Bundestagswahl im Landkreis München:In der Wut gegen die Politik vereint

Lesezeit: 6 min

Bundestagswahl 2021

Bundestagswahl 2021 Schwabhausen, Originelle Wahlplakate an der Wand am Bahnhof, npj/Foto: Jørgensen

(Foto: N.P.JØRGENSEN)

Bei der Wahl treten auch Bewerber von Kleinparteien an, die nicht mit einem Einzug ins Parlament rechnen können. Das Spektrum reicht von Bayerntümlern bis zu Impfskeptikern.

Von Claudia Wessel

Steffi Ruck, Bayernpartei

Bundestagswahl im Landkreis München: Steffi Ruck (Bayernpartei)

Steffi Ruck (Bayernpartei)

(Foto: Claus Schunk)

"Wir in Bayern". Jedes Mal, wenn Ministerpräsident Markus Söder in den vergangenen Monaten diesen Satz gesagt hat, hat sich Steffi Ruck, 34, geärgert. "Er meint wohl: er in Bayern", sagt sie beim Treffen im Café Lani in Unterhaching. Sie macht gerade eine kleine Pause in ihrem Job als Arzthelferin in einer gynäkologischen Praxis, nach dem Gespräch wird sie wieder hinter ihre Plexiglasscheibe gehen. Steffi Ruck ist Direktkandidatin der Bayernpartei im Landkreis München. Und insofern definiert sie Bayern auf ihre Weise.

Neben den Kandidaten der sechs Bundestagsparteien und der in einigen Landtagen vertretenen Freien Wähler wurden vom Wahlausschuss des Kreistages zur Bundestagswahl auch Vertreter von fünf kleineren Parteien zugelassen: die ÖDP, die Bayernpartei, Die Basis, Die Partei und die Tierschutzpartei. Sie haben keine großen Chancen, im Bundestag zu landen, wollen aber dennoch nicht darauf verzichten, im Wahlkampf ihre Positionen zu vertreten. Außerdem finden sie sich selbst gar nicht so klein und schon gar nicht unwichtig.

Eingetreten ist Steffi Kurz in die Bayernpartei erst während der Corona-Pandemie, und diese hatte durchaus damit zu tun. Denn sie fand, dass man so manches hätte anders machen können, und diese Meinung fand sie in der Bayernpartei. Unter den Maßnahmen hat sie selbst gelitten, aber vor allem auch ihre achtjährige Tochter. Diese war gerade ein halbes Jahr in der ersten Klasse, als das Ganze los ging. Maske tragen, Homeschooling. Für Ruck war das besonders schwierig, denn sie kann in ihrem Beruf nicht zuhause arbeiten. Ihre Tochter musste also in die Notbetreuung. Aber die sei chaotisch gewesen.

Auch darunter, Oma und Opa nicht sehen zu dürfen, habe ihre Tochter sehr gelitten. Und als sie die Großeltern wieder besuchen durfte, konnte sie es kaum glauben. "Sie blieb vor der Wohnung stehen und fragte noch mal: Darf ich wirklich wieder reingehen?" Zwölf Wochen lang hatten sie Oma und Opa nur zugewunken, wenn sie auf dem Balkon standen. "Realitätsfremd" fand Ruck viele Maßnahmen, auch moralisch bedenklich. "Man darf Kindern keine Schuldgefühle machen." Kein Wunder, wenn die Verantwortlichen keine Kinder hätten. "Für eine Mutter war das alles beängstigend." Und weil sie glaubt, man hätte vieles anders machen müssen, kandidiert sie jetzt für den Bundestag.

"Ich weiß, dass ich keine Chance habe", sagt sie. "Aber ich will den Leuten zeigen, dass es auch noch andere Parteien gibt." Dafür will sie den Wahlkampf so gut wie möglich nutzen. Und die "weiß-blauen Grundsätze" der Bayernpartei an die Wähler bringen. Dazu gehören etwa: Kein Überwachungsstaat, gegen weitere Gängelung der Bürger und Beschneidung der Freiheiten, gegen Lobbyismus. Und gerade für Letzteren gab es nach Rucks Meinung während der Corona-Krise deutliche Beispiele, etwa den Maskenskandal. "Warum tragen wir wohl gerade in Bayern alle FFP2-Masken?"

Steffi Ruck wünscht sich einfach ein schönes Bayern, in dem die Traditionen aufrecht erhalten werden. Und ja, auch das Ziel der Bayernpartei, sich vom Rest Deutschlands abzulösen und ein eigener Staat zu werden, unterstützt sie. Aber sie rechnet eben auch fest damit, dass sie nicht in Berlin landet. "Sonst müsste ich einiges umorganisieren."

Stefan Rode, Die Basis

MÜNCHEN: Porträt von Stefan Rode (Partei DIE BASIS)

Stefan Rode (Die Basis).

(Foto: Leonhard Simon)

Auf die Frage, wie man sich als Kandidat einer Kleinpartei motiviert, muss Stefan Rode lächeln. "So klein sind wir gar nicht mehr", sagt er über die Partei Die Basis, deren Direktkandidat er im Wahlkreis München-Land ist. "Wir liegen schon deutlich über 25 000 Mitglieder und sind laut Bundeswahlleiter die neuntgrößte Partei Deutschlands, direkt nach der AfD und vor der ÖDP." Und im Übrigen "die erfolgreichste Parteigründung in der Geschichte der BRD", fügt er hinzu. Bisher seien die Grünen die erfolgreichste gewesen, doch sie brauchten seinerzeit zwei Jahre, um auf 22 000 Mitglieder zu kommen. Das hat die Basis seit ihrer Gründung am 4. Juli 2020 in gut einem Jahr geschafft. Im Landesverband Bayern hat sie rund 6000 Mitglieder, in München 750.

Er sei sehr nervös gewesen vor dem Gespräch, sagt der 51-Jährige. Er weiß, was man seiner Partei für Misstrauen entgegenbringt, weil sie als "Querdenker-Partei" gilt. Er betont daher: "Ich bin weder ein Linker, noch ein Rechter, sondern bürgerliche Mitte." Auch in der Satzung der Partei stehe, dass man alle radikalen Richtungen ablehne. Der Taufkirchner ist von Beruf Handwerksbäcker, arbeitet aber seit elf Jahren in der pharmazeutischen Industrie. "Ich bin nicht gegen die Pharmaindustrie und auch nicht gegen Impfungen." Nur mit der Corona-Impfung hat er Probleme. "Ich kann als Pharmazeut nicht verstehen, wie man einen nur so kurz erprobten Impfstoff am Menschen einsetzen kann." Normalerweise dauerten Impfstoff-Studien zehn Jahre lang.

Das Thema Impfung war es jedoch nicht, das ihn zur Politik brachte, sondern die Corona-Maßnahmen, der Lockdown Anfang 2020. Ihm kam vieles unlogisch vor und er suchte Gleichgesinnte, die im Juli 2020 die Basis gründeten. Vorher war er noch nie politisch aktiv. An seiner Partei gefallen ihm die vier Säulen: Freiheit, Machtbegrenzung, Achtsamkeit und Schwarmintelligenz. Auch dass jeder nur ein Amt besetzen darf und maximal zwei Legislaturperioden im Bundestag sein darf, findet er ein gutes Prinzip. Auch die Entscheidungsform des "systemischen Konsensierens" gefällt ihm. Man beantwortet dabei nicht nur die Frage, ob man für oder gegen etwas ist, sondern kann Punkte zwischen null und zehn vergeben - eine gute Form der Basisdemokratie, wie Rode findet. "Gemeinsam sind wir die Kraft des Wandels", steht auf dem Wahlplakat, das er eigenhändig aufgehängt hat. Ob es ihn bis nach Berlin bringt? Er wartet einfach ab.

Bernhard Senft, Die Partei

NEUBIBURG: Bundestagskandidat BERNHARD SENFT (Die Partei) klebt Wahlplakate

"Ich bin Metal Head", sagt Bernhard Senft, und das ist anders als die Wahlslogans seiner Partei keine Satire.

(Foto: Johannes Simon)

Bernhard Senft, 25, Direktkandidat von Die Partei, die mit satirisch anmutenden Wahlslogans auffällt, hat sich gewundert, dass Stefan Rode ihm nach der Sitzung des Wahlausschusses gratuliert hat. Denn es war aus formalen Gründen etwas knapp mit der Zulassung. Gewundert hat er sich, weil er von der Basis lieber Abstand hält. "Das sind Corona-Leugner und Schwurbler", sagt er beim Treffen im Café Fiegert in Ottobrunn, wo er übrigens gelernt hat. Er wohnt auch in dem Ort. Beruflich ist er sogar ein Kollege von Rode, denn auch Senft ist Bäcker. Auf die Basis ist Senft aber nicht gut zu sprechen, denn er glaubt, "dass sie andere gefährden, wenn sie keine Maske tragen und sich nicht impfen lassen." In Sachen Pandemie hat Senft nämlich die gegenteilige Meinung von Rode. "Ich nehme die Pandemie sehr ernst", sagt er.

Was jedoch die Kritik an den zur Zeit an der Macht sitzenden Politikern und an den Corona-Maßnahmen betrifft, hat er durchaus eine ähnliche Wut wie Rode. Satirische Parolen wie "Wählen Sie die Partei, sie ist sehr gut", "Korruption muss bezahlbar bleiben" oder den ganz individuelle Slogan auf Bernhard Senfts Plakaten, "Mehr Alternative für Deutschland", habe man deshalb gewählt, "weil man keine Partei mehr wählen kann. Die Politik ist eine einzige Satire." Dass sich etwa Florian Hahn (CSU) für Umweltschutz einsetze, obwohl er im Aufsichtsrat der Firma IABG saß, die teilweise mit Rüstungstechnik zu tun habe, sei ein Witz.

Senft ist seit 2019 in der Partei. "Sie ist eine Anlaufstelle für Leute, die nicht wissen, was sie wählen sollen", sagt er. Es sei unglaublich schwer für Kleinstparteien sich einzubringen. Dank Corona sei es diesmal allerdings einfacher gewesen, denn man musste deshalb nur 50 statt 200 Unterstützerunterschriften sammeln. Vor allem junge Leute seien die Zielgruppe der "Partei". Senft selbst ist ein "Metal Head", wie er bekennt, also ein Heavy-Metal-Fan. "In der Szene gibt es natürlich auch fragliche Bands, die sehr rechts sind", räumt er ein. Von diesen müsse man sich distanzieren.

Und wie motiviert Senft sich angesichts der geringen Chancen seiner Partei? So gering findet er die gar nicht. "Bei der Europawahl haben wir zwei Sitze erzielt", sagt er. Die Partei sei sogar im Bundestag vertreten, allerdings durch einen ehemaligen SPD-Abgeordneten, der die Partei gewechselt hat. Im Übrigen sei die Partei größer als die AfD, sie habe 56 000 Mitglieder.

Manfred Kellberger, Tierschutzpartei

Manfred Kellberger

Manfred Kellberger (Tierschutzpartei)

(Foto: Privat)

Manfred Kellberger, 69, macht seiner Partei alle Ehre. Der Direktkandidat der Tierschutzpartei lebt seit 37 Jahren vegetarisch, seit acht Jahre sogar vegan. Gleichzeitig ist er seit mehr als 30 Jahren Mitglied verschiedener Umwelt- und Tierschutzorganisationen. Erst mit 64 Jahren hat er endgültig beschlossen, dass der Weg zur "Rettung des Planeten" eben doch nur über die Parlamente führt und daher den Entschluss gefasst, in die Politik zu gehen. Nach einem Anfang in der V-Partei wechselte er 2018 in die Partei Mensch Umwelt Tierschutz und wurde dort 2019 erstmals in den bayerischen Landesvorstand gewählt. Neben Tierschutz und Tierrechten ist ihm der Kampf gegen den Klimawandel wichtig. Ein Herzensthema für ihn ist die Verbesserung der Lebensumstände für die "vielen, gequälten Populationen obdachloser Stadttauben" in Deutschland. Seine primäre Intention sei es nicht, "politische Ämter zu bekleiden, sondern die Partei weiter bekannt werden zu lassen, um mehr Mandate zu erreichen".

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