Bildende Kunst:Nachtschwärmer an der Tränke

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Inmitten seiner melancholischen Nachtgestalten: Künstler Thomas Popp. (Foto: Claus Schunk)

Der Ebersberger Künstler Thomas Popp malt Menschen, die er auf seinen nächtlichen Streifzügen durch Bars und Kneipen beobachtet. Unter dem Titel "Last Exits" sind sie jetzt in der Ottobrunner Galerie "Treffpunkt Kunst" zu sehen.

Von Udo Watter, Ottobrunn

Manche Einsamen der Nacht sind Eskapisten, die vor dem Aus stehen - und hineingehen. Hinein in eine Kneipe, eine Bar oder eine Boazn. Dort, wo die kleinen Fluchten womöglich in Momente der Erlösung und Geborgenheit münden, wo sich der Alpdruck des Daseins wenigstens für eine kurze Weile im Alkoholdunst und Rauch auflöst. Oder auch nicht. "Ich zeige Menschen, die einen Ausweg suchen und wieder in der Tristesse landen", sagt Thomas Popp. Die menschlichen Modelle und atmosphärischen Anregungen findet er auf seine Exkursionen in den Nachtorten der Städte, mit Stift und Skizzenbuch bewaffnet und mit scharf beobachtenden Augen.

"Last Exits" heißt die Ausstellung, die der Maler aus Ebersberg jetzt in der Ottobrunner Galerie "Treffpunkt Kunst" präsentiert, und es ist eine Versammlung von mehr als 30, über mehrere Jahrzehnte hinweg entstandenen Werken, die der 1961 geborene Popp in zahllosen Skizzen eingefangen und später mit Acryl auf Leinwand oder Karton neu in Szene gesetzt hat.

Im Stil von Otto Dix, aber vor allem von Max Beckmann inspiriert, atmen seine oft schwarz umrandeten Figuren mitunter leicht albtraumhafte, auch karikaturhafte Elemente. Sie verkörpern manchmal einen gewissen stilisierten Typus, der einem in Bars über den Weg läuft, etwa denjenigen, der sich dort mehr als zu Hause fühlt und am Tresen eine entsprechend lümmelnde Körpersprache pflegt, oder der Mann, der allnächtlich eine Beziehung zum blickenden und klingelnden Spielautomaten an der Wand aufbaut. Aber auch den melancholischen Raucher, der den ganzen Windhauch der Existenz und das plötzliche Bewusstwerden der Einsamkeit im Aschenbecher ausdrückt, wie in dem Bild "Endphase: Die weiße Wahrheit".

Selbst trinkt Thomas Popp auf seinen Streifzügen indes nicht. Er ist ja sozusagen Profi. "Ich beobachte und genieße die interessanten Gesichter", sagt er. Einige der in Ottobrunn zu sehenden Bilder entstanden in den vergangenen Jahren, einige in den späten Achtzigern und Neunzigern, als das Rauchen noch erlaubt war in den bayerischen Kneipen und Cafés und es generell wohl ein bisschen schmutziger zuging. Die Atmosphäre in den Dependancen heutiger Kaffeehausketten findet er eher reizlos: "Da gibt es keine Interaktion: lauter junge Menschen, die auf einen Bildschirm starren."

"Prosecco-Drosseln", die eine dicke Lippe riskieren. (Foto: Claus Schunk)

In Ottobrunn, dessen Ortszentrum auch nicht gerade als das verruchte Herz des Nachtlebens gilt, sind neben den porträtierten Kneipen- und Barbesuchern (fast alles Männer) noch andere Sujets der Kategorie "Letzter Ausweg" zu sehen. Ausschnitte aus einem Bilderzyklus von Popp, der unter dem Titel "Last Exit To Brooklyn" entstand. Inspiriert von dem gleichnamigen Buch von Hubert Selby - 1989 kam auch ein Film unter der Regie von Uli Edel ins Kino - wählte Popp, diesen Zyklus als Diplomarbeit an der Akademie der bildenden Künste in München. Kein leichter Stoff. Der Plot und also auch die daraus entnommenen und dargestellten Szenen sind oft brutal und von (teils sexualisierter) Gewalt geprägt.

Die Bilder haben alle lustige Titel

Popp, der früher in der Werbeabteilung von Media Markt Creative Director war, arbeitet in mehreren Schichten, stilisiert und choreografiert mit dem Pinsel, Körpermerkmale werden herausgehoben, perspektivisch wird gespielt. Trotz der Prägung durch deutsche Maler der Zwischenkriegsjahre hat er eine unverkennbar eigene Handschrift entwickelt. Man spürt immer auch eine Empathie für seine Nachtgestalten, für die Glücksritter und zärtlich Liebenden. Einen boshaft-satirischen Blick setzt er freilich mitunter ebenfalls auf: etwa in dem Bild "Prosecco-Drosseln", wo die aufgespritzten Damen mit ihren Schlauchbootlippen sich zwar offensichtlich toll finden, aber nicht gerade liebenswerten Hingucker sind.

Seinen Titeln eine lustige Note mitzugeben, scheint Popp, der seit Kurzem auch Mitglied des Kunstvereins Ottobrunn ist, ein Anliegen zu sein. Seine neuesten Werke mit Nachtbar-Thematik heißen unter anderem "An der Tränke", "Alles klar an der Bar" und gleichsam als Tipp für den letzten Ausweg: "Hereinspaziert".

Die Ausstellung in der Galerie "Treffpunkt Kunst" in Ottobrunn ist geöffnet donnerstags und freitags 15 bis 18 Uhr sowie samstags von 10 bis 13 Uhr. Sie dauert bis zum 27. April.

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