„Bing!“ Ein kleines Fenster ploppt auf Francesca Hennigers Laptop auf. Eine neue Bestellung ist eingegangen. „Ui, so weit sind meine Enten noch nie geflogen“, sagt die Künstlerin sanft lächelnd mit Blick auf ihren neuen Kunden aus Honolulu auf Hawaii. Die 28 Jahre alte Neuriederin hat sich in den vergangenen Jahren mit bunten Enten-Zeichnungen ein Business aufgebaut – und das eher per Zufall. Eigentlich wollte die Künstlerin von Ölgemälden, Skulpturen und Installationen leben. Jetzt zeichnet sie Comic-Enten, die U-Bahn fahren, Toast essen oder auf dem Klo Zeitung lesen.
Nach ihrem Studium der Kunstpädagogik an der LMU stellte die 28-Jährige aber erst mal klassische Kunst aus, verkaufte hier und da ihre Werke und übernahm kleinere Aufträge. Doch die Corona-Pandemie mit ihren Lockdowns mit geschlossenen Galerien und Ausstellungen erleichterte ihren Karrierestart nicht unbedingt. „In dieser Zeit war ich sehr viel im Westpark am dortigen See spazieren“, erinnert sich die 28-Jährige. Die Enten und Gänse, die dort unterwegs waren, hatten es ihr angetan: „Die haben mich in der tristen Zeit so zum Lachen gebracht, dass ich das mit meinen Freunden teilen wollte.“ Und so zeichnete sie – dieses Mal digital – ihre erste Comic-Ente und teilte sie mit ihren Freunden auf Instagram.
„In dieser Zeit gab es so viele negative und schlimme Nachrichten, da wollte ich was zum Schmunzeln teilen“, sagt Henniger und fügt hinzu: „Eine Business-Idee war das damals nicht.“ Doch ihr Postfach lief nach ihren ersten Posts über. „Viele haben sich bedankt und geschrieben, dass ihnen meine Zeichnungen über die schwere Zeit hinweghelfen und sie ablenken. Andere wollten meine Entenbilder als Drucke haben, um anderen damit eine Freude zu machen“, sagt die Künstlerin. Francesca Henniger ließ erste Sticker mit ihren Enten produzieren und zeichnete einen Kalender mit zwölf Entenbildern. Darin zu sehen: Ente im Sonnenblumenfeld oder Ente beim Schlittenfahren.

Inzwischen hat Francesca Henniger alias „Franci Nevada“ schon ihren fünften Enten-Kalender gezeichnet. Und ihre Verkaufspalette hat sich stetig erweitert. Bei ihr gibt es alles, was das Entenherz begehrt: Sticker, Postkarten, Tassen, Schlüsselanhänger, Malbücher, Drucke oder Blöcke. Jüngst waren es die bedruckten Brillenputztücher, die sie am meisten verkauft hat. Ihre Kunst ging dabei schon in die ganze Welt: USA, Kanada, England, Ungarn, Finnland – es gibt vermutlich kaum ein Land, in dem noch keine der Enten aus dem Landkreis München ein neues Zuhause gefunden hat.
Zu den Enten sind Katzen, Tauben und Wasserschweine gekommen
Bereits ein Jahr nach ihrer ersten Enten-Zeichnung habe sie von ihrer neuen Kunstform leben können, sagt sie. Seither laufe das Geschäft von Jahr zu Jahr besser. Neben Enten malt sie inzwischen auch vereinzelt Katzen, Tauben oder Wasserschweine. „Dieses Jahr ging es dann voll ab“, sagt die 28-Jährige. Der Grund: „Ich habe auf Tiktok ein paar Videos meiner Zeichnungen und Produkte hochgeladen.“ Das zog neue Kundschaft an, weshalb Henniger jetzt ausbaut.

In Planegg hat sie sich einen kleinen Lagerraum gemietet. Dort verpackt und versendet sie zwei- bis dreimal die Woche mit viel Liebe zum Detail ihre Bestellungen. Mit wasserfesten Stiften – damit der Regen es beim Versand nicht abwäscht – bekommt etwa jedes Päckchen per Hand eine individuelle Zeichnung auf den Karton. Bei dem Umschlag, der nach Honolulu geht, entscheidet sich Henniger für eine Ente, die über den Ozean schwimmt mit einem lächelnden Berg im Hintergrund. „In Anlehnung an die Vulkane auf Hawaii“, erklärt sie: „Ich passe die Zeichnungen gern auf die Personen oder Orte an, wo die Bestellung hingeht.“ Gelegentlich bekommt sie aber auch Skizzen-Wünsche von Stammkunden.
Ihre Kunst verkauft die 28-Jährige online auf der Plattform Etsy sowie auf Messen. Dieses Jahr wird sie mit ihrem bunten Verkaufs-Stand noch auf Comic- sowie Videospiel-Messen vertreten sein. Aber was machen Enten auf einer Videospiel-Messe? „Bei solchen Messen sind Erwachsene wie Kinder begeisterungsfähig für bunte Geschichten und Tiere“, weiß die Neuriederin: „Dort kann jeder Mensch, in egal welchem Alter, Kind sein für eine Zeit. Da passen meine Enten gut rein.“
Enten spiegeln den täglichen Wahnsinn wider
Die klassische Kunst hat Henniger trotz des Enten-Erfolgs nie ganz aufgegeben. Gelegentlich male sie noch für Freunde oder Menschen, die sie inspirierten, erzählt sie. Trotzdem ist es ihr wichtig, dass ihre Enten-Comics auch als Kunstform angesehen werden. „Ich weiß, dass viele das nicht ernst nehmen“, sagt sie. „Umso mehr freut es mich, wenn Leute sehen, dass da auch eine Leistung dahintersteckt.“ An einem Kalender arbeitet die 28-Jährige über vier Monate jeden Tag, sagt sie. Trotzdem sei es ihr wichtig, dass ihre Kunst erschwinglich ist. „Natürlich soll es Kunst geben dürfen, die teuer ist. Aber es soll auch Kunst geben, die günstiger ist, damit für jeden etwas dabei ist.“
Ihre Entenbilder malt Henniger digital, sprich mit Stift und Tablet. Inspirieren lässt sie sich von Alltagserlebnissen: „Ich gehe gern durch die Stadt und habe die Augen offen für Situationen, die humorvoll absurd sind. Der alltägliche Wahnsinn eben.“ Ihre Tiere sind dabei alles andere als anatomisch korrekt gezeichnet. „Früher habe ich immer versucht möglichst naturalistisch zu zeichnen“, sagt die 28-Jährige. Bei ihren Enten versuche sie hingegen, die Tiere auf das „simpelste herunterzureduzieren“, sodass man dabei trotzdem noch erkenne, was es ist – und der Humor nicht verloren gehe.
Ihr höchstes Ziel sei es, dass die Dinge, egal wie klein oder günstig sie erscheinen mögen, gute Laune auslösen. „Für eine Sekunde lachen können, den Alltag vergessen und auch als Erwachsener Kontakt zum inneren Kind finden“, das möchte Henniger erreichen. „Ich glaube, ich bin auch selbst nie wirklich erwachsen geworden“, sagt sie und ergänzt noch: „Das Kind, das einst seinen Eltern etwas gemalt hat und gehofft hat, es sei gut genug für den Kühlschrank, malt bis heute. Jetzt sind mein Publikum halt Fremde und Fans – und ich male für deren Kühlschrank.“


