Süddeutsche Zeitung

Künftiges Gymnasium:Münchner Kinder zieht es nach Unterföhring

Zwei von drei Schülern des geplanten neuen Gymnasiums werden voraussichtlich aus der Stadt kommen. Im Kreistag entbrennt angesichts dessen eine Debatte darüber, was zu den Aufgaben der Kreispolitik gehört.

Das 17. Gymnasium im Landkreis München wird zu den größeren seiner Art gehören - und zwar genau so, wie es der Unterföhringer Gemeinderat auch will. Gegen die Stimmen der SPD-Kreisräte Alexander Greulich und Wolfgang Panzer sowie Günter Heyland und Florian Ernstberger von den Freien Wählern hat der Kreisausschuss für Bauen und Schulen gebilligt, dass die bis zu 74 Millionen Euro teure neue Schule in der Mediengemeinde zum Schuljahr 2018/19 mit fünf fünften Klassen starten kann. Allerdings hat der Ausschuss ebenfalls beschlossen, dass nicht mehr als 1300 Schüler das neue Gymnasium besuchen sollen.

Wenn es um neue Gymnasien im Landkreis geht, tobt derzeit ein Grundsatzstreit: Wie groß soll und darf eine Schule werden? Diese Debatte hatte unlängst auch den Unterföhringer Gemeinderat erreicht. Denn während die SPD auf Kreisebene vehement dafür kämpft, dass die Schülerzahl an Gymnasien bei 1200 Schülern gedeckelt wird, stimmten die Genossen im Gemeinderat für die Fünfzügigkeit und damit für mehr Schüler in der neuen Schule - und düpierten nebenher Unterföhrings Bürgermeister Andreas Kemmelmeyer (PWU), der sich für nur vier fünfte Klassen eingesetzt hatte.

Unter den Kreisräten wurde in der Debatte am Dienstag über die Ausgestaltung des Unterföhringer Gymnasiums ein zweiter Grundsatzstreit deutlich: Darf der Landkreis das Votum einer Kommune in einer Frage, die sie betrifft, ignorieren? Vor allem dann, wenn die Kommune - wie vertraglich zwischen Landkreis und Unterföhring vereinbart - beim Neubau zwei Drittel der Kosten zu tragen hat.

Landrat Christoph Göbel (CSU) vertritt eine sehr eindeutige Haltung: "Die Gemeinde ist der Sachaufwandsträger. Und das dortige Gremium hat einen Beschluss gefasst. Den können wir nicht ignorieren."

Die Gemeinde Unterföhring hat sich - entgegen der ursprünglichen Planung - auch vor dem Hintergrund der Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums für die größere Variante entschieden. Aber nicht nur. Denn insbesondere in der Mediengemeinde spielt die prognostizierte Struktur der künftigen Schüler eine Rolle. Erstens besagt der derzeit geltende Schulbedarfsplan, dass das Gymnasium im Jahr 2035 sogar mehr als 1600 Schüler besuchen könnten - was der Landkreis mit seinem Beschluss verhindern will. Zweitens - und das ist noch entscheidender - werden deutlich mehr Schüler aus München das Gymnasium besuchen als Kinder und Jugendliche aus dem Landkreis. Bis zu zwei Drittel könnten es sein. Das ist beim Ernst-Mach-Gymnasium in Haar schon der Fall.

Ismanings Bürgermeister Alexander Greulich appellierte daher an das Gremium, der Landkreis müsse zuallererst an "seine eigenen Aufgaben" denken. "Wir müssen in erster Linie den Bedarf am Ort für unsere Kreisbürger decken - für die sind wir verantwortlich", sagte Greulich. Göbel hielt ihm entgegen, dass es bei den weiterführenden Schulen keine Sprengel gebe und daher auch keine Grenzen zu ziehen seien. Außerdem, sagte der Landrat, gingen - Stand heute - mehr Schüler aus dem Landkreis in München auf die Gymnasien als umgekehrt: etwa 300.

"Das Schulreferat muss natürlich in die Gänge kommen"

Allerdings - und da waren sich Göbel und Greulich einig - könnte sich diese Entwicklung bald umkehren. Denn die Schulbauoffensive des Landkreises zeigt Wirkung. "Wir bauen und bauen wie die Weltmeister", sagt Greulich, in dessen Gemeinde Ismaning derzeit ebenfalls ein Gymnasium entsteht. "Da stellt sich schon die Frage, ob wir uns das Kreuz auflegen sollen, mit gemeindlichen Mitteln den Bedarf für die Landeshauptstadt zu decken." Göbel schlug in dieselbe Kerbe: "Das Schulreferat muss natürlich in die Gänge kommen." Aber, sagte der Landrat, Unterföhring sei - wie auch Haar - mit der Landeshauptstadt so eng verwoben, dass auch in Zukunft viele Schüler aus München im Landkreis auf die Schulen gehen werden.

Den grundsätzlichen Streit über die Größe der Schulen konnte der Ausschuss indes nicht lösen. Die SPD beharrt weiter darauf, dass nicht mehr als 1200 Schüler auf ein Gymnasium gehen sollten. Allzu weit liegen die großen Gegenspieler im Kreistag dann aber doch nicht auseinander, wie der Vorstoß von CSU-Kreisrat Helmut Horst unterstrich, für Unterföhring die Deckelung bei 1300 Schülern in die Beschlussvorlage mitaufzunehmen. Einzig FDP-Kreisrätin Sandra Wagner konnte der Begrenzungen nichts abgewinnen: "Eine kleine Schule ist nicht automatisch gut, nur weil sie klein ist. Dafür gibt es überhaupt keine wissenschaftlichen Belege."

Der Landkreis wird sich in naher Zukunft ohnehin eher daran orientieren müssen, wo die nächsten Gymnasien entstehen. Denn der Bedarf wird immer weiter wachsen. Dies ist durch den Schulbedarfsplan wissenschaftlich belegt. Greulich formulierte es anders: "Sobald eine Schule eröffnet, läuft sie proppenvoll."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3553202
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 21.06.2017/wkr
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.