Soziales:Das Wertvolle im Menschen wecken

Soziales: Lassen sich ihre Suppe bei der Arbeiterwohlfahrt schmecken: Kirchheims Zweiter Bürgermeister Stephan Keck, Reiner Höcherl, Dritter Bürgermeister in Neubiberg, Landratsstellvertreter Otto Bußjäger, Max Wagmann, der Awo-Präsidiumsvorstand und Awo-Vorstand Michael Germayer (von links).

Lassen sich ihre Suppe bei der Arbeiterwohlfahrt schmecken: Kirchheims Zweiter Bürgermeister Stephan Keck, Reiner Höcherl, Dritter Bürgermeister in Neubiberg, Landratsstellvertreter Otto Bußjäger, Max Wagmann, der Awo-Präsidiumsvorstand und Awo-Vorstand Michael Germayer (von links).

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Arbeiterwohlfahrt informiert bei ihrer "Suppenküche" über ihre Arbeit und beleuchtet auch Schattenseiten eines reichen Landkreises wie Wohnungsnot und Armut.

Von Yannik Schuster, Landkreis

Eine Rentnerin, die nach 30 Jahren im gleichen Haus auf der Straße zu landen droht. Ein Asylbewerber, der zwar einen Job gefunden, jedoch noch keine Arbeitsgenehmigung erhalten hat und sich verschulden muss. Ganze Familien, die obdachlos sind. Von diesen Menschen berichtet der Kreisverband München-Land der Arbeiterwohlfahrt (Awo) alljährlich in seiner "Suppenküche". Zu dieser speziellen Informationsveranstaltung waren die Teilnehmer am Freitag in eine Jurte im Innenhof der Awo-Geschäftsstelle in der Münchner Balanstraße eingeladen. "Der Statistik ein Gesicht geben", wie Stefan Wallner, Leiter des Sozialservice, das Motto der Informationsveranstaltung formulierte.

"In einer Zeit, wo man auf Social Media immer nur das Schöne sieht, kann es schwierig sein sich einzugestehen, wenn es mal nicht so gut läuft", sagte Otto Bußjäger, der als Stellvertreter von Landrat Christoph Göbel erschienen war. Es könne ganz schnell gehen, dass man plötzlich nicht mehr zur Spitze der Gesellschaft gehöre. Es sei dann auch kein leichter Weg Hilfe anzunehmen. Bei der Awo werde es jedoch so leicht wie möglich gemacht.

"Man kann den Leuten aber nicht einfach eine Wohnung verschaffen."

Max Wagmann, Präsidiumsvorsitzender des Awo-Kreisverbandes München-Land erklärte seine Hochachtung vor den Mitarbeitern des Vereins, die all das leisten. Nicole Schley, Awo-Landesvorsitzende und von Wagmann als "Landesmutter der Awo" bezeichnet, betonte, wie wichtig der Austausch untereinander sei. So könne man Ideen anderer Fachbereiche kopieren und weiter verbreiten. Stefan Wallner hatte Hilferufe von Menschen aus der vergangenen Woche auf einer Tafel gesammelt, die anschaulich machen sollten, wie unterschiedlich die Probleme der Menschen im Landkreis sind. Gerade psychisch kranke Menschen oder Rentner, ohne festen Platz in der Gesellschaft, kämen oft zur Wohnungsnotfallhilfe der Awo. Diese arbeitet präventiv und versucht so ihre Klienten vor dem Schlimmsten zu bewahren.

"Man kann den Leuten aber nicht einfach eine Wohnung verschaffen. Wir arbeiten an den Säulen des Lebens, wie zum Beispiel der Gesundheit. Mit neu gewonnenem Selbstbewusstsein fällt es dann leichter sich wieder auf eine Wohnung zu bewerben", so Wallner. Er erzählt vom Beispiel eines Suchtkranken, der sich selbst am Boden sah, dank eines einwandfreien Schufa-Eintrags aber gar keine großen Probleme hatte an eine neue Wohnung zu kommen. Die Corona-Pandemie habe der AWO die Arbeit dabei nicht gerade erleichtert. Mehr Menschen würden sich zu Hause isolieren und melden sich dann gar nicht mehr, erzählt Wallner. Statistisch falle die Pandemie jedoch nicht groß ins Gewicht. Die Wohnungsnotfallhilfe führt zwischen 1500 und 2000 Beratungsgespräche pro Jahr im Bereich der Prävention und etwa 170 im Bereich der Obdachlosenhilfe. Die "typischen Alleingänger" gebe es unter den Obdachlosen im Landkreis ohnehin fast gar nicht. Oft handele es sich dabei um Menschen mit Job und Familie.

Die Digitalisierung stelle viele Menschen zudem vor zusätzliche Herausforderungen. Ämter sind geschlossen, persönliche Beratung erschwert, auch weil Teile ihrer Klienten schlicht keinen Zugang zu einem Computer oder Internet hätten. Im unmittelbaren Kontakt lasse es sich ohnehin leichter helfen. "Die Pandemie wird ihr Gesicht erst noch zeigen", prognostiziert Wallner. Er schaue dennoch positiv in die Zukunft: "Ich bin überzeugt davon, dass jeder Mensch etwas Wertvolles in sich hat. Man muss es nur wecken." Dass Rentner teilweise nicht von ihrer Rente leben können und darauf angewiesen sind Flaschen zu sammeln, bezeichnete Wallner als "Schandfleck der Gesellschaft".

Im Januar diesen Jahres nahm die Schuldner- und Insolvenzberatung der Awo die Arbeit auf und wurde im Rahmen der "Suppenküche" am Freitag offiziell eröffnet. Stefanie Sonntag will mit ihrem Team schnelle Hilfe bei Verschuldung ermöglichen. Maßnahmen wie soziale Beratung oder Schuldenregulierung gehören zum Angebot des Fachbereichs. Man könne zum Beispiel herausfinden, ob ein Klient Anspruch auf Gelder hätte, über die er gar nicht Bescheid wusste. Etwa 250 Klienten, Tendenz steigend, nahmen ihre Hilfe bis dato in diesem Jahr in Anspruch. Oft seien die Klienten Menschen, die etwa als Minijobber lange gut über die Runden gekommen seien, in den letzten Monaten aber massive Einkommensausfälle zu beklagen hatten. Auch Spenden helfen der Beratungsstelle. Der Verein "Frohes Herz" des bekannten Schlagerduos Marianne und Michael spendete 3000 Euro an den Awo-Kreisverband. "Wir wollen ein Signal setzen: Uns gibt es", sagte Pressesprecherin Barbara Ettl. Wem es trotz warmer Suppe zu kalt war, der fand Zuflucht in der Jurte der Pfadfinder aus Höhenkirchen-Siegertsbrunn des Royal Rangers Stamm 58.

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