Der Ruf als Luft- und Raumfahrtstandort ist stabil, beim Image als kultureller Hotspot ist noch Raum und Luft nach oben: Dabei hat Ottobrunn, dessen Ortsgeschichte stark mit den Namen Messerschmitt, Bölkow, Airbus und Bavaria One verbunden ist, im Wolf-Ferrrari-Haus nicht nur ein großes Kulturzentrum mit attraktivem Veranstaltungsprogramm, sondern seit 30 Jahren auch einen Kunstverein, der eine eigene Galerie betreibt. Wobei letzteres nicht einmal allen Ottobrunnern bewusst ist. „Das ist ein Problem hier“, sagt der Vereinsvorsitzende Reiner Binsch und erzählt, wie einer Bekannten aus der Schweiz auf der Suche nach der Galerie in der Ortsmitte auf ihre Frage hin von einem Passanten sinngemäß entgegnet worden sei: „Ich wohne schon lang hier, aber eine Galerie ham mir noch nie ghabt.“
Nun, der „Treffpunkt Kunst“ des KV Ottobrunn ist sogar in zentraler Lage an der Rathausstraße 5 untergebracht und schon seit 2001 eine kleine, feine Bühne für qualitätvolle Ausstellungen. Freilich: Die Jubiläumsausstellung, die an diesem Donnerstag eröffnet wird und mit Werken von Mitgliedern des 1995 gegründeten Vereins aufwartet, findet nebenan im Rathaus statt. Auf fünf Ebenen ist dort Platz für 100 Arbeiten von 30 Künstlerinnen und Künstlern.
Für Binsch, seine Vorstandskollegin Petra de Zamagna und ihre Mitstreiter erfordert die Organisation der traditionellen Jahresendausstellung stets einen respektablen Aufwand, zumal heuer zwar wegen des Jubiläums die Zahl der Ausstellenden von 20 auf 30 erhöht wurde, aber dennoch nicht alle Bewerber berücksichtigt werden konnten. Da naturgemäß im Ottobrunner Rathaus nicht alle Bereiche eine optimale Präsentationsfläche bieten, gibt es immer wieder Debatten um die Hängungen. Gleichwohl überwiegt die Dankbarkeit und Freude, hier ausstellen zu dürfen.
Es ist eine breite Palette an künstlerischen Positionen, die im Wesentlichen Malerei und ein paar Skulpturen umfasst. „Die Mischung ist sehr interessant geworden“, urteilt Binsch, der selbst Künstler ist und drei Stillleben mit floralen, naturhaften Motiven zeigt. In der Tat lassen sich im angemessen lichtdurchfluteten Atrium und den teils kurvigen Gängen immer wieder formale und inhaltlich originelle Blickfänger entdecken. Dazu zählen Thomas Popps Bilder aus seinem „Last Exit“-Zyklus mit Nachtschwärmern und Barbesuchern, die stilistisch an Max Beckmann erinnern und eine Atmosphäre zwischen Tristesse und Zärtlichkeit entfalten.

Zu den Charakteristika einer solchen Ausstellung gehört das optische Zusammenspiel von kreativer Werk-Aura und behördlichem Verwaltungsambiente – etwa, wenn neben der Tür zum Standesamt und dem Spiegel, in den die Braut gleichsam noch einen letzten Blick werfen kann, ein gerahmtes, suggestives Frauenporträt von Nicole Lindecke hängt. Oder eine verfremdete Fotografie (auf Leinen) von Bernd Schwemmle mit drei roten, den Betrachter anblickenden Pferden den Eingang zum Personal-WC flankiert. Oder ein abstrakt-farbintensives Bild wie „Friedliche Symbiose (vor dem Aus?)“ von Uwe Johannsen – mit 91 Jahren das älteste KV-Mitglied – über zwei mit Leder bespannten Stühlen thront.
Mitunter lenken Prospektständer mit bunten Flyern und die Weihnachtsdeko den Betrachter vom ungetrübten Kunstgenuss ab. Binsch sagt schmunzelnd: „Darauf haben wir leider keinen Einfluss“. Aber dennoch ist das Rathaus ein gutes Forum mit angemessenem Publikumsverkehr. Für die Besucher liegen Zettel aus, um am Publikums-Voting teilzunehmen und das Lieblingskunstwerk mit Punktevergabe zu wählen.

Der Kunstverein Ottobrunn ist der mit Abstand größte und relevanteste im Landkreis München, er hat derzeit rund 100 aktive Mitglieder, vornehmlich aus der Region und der Stadt München, darunter sind auch Malerinnen und Bildhauer italienischer, ukrainischer, polnischer, US-amerikanischer oder österreichischer Herkunft. „Wir freuen uns über jedes neue Mitglied“, sagt Petra de Zamagna, am meisten freilich über jüngere Aspiranten.
Zu den hochgeschätzten, älteren Mitgliedern gehört die Ehrenvorsitzende Doris Laves-Wegat, die zusammen mit ihrer Tochter, der Künstlerin Julia Wegat, 1995 die Gründung des Vereins initiierte. Ursprünglich sollte damals eine Künstlerkolonie in einer zum Verkauf stehenden Fabrikhalle in Riemerling ins Leben gerufen werden, das aber scheiterte an den hohen Forderungen des Eigentümers – und übrig blieb der Verein mit neun Mitgliedern. 20 Jahre lang leitete und prägte Doris Laves-Wegat, die heute in der Nähe von Halle lebt, den Verein mit professionellem Anspruch und pädagogischem Ansatz: „Wir setzen uns für Kunst und Weiterbildung ein. Wir wollen, dass die Leute sehen lernen.“

Das Ziel war immer auch, junge Künstler zu fördern und den Menschen aus der Region zeitgenössische Kunst näherzubringen. Es gibt einen regelmäßigen Künstlerstammtisch, das wohl bekannteste Vereinsmitglied ist der in Ottobrunn lebende Illustrator und Maler Quint Buchholz. Zum überregional wahrgenommenen Signature-Projekt avancierte im Lauf der Jahre die Biennale „Artiges“, ein deutschlandweit ausgeschriebener und von Experten jurierter Wettbewerb. Da der Kunstverein Ottobrunn seit einigen Wochen mit der langjährigen renommierten Münchner Galeristin Karin Sachs wieder eine künstlerische Leiterin gefunden hat, nachdem sich Anna Arndt 2023 zurückgezogen hatte, soll er bald wieder stattfinden. „Wir möchten den Wettbewerb beibehalten. Er ist sehr belebend und bringt uns Aufmerksamkeit“, erklärt Zamagna.
Dass der Kunstverein Ottobrunn überdies als Logo eine Kuh hat, ist noch ein hübsches Detail: Sie ist das Attribut des Evangelisten Lukas, der als Schutzpatron der Künstler und Maler gilt. Für die Mitglieder und die kommenden 30 Jahre gilt es vielleicht, sich den Ottobrunnern gleichsam mit mehr „Muh“ ins Bewusstsein zu rufen.
Mitglieder-Jahresausstellung „30 Jahre Kunstverein“ im Rathaus Ottobrunn. Sie kann besichtigt werden bis zum 5. Januar zu den Öffnungszeiten des Rathauses: montags bis freitags von 8 bis 12 Uhr, donnerstags zusätzlich von 14 bis 18 Uhr. Am Wochenende zusätzlich von 11 bis 15 Uhr. Die Vernissage ist am Donnerstag, 4. Dezember, Beginn 18 Uhr.

