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Coronavirus im Landkreis München:Datenpanne verfälscht Corona-Lagebild

Ein unscharfes Bild bieten seit dem Jahreswechsel die Zahlen, die das Landratsamt täglich zur Corona-Pandemie liefert. Wegen Softwareproblemen stimmen sowohl absolute Fallzahlen als auch Neuinfektionen und Inzidenzwert voraussichtlich nicht mit der tatsächlichen Lage überein.

(Foto: Claus Schunk)

Wegen einer fehlerhaften Software stimmen die vom Landratsamt München genannten Fallzahlen voraussichtlich nicht. Die Behörden gehen von höheren Werten an Neuinfektionen aus.

Von Iris Hilberth

Wer sich zu Beginn dieses Jahres die Zahlen genauer anschaut, die das Landratsamt täglich zu Corona veröffentlicht, wird sich das eine oder andere Mal fragen: Was rechnen die da eigentlich? Kann das stimmen? Neuinfektion, Sieben-Tage-Inzidenzen, bestätigte Fälle - alles Daten mit denen der interessierte Bürger täglich konfrontiert wird und die ihm Antwort auf seine Fragen geben sollen: Was darf ich jetzt noch und welche Einschränkungen drohen demnächst? Doch irgendwie passen die Zahlen im Landkreis derzeit nicht so richtig zusammen.

Grund ist eine erhebliche Datenpanne seit Einführung einer neuen, bundesweit verpflichtenden Software. Und mit der läuft es seit 1. Januar alles andere als rund. Zunächst schnellten die Zahlen an Silvester auf 300 Neuinfektionen binnen 24 Stunden hoch; auch 210 Neuinfektionen am vergangenen Mittwoch offenbarten eine sehr hohe Marke, während die Inzidenz zu diesem Zeitpunkt mit 130 Ansteckungen pro 100 000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen im Vergleich zu anderen Landkreise nicht ganz so schlimm aussah.

Wieder einmal wurden Dubletten aus der Statistik entfernt

Am Dienstagnachmittag nun gestand das Landratsamt München ein: Die Meldung der Gesamtzahl an Neuinfektionen sei mutmaßlich derzeit nicht korrekt ausgegeben. "Vielmehr müssen wir davon ausgehen, dass eine höhere Zahl an Neuinfektionen zu verzeichnen ist", heißt es in einer Pressemitteilung.

Noch weiß das Landratsamt nicht, wann die Mitarbeiter die Sache wieder ins Lot gebracht haben und die Zahlen zuverlässig, also richtig sind. Man arbeite mit Hochdruck daran, hieß es am Dienstagnachmittag, als nach den 19 Fälle am Montag nun wieder 90 neue Infektionen gemeldet wurden und das Landesamt für Gesundheit eine Sieben-Tage-Inzidenz von 99,87 notierte.

Zugleich musste das Landratsamt schon in den vergangenen Tagen einräumen, wieder einmal weitere Dubletten aus der Statistik entfernt zu haben und wegen der fehlerhaften Systemumstellung derzeit keine Aufschlüsselung nach Kommunen und Altersgruppen vornehmen zu können.

"Demis" heißt das neue, bundesweit einheitliche System, was für Deutsches Elektronisches Melde- und Informationssystem für den Infektionsschutz steht. Es soll den Vorteil haben, dass die bislang per Mail und Fax von den Laboren an die Gesundheitsämter übermittelten positiven Corona-Fälle nun direkt ins Computersystem eingepflegt werden. Das klingt wesentlich fortschrittlicher, hat aber einen Haken - und der heißt Schnittstelle.

Demis - so hat sich herausgestellt - läuft nämlich nicht mit all den verschiedenen von den Gesundheitsämtern verwendeten Meldeprogrammen reibungslos zusammen. Das Landratsamt München setzte bislang auf die Software "Äskulab", eine durchaus häufig genutzte Anwendung. Aber ausgerechnet bei diesem Produkt stellte sich heraus, dass es nicht fehlerfrei mit Demis funktioniert. Wie das Landratsamt schließlich feststellte, wurden beim Import der Daten fehlerhaft zahlreiche Dubletten, also mehrfach derselbe Datensatz, produziert, die das System nicht als solche erkannt, sondern jeweils als einzelne Infektionsmeldungen übernommen hat.

10 000 Datensätze müssen bereinigt werden

Unter den importierten Datensätzen sollen sich auch zahlreiche Altfälle befunden haben. So kam es offenbar zur erneuten Meldung bereits erfasster Infektionen, die als solche nicht ohne weiteres erkennbar gewesen sein sollen. Die Zahl der gemeldeten Neufälle dagegen schien erheblich abgesunken, was auch die Behörde auffallend fand.

Inzwischen ist das Landratsamt München auf eine neue Software umgestiegen, "Survnet", die anderer Gesundheitsämter schon länger verwenden. Sie soll besser mit Demis harmonieren. Allerdings ist der Landkreis München nicht der einzige, der zunächst noch mit Äskulab arbeitete. "Unseres Wissens sind auch andere Gesundheitsämter davon betroffen", teilt eine Sprecherin mit. Survnet jedenfalls soll jetzt die Doppelmeldungen automatisch herausfiltern und alle in Demis enthaltenen Datensätze fehlerfrei übernehmen.

Noch am Dienstag liefen Arbeiten an der Implementierung der neuen Meldesoftware. Laut Landratsamt müssen dazu alle vorhandenen Daten in das neue System überführt werden. Betroffen seien rund 10 000 Datensätze, die im Anschluss zu bereinigen sein werden, so die Behörde.

Das Landratsamt bezeichnet die Datenpanne als "sehr unerfreulich", zumal die Fallzahlen zentrale Bedeutung für die Information der Bürgerinnen und Bürger haben und auch infektionsschutzrechtlich sehr wichtige Fragen nach sich ziehen, wie etwa das Kontaktpersonenmanagement. Die Behörde sieht den Fehler allerdings beim Bund, der die Software umstellte, ohne die erforderlichen technischen Voraussetzungen für die Weiterverarbeitung der Daten sichergestellt zu haben.

© SZ vom 13.01.2021/van
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