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Kreis und quer:Söders Fachfrau

Kerstin Schreyer war eine kompetente Sozialministerin. An der Spitze des ihr fremden Bau- und Verkehrsministeriums kann sie für den Landkreis noch ganz wichtig werden. Ein schnelles Urteil verbietet der Respekt

Die eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen selbst offen und ehrlich einzuschätzen, ist nicht gerade eine Stärke von Politikern. Doch manch einem gelingt es - auch mit schonungsloser Deutlichkeit. "Ich bin einfach überfordert, wenn Sie jetzt von mir erwarten, dass ich detailliert und zur Sache oder auch in Zügen Richtungen angeben werde." Dieser Satz stammt von Hessens früherem Ministerpräsidenten Walter Wallmann, als er - nach seiner Zeit als Frankfurter Oberbürgermeister - 1986 von Bundeskanzler Helmut Kohl zum Umweltminister berufen wurde, ein Fachfremder, der aus seinem überschaubaren Sachverstand für Umwelt- und Naturschutz keinen Hehl machte. Das muss sich ein Minister erst einmal trauen.

Wird heute ein Kabinett umgebaut oder eine Regierung vereidigt, fühlen sich meist andere berufen, die Qualifikation der neuen Minister zu beurteilen. Meist im Netz, oft mit viel Häme. "Eine echte Fachfrau auf diesem Gebiet!", kommentiert etwa Florian Riegel, Beisitzer im Vorstand der FDP München-Land, die Bestellung der bisherigen bayerischen Sozialministerin Kerstin Schreyer aus Unterhaching zur neuen Ressortchefin für Wohnen, Bauen und Verkehr. Und das ist ganz sicher nicht als Lob gemeint. In diesem Fall könnte man von persönlicher Animosität ausgehen, schließlich war der Unterhachinger Riegel einst CSU-Mitglied, ehe er 2018 zu den Liberalen wechselte. Aber Riegel ist beileibe nicht der einzige im Netz, der die Qualifikation Schreyers im neuen Ressort in Zweifel zieht.

Die neue Verkehrsministerin ist studierte Sozialpädagogin und brachte somit beste Voraussetzungen für das Sozialministerium mit. Ihr Wechsel ins Verkehrsministerium ist dagegen neben Söders Wunsch nach Frauenförderung vielen CSU-typischen Faktoren geschuldet - vor allem dem Regionalproporz. Zum Schaden des Landkreises muss es allerdings nicht sein, dass keine ausgewiesene Verkehrsexpertin künftig das Ressort leitet. Schreyer weiß um die Probleme dieser Region, kennt den alltäglichen Wahnsinn auf den Straßen und an den Bahnsteigen. Und sie hat bereits angekündigt, in ihrem neuen Job den Fokus auf die Heimat zu legen - denn nirgendwo sonst im Freistaat muss die Infrastruktur im öffentlichen Personennahverkehr so dringend ertüchtigt und ausgebaut werden wie im Großraum München. Da schadet es nicht, wenn die Ministerin hier lebt.

Es ist ein Gebot der Fairness, Kerstin Schreyer eine Chance in ihrem neuen Amt zu geben, ihr eine gewisse Eingewöhnungszeit zuzugestehen - und sie letztlich an den Resultaten zu messen. Schon Sekunden nach Veröffentlichung der Personalie die Qualifikation der neuen Verkehrsministerin in Zweifel zu ziehen und in sozialen Medien über sie herzufallen, zeugt von einem geringen Maß an Respekt. 1991 übrigens wurde eine kinderlose Physikerin Bundesministerin für Frauen und Jugend. Drei Jahre blieb Angela Merkel in diesem Amt. Seit bald 16 Jahren ist sie Bundeskanzlerin.

© SZ vom 18.01.2020