Süddeutsche Zeitung

Gegen den Corona-Blues:Tanzend nach Jerusalema

Mit einem Video hellen die Mitarbeiter des Garchinger Versicherers Swiss Life in Corona-Zeiten den Firmenalltag auf.

Von Gudrun Passarge, Garching

Sie befinden sich in bester Gesellschaft. Nonnen tanzen mit, italienische Pompieri, deutsche Polizisten und die Belegschaften vieler Krankenhäuser haben ihre Videos schon ins Netz gestellt, und nun bewegen sich auch die Mitarbeiter des Versicherungs- und Finanzunternehmens Swiss Life aus Garching zum Ohrwurm "Jerusalema". Die Idee dazu hatte die Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats Susanne Barembruch, die zusammen mit den beiden Abteilungsleiterinnen Sandra Weiß und Julia Sixt das erste Video aufgenommen hat, das als Initialzündung diente. Sie wollten in Pandemie-Zeiten wieder etwas Leichtigkeit und "etwas Energiebringendes" in den Firmenalltag bringen. Mit großem Erfolg.

Wenn die Betriebsrätin beschreibt, wie es zu dem Video kam, gerät sie ins Schwärmen: "Ich bin wahnsinnig stolz auf das tolle, sensationelle Unternehmensklima. Es ist fast schon familiär." Knapp 850 Mitarbeiter sind bei Swiss Life in der Garchinger Niederlassung beschäftigt. Wie in anderen Betrieben auch änderte sich der Arbeitsalltag wegen der Corona-Beschränkungen jedoch von einem Tag auf den anderen. "Das war schon eine Herausforderung, sehr schnell und effizient in eine unbekannte Situation hineinzuschlittern", schildert Barembruch die ersten Tage nach dem Lockdown im März 2020.

Die Mitmachkultur soll trotz Corona gestärkt werden

Etwa 90 Prozent der Mitarbeiter arbeiteten seitdem im Home-Office, teilt Pressesprecherin Nikola Gardeweg mit. Aber die Umstellung habe gut geklappt und so hätten auch Seminare und Weiterbildung nur noch virtuell stattgefunden. Wichtig sei dem Unternehmen dennoch gewesen, die Unternehmenskultur und insbesondere die Mitmachkultur und den Zusammenhalt zu stärken mit verschiedenen Angeboten. So gibt es beispielsweise eine gemeinsame Schrittzähl-Challenge, bei der jeder seine Schritte täglich eingeben kann. Daran nehme auch der Geschäftsführer Jörg Arnold teil, sagt Gardeweg, der CEO sei ein passionierter Marathonläufer.

Als Ziel haben die Mitarbeiter einen nicht näher definierten Ort im Süden Europas ins Visier genommen. Wenn sie den erreicht haben, spendet das Unternehmen Geld an die hauseigene "Swiss Life Stiftung für Chancenreichtum und Zukunft". Allerdings gehe es nicht darum, eine konkrete Kilometerzahl zu erreichen, sondern nur darum, sich zu bewegen "und den Corona-Blues zu bekämpfen", wie Gardeweg sagt. Gut angenommen werde auch der virtuelle Kaffeeklatsch: "Kolleginnen und Kollegen können sich virtuell zu ganz unterschiedlichen Themen austauschen und vernetzen. Von Netflix-Serien bis Urlaubstipps und Karriereaustausch kann alles dabei sein", sagt die Pressesprecherin.

Eine andere Idee war das Spenden von Urlaubstagen an Kollegen, die diese Tage wegen ihrer Kinder und der oft schwierigen Situation mit dem Homeschooling brauchten. Schon kurze Zeit nach dem Start der Aktion, die Barembruch initiiert hat, seien die ersten Mails mit gespendeten Urlaubstagen eingegangen, erzählt die Betriebsratsvorsitzende. Sie selbst hat auch gespendet, an einen Pool und gezielt an eine alleinerziehende Mutter. Dieser Tag soll es ihr ermöglichen, einfach mal durchzuschnaufen, wünscht sich Barembruch. Insgesamt wurden schon fast 60 Urlaubstage am Standort Garching gespendet. Die Initiatorin ist begeistert, "da geht mir das Herz auf, weil es so ungewöhnlich ist".

Mütter tanzten mit ihren Kindern, Mitarbeiter gingen aufs Dach

Obwohl das Unternehmen nach Aussagen Barembruchs und Gardewegs gut mit der Corona-Situation zurecht kam, fehlte etwas im Vergleich zu vorher. Vor allem das Persönliche, sagt die Betriebsrätin. Keine Frauennetzwerkstreffen mehr auf der "Damen-Wiesn" zum Oktoberfest, beispielsweise. "Das war eine wahnsinnige Bindung", sagt Barembruch. Sie überlegte also zusammen mit den Abteilungsleiterinnen Weiß und Sixt, was man tun könne, um noch mehr vom alten Geist trotz der Pandemie wiederherzustellen. Sie kamen auf die Idee, ein Jerusalema-Video zu machen.

Der Hit von DJ Master KG aus Südafrika hat einen Rhythmus, bei dem kein Fuß stillhalten kann. Sängerin Nomcebo Zikode singt in ihrer Muttersprache isiZulu darin von dem spirituellen Ort Jerusalema, "an dem man Frieden findet und es keine Sorgen, sondern nur Glück und fröhliche Menschen gibt", wie sie in einem Interview mit dem Deutschlandfunk ausgeführt hat. Sehr passend also, um den Corona-Alltag mal zu vergessen. Barembruch schaute sich das Video von Nonnen an, die im Innenhof ihrer Abtei tanzten. "Das war ein bisschen an Sister Act", sie habe sich an die bekannten Filme mit Whoopi Goldberg erinnert gefühlt. Sie übte den Schritt zwei Stunden lang im Wohnzimmer. Dann machten sie das Video. Für die Betriebsratsvorsitzende kein Problem, Videoproduktion ist ihr Hobby. Der Beitrag wurde im Intranet veröffentlicht - mit durchschlagendem Erfolg. Die Leute bedankten sich, oft euphorisch, die Kommentare reichten von "Made my Day" bis zu "Das Video zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht", berichtet Barembruch.

Der Aufforderung, es doch auch einmal mit den Tanzschritten zu versuchen, kamen viele gerne nach. Mütter tanzten mit ihren Kindern, Mitarbeiter gingen aufs Dach, andere performten in ihrem Wohnzimmer oder in verschneiten Parks. "Dass es so gut ankommt, hätte ich nicht gedacht", sagt die Betriebsrätin, die erzählt, dass der Schritt ihr in Fleisch und Blut übergangen ist. "Manchmal ertappe ich mich an der Kasse im Supermarkt, wie der Fuß tippselt." Sie hat es übernommen, die vielen Schnipsel zu einem neuen Video zusammenzuschneiden, und es wird nicht das letzte sein. Es sind aktuell noch einmal 120 Clips eingegangen. Damit braucht sich Barembruch keine Gedanken mehr zu machen, was sie am Wochenende tun könnte. Video drei und vier sind schon in der Planung.

Das Video ist auf Youtube zu sehen. Suchbegriff: Jerusalema Swiss Life.

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Quelle:
SZ vom 15.02.2021
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