Kulturelle Höhepunkte 2016 Umgeben von Leuchttürmen

Das kulturelle Angebot im Landkreis hat im Jahr 2016 noch einmal zugenommen. Im Isartal geben sich Weltklassemusiker die Klinke in die Hand, auf den Theaterbühnen begeistern lokale Protagonisten und Cineasten kommen auf ihre Kosten - doch es gibt auch kleine Dellen

Von Udo Watter

Im Ranking der Zumutungen, die der Zeitgeist zu bieten hat, nimmt das Gefühl der Überforderung einen vorderen Platz ein. Angesichts einer Flut von Möglichkeiten droht der moderne Mensch ständig, etwas zu verpassen, zu spät dran zu sein, im Informationswirbel zu versinken oder Optionen zur Steigerung der Lebensqualität zu versäumen. Das geht über die gern kritisierten Auswüchse der Digitalisierung hinaus. Wer in einem gut sortierten Bahnhofskiosk die Unmengen an Outdoor-, Militärgeschichte-, Kunst- und Angel-Fachzeitschriften oder auch nur Fernsehmagazinen betrachtet, wird dort, im analogen Milieu, auch nicht gerade die Maxime "Weniger ist mehr" erfüllt sehen.

Oper in Oberhaching.

(Foto: Claus Schunk)

Das dürfte auch nicht unbedingt das Leitmotiv der Bürgerhäuser und Kulturzentren im Landkreis sein. In manchen Monaten ist das Angebot an Veranstaltungen fast erschlagend. Im Süden etwa offerieren Oberhaching, Unterhaching, Ottobrunn oder Taufkirchen auf engem Raum ein beeindruckend vielfältiges Programm. Auch im Norden findet der Kulturfreund große Auswahl vor - ob in Garching, Unterföhring, Ismaning oder Unterschleißheim.

In manchen Gemeinden dürfte das Angebot im Jahr 2016 noch zugenommen haben, dank jeweils eigenen Stammpublikums und offenbar ungebrochener Lust auf eine Kultur der kurzen Wege scheinen sich die Häuser (noch) nicht zu sehr ins Gehege zu kommen. Ein hoch agiler Veranstalter wie Michael Blume vom Kultur- und Kongresszentrum Taufkirchen, der Jahr für Jahr die Anzahl seiner Veranstaltungen zu steigern und sein Haus als "Leuchtturmprojekt für den Münchner Süden" zu etablieren sucht, muss freilich auch mit kleinen Dellen rechnen - sei es, dass die Resonanz nicht immer optimal ist oder der Gemeinderat wegen der Finanzierung kritisch nachfragt. Die wohlhabenden Gemeinden Grünwald und Pullach können sich beide, auch dank privater Sponsoren, nicht zuletzt exzellente klassische Konzertreihen leisten: Da kommt es schon mal vor, dass Weltklassemusiker wie Gautier Capuçon und Frank Braley am Dienstag und Donnerstag ein Beethoven-Programm in Pullach spielen und am Mittwoch die Cellistin Sol Gabetta auf der anderen Isarseite mit dem Pianisten Bertrand Chamayou in Grünwald auftritt - so geschehen zwischen 29. November und 1. Dezember.

Theater in Pullach.

(Foto: Catherina Hess)

Der Auftritt hochkarätiger Prominenz war 2016 ohnehin keine Seltenheit im Schatten von München: ob Senta Berger mit einem Tango-Programm in Taufkirchen, Iris Berben und Pianist Martin Stadtfeld mit einer musikalischen Lesung in Unterschleißheim oder Jürgen Prochnow mit einer Theaterrolle in Unterhaching - von den üblichen Verdächtigen aus dem Kabarett-Milieu ganz zu schweigen. Auch bekannte Bands wie die Erste Allgemeine Verunsicherung, Kofelgschroa oder Haindling waren dieses Jahr im Landkreis zu Gast. Ausgezeichnete Jazzmusiker spielten in Pullach oder Unterföhring, bei den Ottobrunner Konzerten oder der Reihe im Ismaninger Kallmann-Museum - dort war das Highlight heuer aber die Ausstellung "Entartete Kunst - Verfolgung der Moderne im NS-Staat", die eine erstaunliche Resonanz erfuhr. Das Potenzial an Begeisterung und Identifikation ist naturgemäß beim Auftritt lokaler Protagonisten am größten: In Großhelfendorf gab es Theatervorstellungen von "Brudermord in Aying" der Ayinger Gmoa Kultur, in Oberhaching die Eigenproduktion von Mozarts Oper "Die Entführung aus dem Serail", dazu Inszenierungen des Garchinger Theatervereins "Zeitkind" oder die "Lichtblicke"-Benefizkonzerte in Unterschleißheim, die vor 15 Jahren initiiert wurden und bei der heuer im Oktober die lokalen Bands Ruhestö(h)rung und Phondue spielten.

"Kniender männlicher Akt" in Ismaning.

(Foto: Sammlung Gerhard Schneider)

Die SZ vergibt bekanntlich auch alle zwei Jahre den Tassilo-Preis an Künstler und Kulturschaffende aus der Region München und heuer gingen zwei Auszeichnungen an Menschen aus dem Landkreis: an Stefan Stefanov, Betreiber des Programmkinos "Capitol" in Lohhof, dessen Haus Filmkunst jenseits des Mainstreams zeigt. Und an Ricarda Geary, Musiklehrerin aus Oberhaching und Initiatorin von aufsehenerregenden Opern-Eigenproduktionen. Sie lobt den Geist ihres Heimatortes: "Oberhaching ist eine besondere Gemeinde. Hier wohnen viele Profimusiker und Mitarbeiter am Residenztheater, die sich bei unseren Opernproduktionen alle einbringen." Stefanov ist Cineast mit Liebe zum Detail: "Ich will, dass man Kino als einen besonderen Ort wahrnimmt." Leicht sei es nicht, in einer Stadt wie Unterschleißheim mit einem kleinen Kino durchzuhalten, "aber es funktioniert". Auch nicht immer leicht hat es Matthias Riedel, Leiter des Kleinen Theaters Haar, das in den vergangenen Jahren größere Defizite verbucht hat. "Aber wir sind auf einem guten Weg", sagt er. Im Februar 2016 wurde ein Förderverein gegründet, zudem gibt es jetzt eine Kooperation mit dem BR, der Komödienstadel-Inszenierungen im Haus aufzeichnet. "Wir müssen lernen, mit dem auszukommen, was wir haben", sagt er. Zu wenig Veranstaltungen im Programm hat freilich auch er nicht.