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Aschheim:Die Limousine als Schlüssel zur Freiheit

Manche fahren sogar 100 Kilometer, um sich Filme anzuschauen.

(Foto: Claus Schunk)

In Zeiten von Corona kommt dem Autokino in Aschheim eine neue Bedeutung zu. Die Menschen sind froh, die Wohnung verlassen zu können und etwas anderes zu sehen.

Wie nah die tiefsten Abgründe und das höchste Glück zusammenliegen, erlebte Vanessa Wöhrl in den vergangenen Wochen an ihrem Arbeitsplatz, einer Supermarktkasse in Augsburg. Dort schimpften sie Kunden, als Hefe und Klopapier ausgingen. Und dort verliebte sie sich: in Martin Meier, einen Elektriker, so wie sie Anfang 20 Jahre alt. Vor drei Monaten war das. Doch heute gehen sie erst zum zweiten Mal so richtig miteinander aus. Beim ersten Date waren sie im Kino in "Nightlife", einer deutschen Komödie. Und gleich sehen die beiden noch einmal, wie Elyas M'Barek als Barkeeper durch das Berliner Nachtleben stolpert. Allerdings nicht im Kinosaal, sondern in Meiers schwarzem Mercedes.

Die beiden sitzen im Autokino in Aschheim, das vor gut einer Woche wieder eröffnete und seitdem einen neuen Trend erfährt. Selbst an einem Montag, selbst als es regnete, seien alle Plätze ausverkauft gewesen, sagt Betreiber Stefan Mund. Vor Corona war sein Autokino das einzige Bayerns. Inzwischen machen auf Parkplätzen und Festwiesen von Wackersdorf in der Oberpfalz bis Aschaffenburg in Unterfranken ständig neue auf. Seit Mittwoch gibt es sogar in München ein weiteres bei der Zenith-Halle in Freimann.

Filmvorführer Heinz Schmitt bei der Arbeit. So viele Zuschauer wie zurzeit hatte das Autokino schon länger nicht mehr.

(Foto: Claus Schunk)

Schon um 20 Uhr, eineinhalb Stunden bevor der Film beginnt, fahren die ersten Besucher auf das Gelände: Stadtmenschen, die sich extra ein Auto liehen, und Leute vom Land, die lange Nummernschilder haben - FBB, STA, EBE. Vanessa Wöhrl und Martin Meier fuhren fast 100 Kilometer von Augsburg nach Aschheim - um einen Film zu sehen, den sie schon kennen. Einfach nur, um mal wieder etwas anderes zu erleben, so erzählen sie es in ihrem Auto sitzend, in dem Armaturen lila leuchten. 64 verschiedene Farben könne er einstellen, sagt Meier. Ihr sei das Auto total egal, sagt Wöhrl. Doch gerade am Anfang ihrer Beziehung hätten sie viel Zeit darin verbracht - weil es sonst keine Orte gab, wo sie sich hätten treffen können. Inzwischen seien sie sich während ein paar Wochen Corona-Ausgangsbeschränkungen so nah gekommen wie andere Paare in Jahren nicht. "Ich wohne schon halb bei ihm."

Als klassisches Paar-Date - das Autokino in Aschheim erlebt eine Renaissance.

(Foto: Claus Schunk)

1960 eröffnete das erste Autokino Deutschlands

Familie Laux bei ihrem Ausflug ins Autokino.

(Foto: Claus Schunk)

Dass das Autokino vor allem ein Treffpunkt für Verliebte war, sei lange her, sagt eine Platzeinweiserin in gelber Warnweste, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. "Als ich vor 30 Jahren hier begann, mussten wir nach der Vorstellung auf dem Parkplatz Kondome aufsammeln. Aber inzwischen haben die ganzen jungen Leute ja eine eigene Wohnung." Doch in diesen Zeiten wird das Auto, das unter jungen Leuten vor kurzem noch als Luft verpestendes Statussymbol ihrer Großeltern galt, zu einem Schlüssel in die Freiheit.

So ähnlich fühlte es sich vielleicht 1960 an, als auf einer Waldlichtung bei Frankfurt das erste Autokino Deutschlands eröffnete. Schon in den ersten fünf Monaten sollen eine Viertelmillion Besucher gekommen sein. Nach und nach machten dann in fast allen deutschen Großstädten Autokinos auf - zum Höhepunkt, in den Siebzigerjahren, gab es 40. Doch als die Zeiten liberaler und die Qualität im Kino immer besser wurde, ließ der Run nach. Fast drei Viertel der Autokinos schlossen wieder. Das Aschheimer war eines der wenigen, das überlebte.

Schon vor Corona hätten sie sich nicht beschweren können, sagt Betreiber Stefan Mund. Gerade die Wochenenden seien immer gut besucht: 70 Prozent Stammgäste, alle per Du - es sei "eine große Family", die sich hier treffe. "Vor dem Film herrscht oft Biergarten-Atmosphäre.

Die Leute grillen, setzen sich in Liegestühlen vors Auto", erzählt er. Das geht zurzeit alles nicht. Die Zuschauer dürfen das Auto nur verlassen, um auf die Toilette zu gehen und dann müssen sie Mundschutz tragen. Froh, dass er wieder aufmachen durfte, sei er natürlich trotzdem, sagt Mund. Doch mehr Geld als sonst verdiene er nicht: Denn er darf nur die Hälfte seiner Plätze belegen, auch Snacks verkauft er nicht. Doch Mund hat Ideen: Bald will er eine kleine Bühne mit Bildschirmen aufbauen. Lesungen, Auftritte von Komikern, Zeugnissverleihungen, Vorführungen von Kinderfilmen - all das könne bald dort stattfinden, meint er.

Während Mund plant, sein Angebot auszuweiten, können andere Betreiber in Bayern momentan nur den Stillstand verwalten. Denn für normale Kinos gibt es keinen Eröffnungstermin. Es existiert nicht einmal eine Idee, wie Vorstellungen wieder gezeigt und gleichzeitig die Abstandsregeln gewahrt werden könnten. "Das ist wie bei einem Film, dessen Drehbuch wir nicht kennen. Und gerade befinden wir uns im dritten Akt, dem Höhepunkt", sagt Stefan Stefanov, der seit zwölf Jahren das Capitol-Kino in Unterschleißheim betreibt. Er bestellte zwar Desinfektionsmittel und Mundschutz für seine Mitarbeiter, doch ansonsten wartet er nur ab. "Denn wie ich soll etwas planen, wenn ich die Regeln nicht kenne?", fragt er.

Die Mitarbeiter sind in Kurzarbeit

Dann erzählt er, wie er in den Neunzigerjahren in Bulgarien seine erste Kinozeitschrift kaufte und wie er von der Vorstellung, dass ein Film Menschen auf der ganzen Welt verzaubern kann, begeistert gewesen sei. Man spürt: Stefanov will sein Kino wieder aufsperren. Aber - 25 seiner 80 Plätze müsse er mindestens belegen dürfen. Auch, wenn er im Saal Plexiglaswände oder eine neue Bestuhlung einbauen müsste, könne er sich eine Eröffnung nicht leisten. Ähnlich klingt Ulrich Dillmann, der in Ottobrunn und Haar Kinos betreibt: Nur die Hälfte der Plätze belegen zu dürfen, sei okay. Viel problematischer wäre es, wenn seine Snackbar geschlossen bleiben müsste. "Wir leben vom Popcorn-Verkauf." Schließlich gingen mehr als die Hälfte der Ticketeinnahmen an den Verleiher.

Beide Kinobetreiber schickten ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit, beantragten Hilfsgelder und sind optimistisch, dass sie so noch einige Wochen über die Runden kommen. Dass die Zuschauer dann, wenn Kinos wieder eröffnen, immer noch so viel Lust haben, die Autoscheibe zu putzen, bevor sie einen Film sehen, glaubt Dillmann nicht. "Der Trend geht eher hin zu mehr Luxus und mehr Komfort." Er hatte eigentlich vor, seine Kinosäle mit neuen Loungesesseln auszustatten. Doch nun könne er sich das nicht mehr leisten. Auch der Unterschleißheimer Kinobetreiber Stefanov fürchtet die neue Konkurrenz der Autokinos nicht. Dass jetzt sogar Menschen aus Augsburg bis nach Aschheim fahren, nur um einen Film zu sehen, zeige vielmehr, dass Menschen ein Bedürfnis nach Kultur haben, "sonst wären wir doch nur Wesen, die stumpf vor sich hinexistieren".

Die Menschen haben einen Drang, sich mal abends wieder von der Couch zu erheben. Das sagen zumindest die Paare, die man im Aschheimer Autokino fragt. "Fernsehen, fernsehen, fernsehen", das ist Günter Leiters Antwort auf die Frage, womit seine Freundin und er sich die Zeit vertrieben. Warum sie jetzt wieder auf eine Leinwand starren wollen? "Na, warum geht man ins Autokino?", fragt Leiter zurück. "Für Kuscheln, Schmusen, Sex." Er grinst aus seinem braun-lackierten Pick-up, der eher nach amerikanischen Südstaaten als nach München-Pasing aussieht, wo er zu Hause ist. Im Herbst gehen er und seine Partnerin in Rente. Dann wollen sie mit dem Wohnmobil die Welt bereisen. Dass Corona sie bei diesen Plänen aufhalten könnte, glauben sie nicht.

© SZ vom 22.05.2020

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