.30 bis 5.10 Uhr. In dieser Zeit schlafen Gerda und Johann Ebner tief und fest, danach ist es damit vorbei. Auch vier Jahrzehnte an diesem Ort haben dieses Geräusch nicht zu einer Gewohnheit gemacht, sie nehmen es immer noch wahr. Und für ihre Enkel wird es eine immerwährende Erinnerung an den Besuch bei Oma und Opa bleiben. "Sie wachen bei der ersten Trambahn gleich auf", sagt Gerda Ebner. Übrigens ist die Trambahn nicht nur im Sommer ein Problem. Gerade bei Minustemperaturen kommt nachts um 2 Uhr der "Eiskratzer", der die Stromleitungen von Eis befreit. Auch höre man die Geräusche selbst durch geschlossene Fenster, sagen die Ebners.

Tram 25

Die Trambahnlinie 25, die als einzige über die Stadtgrenze hinaus in den Landkreis nach Grünwald fährt, ist bereits 109 Jahre alt. Sie war früher die Bahn, mit der die Münchner einen Ausflug aufs Land machten, etwa ins Tanzcafé Fischer. Lange gab es Streit um die Finanzierung der Betriebskosten des rund 4,5 Kilometer langen Streckenabschnitts von der Großhesseloher Brücke bis zur Endstation Derbolfinger Platz in Grünwald zwischen der MVG als Verkehrsbetrieb sowie dem Landkreis München und der Gemeinde Grünwald. In den Jahren 2004 bis 2006 stand die Strecke zeitweise kurz vor der Stilllegung, bis sich die Parteien doch einigen konnten. Erst 2014 wurde nach langen Verhandlungen der Verkehrsvertrag, welcher Betrieb und Finanzierung der Strecke regelt, von der damaligen Landrätin Johanna Rumschöttel (SPD), Bürgermeister Jan Neusiedl (CSU), dem damaligen MVG-Chef Herbert König und Raimund Paul, dem MVG-Geschäftsführer für das Ressort Schiene, im Grünwalder Rathaus feierlich unterzeichnet. Der Landkreis München übernimmt die Kosten für den laufenden Betrieb und die Gemeinde Grünwald den Unterhalt der Infrastruktur.

Etwa drei Kilometer lang ist die Trasse, die direkt an Häusern vorbeifährt, etwa ab der Haltestelle Bavariafilmplatz. Dem Vorteil, schnell zur Haltestelle zu gelangen, steht für die Anwohner der Nachteil der Geräuschentwicklung entgegen. Einige haben schon versucht, sich durch eigene Wandbauten zu schützen. Rund hundert haben auch eine Liste unterschrieben, um die Geräuschentwicklung durch technische Verbesserungen zu reduzieren. Grünwalds Bürgermeister Jan Neusiedl möchte das Thema dagegen gerne klein halten, wohl in Erinnerung an die Vergangenheit, als der Erhalt der Linie auf der Kippe stand. cw

Das Haus ist geerbt, aus Familienbesitz. Somit blieb die Familie immer dort, auch mit der geräuschvollen Nachbarin. Diese einfach so hinnehmen, weil sie eben nun mal da ist, das kann Johann Ebner nicht. "Ich bin Ingenieur", sagt er mehrmals. "Ich komme aus dem Automobilbau." Wenn ein Fahrzeug unschöne Geräusche macht, dann ruft ihn das nun mal auf den Plan, dagegen kann er nichts tun.

Er ist deshalb sowohl bei der MVG als auch bei der Gemeinde bestens bekannt. Seit 2003 engagiert er sich für technische Verbesserungen bei der Trambahn. Am liebsten wäre ihm ein Rasengleis an den drei Kilometern, die die Tram durch Grünwald fährt. Dafür wäre die Gemeinde zuständig, sagt Ebner. "Wer eine Geothermie und ein Gymnasium finanzieren kann, müsste doch auch ein Rasengleis bezahlen können", argumentiert er. Doch die Gemeinde war bisher nicht willens. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 50 Stundenkilometer lehnt die MVG ab. Dadurch würde die Tram zu langsam. Ebner aber hat ausgerechnet, dass sie nur 30 Sekunden langsamer würde, was der Fahrer durch Abkürzen seiner Pause an der Endstation wieder aufholen könnte.

Johann Ebner kämpft weiter, auch wenn der Erfolg bisher ausblieb. 100 Unterschriften hat er einmal zusammengebracht von den rund 500 Trambahnanliegern in Grünwald. Er ist also nicht ganz allein, auch wenn er meist alleine auftritt. Seine Schallmessungen im eigenen Garten und an vielen anderen Stellen entlang der Trasse macht er regelmäßig und notiert alles fein säuberlich in Listen, die er immer mal wieder an die MVG schickt. Auch ratternde und sonstige unnormale Fahrzeuggeräusche schreibt er auf und leitet sie weiter. Er ist da ja schließlich Fachmann.

Ein Ende der Schallwellengeschichte ist bisher nicht abzusehen. Derweil tröstet sich Ebner mit seinem blühenden Paradies. Die Gräfin Diana ist für dieses Jahr noch nicht am Ende, "die kommt nochmal", freut sich der Hobbygärtner. Man stellt sich ihn vor, wie er in der Morgendämmerung im Pyjama die Nase in die roten Blüten steckt, den Parfümduft tief einatmet, die Vögel zwitschern und alles ist herrlich still. Für fünf Minuten.

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