Süddeutsche Zeitung

SZ-Serie: Tatort Region, Folge 4:Erschlagen nach der heiligen Messe

1893 werden in einem Salmdorfer Bauernhof eine Witwe und ihre drei Töchter ermordet. Der Täter wird nie überführt. 30 Jahre später prüft die Polizei eine Verbindung zum Sechsfachmord in Hinterkaifeck.

Von Bernhard Lohr

Als gegen Mitternacht am Neuhauser-Hof die Flammen emporschlagen, ist schnell das halbe Dorf auf den Beinen. Feuerwehrleute eilen zu dem hundert Meter außerhalb von Salmdorf an der Straße nach Ottendichl gelegenen Anwesen. Die Retter finden alles verschlossen. Als keiner auf lautes Rufen reagiert, brechen sie die Haustür auf. In der Schlafkammer entdecken sie die 57-jährige Witwe Anna Reitsberger und ihre 23 und 16 Jahre alten Töchter Kreszenz und Anna blutüberströmt, halbtot mit eingeschlagenen Schläfen in ihren Betten. Die Jüngste, die 14-jährige Marie, kauert schwer verletzt neben dem Bett. Ein Mörder hat zugeschlagen. Und es ist, als hätte ein Riese in voller Wut dem ganzen Dorf eine klaffende Wunde versetzt.

Als am Morgen des 13. März 1893 der Rauch verzogen und als letztes auch das jüngste der vier Opfer tot ist, ist der Hundert-Seelen-Ort in der heutigen Gemeinde Haar nicht mehr der alte. Von dem Bauernhof, den der Mörder nach der Tat angezündet hat, stehen nur noch die Mauern. Die Dorfbewohner sind verstört. Zugleich setzt ein gewaltiger Ansturm ein. Mit der Polizei, Richtern und Amtsärzten kommen die Reporter und tragen die grausige Geschichte in die Welt. Presse-Zeichner fertigen Bilder vom Tatort, von dem Dorf mit Kirche samt Brandruine und von den Ermordeten. "Hunderte und Hunderte von Neugierigen" kamen aus der Stadt, berichtet die Neue freie Volks-Zeitung aufgekratzt. Und alle, vor allem die Einheimischen, treibt die Frage um: Wer ist zu so etwas fähig?

Der Tenor in den Zeitungen ist angesichts der Brutalität der Tat - sie wurde wohl mit einer Art Beil ausgeführt - von Anfang an gesetzt. Hier die "gutherzigen, harmlosen, bescheidenen und arbeitsamen Leute", die kurz vor ihrem Tod noch der heiligen Messe in der Dorfkirche beiwohnen - am Rosensonntag, einem katholischen Feiertag, zu dem in Salmdorf viele Auswärtige zum Jahrmarkt gekommen waren. Auf der anderen Seite das "Scheusal". Die Volks-Zeitung wünscht sich Strafen früherer Jahrhunderte zurück, mit "Rädern und Zwicken mit glühenden Zangen". Solche Ausführungen wechseln sich ab mit Schilderungen im Neuen Münchener Tagblatt von den "blutüberströmten Zügen" der im Bett liegenden Opfer - ein "grauenhafter, erbarmenswürdiger Anblick".

Wer verdächtigt wird, findet seinen Namen in der Zeitung

Über Tage bestimmt der Vierfachmord von Salmdorf die Schlagzeilen. Ganzseitig werden Bilder gedruckt und lassen den Fall zu seiner Zeit schnell zu einem grausigen Mythos werden. Die Polizei und die Zeitungen sprechen 1893 sofort von Raubmord, weil in dem Haus Kommoden und Truhen aufgerissen waren. Bald heißt es, der oder die Täter müssten wegen besonderer Kenntnisse aus dem Ort sein. Wer verdächtigt wird, findet seinen Namen in der Zeitung.

Zwei Burschen aus dem Ort geraten ins Visier, weil sie in der Tatnacht am Neuhauser-Hof vorbeigekommen sind und kein Feuer gemeldet haben. Die Volks-Zeitung berichtet zwei Wochen nach der Tat, mit halbseitiger, dramatisch gestalteter Zeichnung, von der Verhaftung der beiden in einem Salmdorfer Gasthof. Wild ging es dabei zu, inklusive Prügelei, weil sich einer der Beschuldigten nicht als Mörder beschimpfen lassen wollte. Nachweisen kann man ihnen nichts. Sie kommen wieder frei.

Jeder kann sich an der Jagd nach dem oder den Mördern beteiligen. Die Zeitungsreporter brüsten sich vor ihren Lesern, wie sie Beobachtungen an die Polizei weitergeleitet haben. In "Wirthschaften und Kaffeekneipen" kommt es zu Razzien. Gerüchte schießen ins Kraut und die Geschichte nimmt kein Ende. Drei Jahre nach der Tat, am 1. Juli 1897, berichtet der Rosenheimer Anzeiger, welch "große Sensation" die Verhaftung eines Mannes erregt habe, der sich der Morde in Salmdorf bezichtigt haben soll. Der Trunkenbold ist allerdings als notorischer Lügner bekannt.

Die Tat von Salmdorf weist viele Parallelen zu dem Sechsfachmord auf dem Einödhof Hinterkaifeck nahe Schrobenhausen im Jahr 1922 auf, der ebenfalls von einem Unbekannten mit roher Gewalt verübt wurde. Bis heute recherchieren Hobby-Kriminologen am Hinterkaifeck-Fall und dokumentieren alles im Netz. Demnach prüfte die Polizei sogar eine Verbindung der beiden Fälle. Der Morde in Salmdorf ist demnach die sogenannte Schmaderer-Bande verdächtigt worden; ein Mitglied dieser Bande erhängte sich im Gefängnis. Oberinspektor Josef Rubner, heißt es, habe im Jahr 1925 aufgrund der Ähnlichkeit der Verbrechen das Alibi von dessen Sohn für die Morde in Hinterkaifeck überprüft.

Der Hinterkaifeck-Stoff fesselt die Menschen, wie der Erfolg des 2006 erschienenen und später verfilmten Romans "Tannöd" von Andrea Maria Schenkel zeigt, der darauf basiert. Georg Reitsberger, 66, lässt der Salmdorfer Fall aus persönlicher Betroffenheit keine Ruhe. Der Bürgermeister von Vaterstetten ist mit den Opfern verwandt. Sein 1884 geborener Großvater Balthasar wuchs auf dem Böckl-Hof im Ort Salmdorf auf und war als neunjähriger Bub Zeuge der Ereignisse. Die ermordete Anna Reitsberger, die nach dem Tod ihres Mannes alleine mit ihren Töchtern auf dem abseits gelegenen Neuhauser-Anwesen lebte, war dessen Tante. Georg Reitsberger hörte als Kind die Erzählungen seines Großvaters über die Schreckenstat. Bei Familientreffen wurden die Zeitungsausschnitte herumgereicht und die Bilder angeschaut. "Da hat man dann nicht sehr gut geschlafen", erinnert sich Reitsberger. "Das war schon ein Verbrechen, das unsere Familie lange bewegt hat."

Über die Jahrzehnte ist aber emotionale Distanz entstanden. Auch für Georg Reitsberger ist es heute eine fast unwirkliche Geschichte wie aus einer anderen Welt. Mit einem ungläubigen Lächeln spricht er über die direkte Art der damaligen "Sensationspresse", Dinge zu beschreiben. Reitsberger bewahrt die Zeitungsartikel alle auf. Das Sterbebild seiner vier Verwandten bildet den Mittelpunkt einer privaten Sammlung mit Hunderten solcher Bilder, die er mittlerweile dem Vaterstettener Rathausarchiv vermacht hat. Aber für Reitsberger ist die Geschichte bis heute auch schmerzhaft. Er hat erfahren, wie sein Großvater selbst auf seinem Sterbebett im Jahr 1974 noch darunter litt, dass das Verbrechen nie hat aufgeklärt werden können.

An der Stelle des abgebrannten Bauernhofs stand bis 1964 eine Kapelle. Sie wurde gegen den Protest der Dorfbewohner abgerissen. Heute steht dort ein Wegkreuz, das die Familie Jakob Schlemmer pflegt. Im Karner der Dorfkirche erinnert eine Gedenktafel an die "durch Mörderhand" gestorbenen Frauen.

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Quelle:
SZ vom 01.08.2019
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