Gründerzentren:Gut für Wirtschaft und Klima - oder heiße Luft?

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Gründerzentren: Mit 3D-Druckern kann man Protypen ausdrucken - oder Skulpturen wie diesen knallgrünen Albert Einstein.

Mit 3D-Druckern kann man Protypen ausdrucken - oder Skulpturen wie diesen knallgrünen Albert Einstein.

(Foto: Robert Haas)

Die CSU im Landkreis München will ein fünftes Gründerzentrum mit dem Schwerpunkt erneuerbare Energien und alternative Antriebe. SPD und Grüne halten den Vorstoß für einen Schaufensterantrag und kritisieren ihn als scheinheilig.

Von Martin Mühlfenzl, Landkreis München

Es gibt viele Ursachen, die für den wirtschaftlichen Erfolg des Landkreises München verantwortlich sind, der sich etwa in einer enorm hohen Kaufkraft, geringer Arbeitslosigkeit oder einer überdurchschnittlich hohen Erwerbsquote bei Frauen ausdrückt. Das Institut der deutschen Wirtschaft bescheinigt dem bevölkerungsreichsten aller bayerischen Landkreise zudem "exzellente Bedingungen für die lokale Wirtschaft" und "keine negativen Metropoleneffekte" - also ein hervorragendes Umfeld, das auch viele junge Menschen dazu bewegen kann, mit kreativen Ideen selbst ein Unternehmen zu gründen. Die CSU im Kreistag will diesen Trend weiter unterstützen und daher im Landkreis neben den bereits bestehenden vier Gründerzentren für Start-ups ein fünftes etablieren. Dort, fordern die Bürgermeister Stefan Schelle aus Oberhaching und Maximilian Böltl aus Kirchheim, sollen vor allem Jungunternehmer in den Bereichen erneuerbare Energien und alternative Antriebe Innovationen voranbringen. Diese Idee ruft im beginnenden Landtagswahlkampf aber auch Kritik bei der politischen Konkurrenz hervor.

Rathaus Chef Böltl sagt, er habe mit Fraktionskollegen zuletzt alle vier Gründerzentren - in Unterschleißheim, Garching, Martinsried sowie im Werksviertel am Münchner Ostbahnhof - besichtigt und dabei auch neue Einblicke gewonnen. "Die laufen alle top und haben auch Erweiterungsbedarfe", sagt Böltl. "Daraus ist die Idee entstanden, etwas Neues zu entwickeln, gerade in Bezug auf erneuerbare und alternative Antriebe." Darüber hinaus hat der Kirchheimer angeregt, dass sich die Wirtschaftsförderung des Landkreises München Unternehmen annimmt, die aus einem der Gründerzentren ausziehen wollen oder müssen, um diese in einem "strukturierten Prozess" zu begleiten und deren Flächenbedarfe und Standortkriterien zu ermitteln. "Es wäre wichtig, rechtzeitig mit Gründern zu reden und abzufragen, was derjenige braucht, welche Infrastruktur wichtig ist, um weiter zu wachsen", sagt Böltl. "Wir wollen die Unternehmen ja hier im Landkreis in unseren Kommunen halten und nicht an die Stadt München oder einen anderen Landkreis verlieren."

Was es braucht, um ein erfolgreiches Start-up aufzuziehen, weiß Florian Schardt. Der Fraktionschef der SPD im Kreistag hat selbst eine Firma hochgezogen: die Azubiyo GmbH, die Jugendliche bei der Berufswahl und Ausbildungsbetriebe bei der Stellenbesetzung unterstützt. Aus dem Unternehmen hat er sich mittlerweile zurückgezogen, über sein Engagement im Regionalausschuss der Industrie- und Handelskammer (IHK) für den Landkreis München ist er aber noch nah dran an der Gründerszene. Den Antrag der CSU für ein fünftes Gründerzentrum bezeichnet Schardt aber als "heiße Luft". "Da werden nur Schlagwörter rausgehauen, die gut klingen und irgendwie populär sind", kritisiert der Ottobrunner. Es müsse vielmehr mit den Betroffenen gesprochen werden, ob überhaupt der Bedarf vorhanden ist. "Erfolgreich ist so eine Sache immer, wenn eine gute Hochschule dabei ist, die Unternehmer-TUM zum Beispiel funktioniert super, dort entstehen tolle Start-ups", verweist Schardt auf die im Jahr 2002 gegründete Initiative der Unternehmerin Susanne Klatten, die mit mehr als 50 Tech-Gründungen im Jahr das erfolgreichste Gründerzentrum Europas ist. "Ich würde nicht einfach die Verwaltung im Landratsamt mit so einem Antrag ins Blaue hinein prüfen lassen. Und der Landkreis hat auch nicht die Kompetenz, so etwas aufzuziehen", sagt Schardt. "Man muss schon in den Markt reinhören."

Grundsätzlich lobt auch die Grünen-Landtagsabgeordnete Claudia Köhler das System der Gründerzentren, "vorbildlich" seien die vier bestehenden. "Aber es mangelt ja nicht an Flächen, auch das Werk1 bietet weiter Flächen an", sagt die Unterhachingerin. Wichtiger sei, auf bestehende Start-ups zu schauen und denen zu helfen, so Köhler. Aber bei diesem Thema habe die CSU im Landtag jahrelang nur blockiert, kritisiert sie - wie auch beim Thema erneuerbare Energien. "Bei den alternativen Energien könnten wir schon viel weiter sein, aber es wurde ja alles abgelehnt", sagt sie. Wenn jetzt von der CSU die Forderung komme, Bayern müsse von russischem Gas und Öl loskommen, sei das scheinheilig - und ein derartiger Antrag für ein neues Gründerzentrum erscheine ihr dabei nur wie ein Papier aus "Allgemeinplätzen und wohlfeilen Worten, mit denen niemand etwas anfangen kann".

Für die CSU, kontert Böltl, seien erneuerbare Energien kein neues Thema. "Und man kann immer überlegen, wer hat Schuld, aber gescheiter ist es, nach vorne zu schauen", sagt er. Denn es gehe darum, dass der Landkreis auch in zehn Jahren noch ein attraktiver Standort für Unternehmer sein werde. Ein neues Gründerzentrum kann er sich dabei im östlichen Landkreis vorstellen. "Grundsätzlich kommen aber natürlich alle 29 Kommunen des Landkreises infrage, aber es liegt schon auf der Hand, dass man in den Osten schaut." Auch nach Kirchheim? "Ja, Kirchheim ist auch ein denkbarer Standort."

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