Kunstausstellung in Ismaning Die Kunst der Reduktion

Ein Schicksalsschlag hat Manfred Popps Leben verändert - und die Bildsprache seiner Werke

Von Christina Hertel, Ismaning

Als Manfred Popp sich eigentlich schon verabschiedet hat, weil es noch viel zu tun gibt, bevor in zwei Stunden seine Ausstellung eröffnet - kleine Nummern neben die Rahmen kleben zum Beispiel - will er doch noch etwas zeigen: einen Köcher, eine schwarze Rolle, in die Architekten normalerweise ihre Pläne stecken. "Das ist sie." Popp hält die Rolle in beiden Händen, als wäre sie etwas Kostbares, und schweigt für einen Augenblick. Er hat sie vor etwa zehn Jahren gekauft, damals war er Mitte 60 und hatte gerade alles verloren, was ihm in seinem Leben wichtig war. Seine Frau war plötzlich gestorben, seine Wohnung war abgebrannt. Manfred Popp schlief in Kellern, auf Dachböden und eine Zeit lang im Kloster. "Ich bekam keine Depression", sagt er. "Dafür habe ich gemerkt, dass ich nichts mehr brauche außer Stifte und Papier." Seine Zeichnungen steckte er in die Rolle. Hunderte hat er im Laufe der Zeit angefertigt; die meisten bestehen aus schwarzen, filigranen Strichen auf weißem Papier, die sich zu Pflanzen, Orkanen, peitschenden Wellen, sterbenden Tieren, zu Erinnerungsströmen und Synapsen zusammensetzen. Ansehen kann man sich einen Teil dieser Werke noch bis zum 14. Juli in der Galerie im Schlosspavillon in Ismaning.

Popp arbeitete als Grafiker und Illustrator für verschiedene Magazine. Die Botschaften seiner Kunden musste er so umsetzen, dass jeder sie sofort verstand und nicht mehr vergaß. Außerdem habe er gemalt, sagt er, so wie alle malten: farbig, abstrakt, auf großen Leinwänden. Als plötzlich nachts um vier in seiner Wohnung ein Brand ausbrach, als das Feuer und das Löschwasser alles zerstörten, habe er gelernt, sich zu reduzieren. Er fertigte nicht länger große, mit Farben überlaufene Bilder an, sondern minimalistische Zeichnungen, an die man näher herantreten muss, um die einzelnen, feinen Linien zu erkennen. Nach dem Brand habe er seine Papierrolle überall hin mitgenommen, um zu zeichnen, sogar in die Kneipe. Es sei wie eine Therapie gewesen - obwohl er nie seine eigene Geschichte festhielt.

Mit vielen seiner Zeichnungen möchte der Künstler Manfred Popp den Betrachter dazu anregen, die Natur zu bewahren. In der Galerie im Schlosspavillon sind Werke zur Katastrophe von Fukushima zu sehen sowie Zeichnungen von Fischen, Quallen und Muscheln, die auf das Artensterben hindeuten, aber Raum für Interpretation lassen. Reproduktion: Florian Peljak

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In vielen seiner Bilder geht es um Naturkatastrophen: Orkane, die über Deutschland hinwegfegten, den Tsunami, der in Japan eine nukleare Katastrophe auslöste, Fische, vergiftet vom Schmutz in den Gewässern, die mit dem Bauch nach oben umhertreiben. Popp sagt, er wolle kein Künstler mit erhobenen Zeigefinger sein. Tatsächlich ist seine Ausdrucksweise - selbst, wenn es um plakative Themen geht - nie platt. Es wirkt eher, als wolle er den Betrachter sanft anstupsen, umsichtiger mit der Natur umzugehen. Gleichzeitig sind seine Werke so abstrakt, dass Raum bleibt für eigene Interpretationen. Und so sieht man keine Atomreaktoren, sondern Wellen, Feuer, Bäume, die, wenn Popp nicht das Stichwort Fukushima nennen würde, wohl überall sein könnten.

Vielleicht kommt das daher, dass Popp kein Aktivist ist, keiner der mit Megafon und Transparent eine Demonstration anführen würde, sondern ein Bücherwurm - mit grauem Haar, komplett in schwarz gekleidet. In Themen, die ihn interessieren, lese er sich stundenlang ein, erzählt er. Neben der Umwelt beschäftige er sich viel mit dem menschlichen Gehirn - das zur Verdrängung neige. Welchen Schaden, die Atomkatastrophe von Fukushima anrichtete, sagt Popp, hätten viele schon wieder vergessen - auch weil die Medien die Aufmerksamkeit der Menschen schnell wieder auf ein neues Spektakel richteten. Zu dieser Annahme passt Popps größtes Werk der Ausstellung. "Seismograf der Verdrängung" heißt es und überspannt den Eingang der Galerie. Auf einer zehn Meter langen Papierrolle hat er feine schwarze Linien gezeichnet. Bloß, dass sie - anders als ein Seismograf - wohl nicht die Stärke eines Erdbebens festhalten, sondern den Grad dessen, was wir an Erinnerung zulassen.

Schon 1986 stellte der gebürtige Münchner Manfred Popp im Schlosspavillon aus - damals noch farbige Acrylbilder. Diesmal hängen in der Galerie feine, melancholische Zeichnungen.

(Foto: Florian Peljak)

Er selbst, sagt Popp, habe auch vieles aus seinem Leben verdrängt, weil es zu schmerzhaft wäre, immer an alles zurückzudenken. Er habe mal viel besessen: eine große Jugendstilwohnung voller wertvoller Möbel, voller Sammlerstücke vom Flohmarkt, ein eigenes Atelier, ein 250 Jahre altes Bauernhaus aus Holz mit kleinen Fenstern. Als er obdachlos wurde, habe er es selbst renoviert und schließlich verkauft. "Ich habe es geliebt", sagt er. Doch hätte er es behalten, hätte er sich wohl keine Wohnung in München leisten können. Heute ist Popp Mitte 70 und lebt in einer kleinen Wohnung im fünften Stück in einem Haus ohne Lift. Seine Rente decke nicht einmal die Miete ab. Was an Ersparnissen geblieben sei, stecke er in die Kunst, in Rahmen, handgeschöpftes Büttenpapier, hochwertige Stifte. Er habe verstanden, sagt Popp, "dass man mehr braucht als Geld und schöne Dinge um glücklich zu sein".

Die Ausstellung "Schwarz auf Weiß" des Münchner Künstlers Manfred Popp ist noch bis zum 14. Juli in der Galerie im Schlosspavillon an der Schloßstraße 1 in Ismaning zu sehen. Sie ist dienstags bis sonntags von 14.30 bis 17 Uhr geöffnet.