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Gründung der Grünen:Realo im Chaos

Auf dem Gründungsparteitag der Grünen herrschte kreatives Chaos.

(Foto: Imago)

Ulrich Leiner war einer der 1004 Delegierten, die vor 40 Jahren in Karlsruhe die Grünen gründeten. Damals wie heute steht der Haarer Bürgermeisterkandidat für Pragmatismus

Die Achtzigerjahre gelten bei manchen jungen Leuten heute als hip. Sie tragen Jacketts mit Schulterpolstern vom Flohmarkt, ziehen sich weite Pullis über, schlüpfen in Schlaghosen, lassen ihre Bärte wachsen und tragen große Brillen. Wenn sie aber auch erfahren wollen, wie ihre Väter und Mütter getickt haben - sofern diese dem linken Ökospektrum angehörten - und wie sie damals Politik machten, könnten sie alte Zeitungsartikel nachlesen: etwa über den Gründungsparteitag der Grünen am 12. und 13. Januar 1980 in Karlsruhe, auf dem auf Teufel komm raus diskutiert wurde, als hinge von einem Wort in der Präambel das Schicksal der Erde ab.

Oder sie könnten jemanden fragen, der dabei war, wie Ulrich Leiner, der gerade als Bürgermeisterkandidat versucht, den Marsch der Grünen in die Institutionen auch in Haar zu vollenden. Er war als 21-Jähriger einer der 1004 Delegierten bei dem von vielen Beobachtern als äußerst chaotisch beschriebenen Treffen ganz heterogener Gruppen, das zum Erstaunen der Kommentatoren dann doch mit einem Gründungsbeschluss endete. "Es war damals eine politisch intensive Zeit", sagt der heute 61-Jährige und zieht einen Vergleich zur Gegenwart, zu Klimabewegung und "Fridays for future". Wenngleich die Aktivisten jetzt sogar noch jünger sind als ihre Vorbilder damals.

Leiner kam aus dem Protestlager gegen Atomkraft, das sich damals in Augsburg formiert hatte, nachdem Pläne bekannt geworden waren, im nahegelegenen Rehling ein Kraftwerk zu errichten. Die Mutter eines Freundes war dort aktiv. Leiner schloss sich an und war schnell parteipolitisch engagiert, als sich zur Europawahl 1979 in Augsburg ein Kreisverband der Grünen gründete, der bald etwa 40 Mitglieder zählte. Für den ging der Jungspund dann mit drei weiteren Delegierten 1980 zum großen Kongress ins Badische. Dort waren die 68er präsent, Aktivisten der Friedens- und der Umweltbewegung aus der gesamten Republik. Viele hatten sich wie Leiner in der Atomkraftdebatte politisiert.

Die Delegiertenzahl von 1004 war symbolisch gewählt

Ulrich Leiner aus Haar war vor 40 Jahren mittendrin, und machte bald darauf in Augsburg (hier mit Bart) auf dem Fahrrad Wahlkampf.

(Foto: Imago)

Das Endlager in Gorleben war ein großes Thema. Leiner erzählt, dass die Delegiertenzahl von 1004 symbolisch gewählt waren sei - nach dem Erprobungsbohrloch 1004, das kurz davor von Atomkraftgegnern besetzt und von der Polizei geräumt worden war. Leiner hoffte auf eine Ökopartei mit bundespolitischer Bedeutung. Andere dachten an anderes.

Einen großen Anteil hatten linke Vor- und Querdenker, Leute aus der maoistischen, antikapitalistischen Ecke, die von der Weltrevolution träumten. Manche kamen auch aus dem rechten Spektrum, waren Spiritualisten und traten als Schützer der Schöpfung auf. Redner aller Couleur ergriffen das Wort. Es wurden Anträge und Änderungsanträge gestellt und debattiert. Anträge gingen am Präsidiumstisch verloren, wurden erneut gestellt und wegen verspäteten Einreichens abgewiesen. Leiner erinnert sich, wie sich Zirkel bildeten und debattiert wurde. "Es war ein fürchterliches Durcheinander", sagt er. Wer dürfe reden? Wer mache die Tagesordnung? Vieles sei notgedrungen improvisiert worden. Es habe ja keine festen Rollen und Positionen gegeben.

Haar, Haarer Grüne nominieren Bürgermeisterkandidaten Ulrich Leiner

Ein weiter Weg: der Haarer Grüne Ulrich Leiner.

(Foto: Privat)

Über alldem standen charismatische Figuren wie die Friedensaktivistin Petra Kelly, der spätere Bundesminister Jürgen Trittin. Persönlichkeiten wie der Philosoph, Sozialökologe und DDR-Dissident Rudolf Bahro traten auf und versuchten ideelle Brücken zwischen Linken und Rechten zu schlagen. Eigentlich habe Rudi Dutschke, der Studentenführer der 68er-Bewegung, reden sollen, erinnert sich Leiner, dieser sei aber zwei Wochen davor an den Folgen des Attentats auf ihn gestorben.

Ulrich Leiner war in Karlsruhe selbst mehr Beobachter als Akteur und mit 21 Jahren kein Wortführer. Aber eine klare Haltung hatte er, die sich bis heute nicht sehr verändert hat. Für den jungen Mann aus einem bürgerlichen Lehrerhaushalt war Karlsruhe faszinierend. Plötzlich habe er sich auf der Bühne der Bundespolitik wiedergefunden. Aber manches war für den Umweltaktivisten schwer auszuhalten. "Ich war einer von den ganz jungen", sagt er, keiner aus der 68er-Zeit und auch sonst politisch wenig vorgeprägt.

Mit extremen Positionen konnte er nichts anfangen

Mit Extremen, auch extrem linken Positionen, habe er nichts anfangen können. "Das war mir völlig fremd." Linke kämpften um Einfluss und forderten als Parteilinie eine "Äquidistanz" zwischen BRD und DDR ein. So wurde gerungen um die Formulierung in der Präambel: "Nur durch die Bereitschaft für eine Evolution in diesem Sinne können Revolutionen, Kriege und Zerstörungen in Zukunft verhindert werden." Den Linken gelang es, das Wort "Revolution" zu streichen, mit dem Argument, dass Revolution und Krieg nicht dasselbe seien. Als dann die Linken fordern, "Evolution" durch "grundlegende Veränderungen" zu ersetzen, schmetterte die Mehrheit das ab.

Die Geburtswehen waren heftig. Der Gründungsbeschluss kam Leiner zufolge nur durch zwei große, faule Kompromisse zustande: Das linke und das rechte Lager hätten kurzzeitig ihren grundlegenden Konflikt ausgeblendet. Deutlich sichtbar wurde die Zerrissenheit laut Leiner in dem Beschluss, vorübergehend eine Doppelmitgliedschaft auch in einer der K-Gruppen, also kommunistisch-maoistischen Kleinparteien, zu tolerieren. Leiner war erleichtert, als die Grünen gegründet waren. Er erinnert sich an das ungute "Bauchgefühl von damals", dass diese inneren Kämpfe noch das grüne Projekt hätten "kaputt machen können", an dem er so hing.

Leiner betrieb in den Achtzigerjahren als Student in Augsburg Realpolitik. Er machte auf dem Fahrrad Wahlkampf und setzte sich dafür ein, dass die große Maximiliansstraße in der Altstadt zur Fußgängerzone wird, was er, der Realo, schon ziemlich revolutionär fand. 1982 trat er für den Bezirkstag an und traf damals in der Stadiongaststätte des FC Augsburg in der Rosenau Petra Kelly wieder, die charismatische Frau, die mit ihrer Herkunft aus den USA etwas Weltläufiges mitbrachte. Leiner saß mit der "Jeanne d' Arc von Karlsruhe", wie er sagt, bei einer Diskussionsrunde in Augsburg auf dem Podium.

Heute sind die Grünen mit ihrem Pragmatismus weitgehend die Partei, die sich Leiner schon 1980 gewünscht hat. Ein Akt wie in Österreich, wo die Grünen die Asylpolitik eines Sebastian Kurz mittragen und dafür ihre klimapolitischen Vorstellungen durchsetzen, wäre 1980 "undenkbar gewesen", sagt Leiner. Heute geht so etwas und Leiner findet es nicht verkehrt. Die Partei sei einen "weiten Weg gegangen", sagt er.