Kreis und quer Sensation in der Provinz

Kreispolitk hat manchmal etwas von Pokalspielen: Der Favorit kommt ins Straucheln, weil nicht genügend Stammspieler auflaufen

Kolumne von Stefan Galler

Die Großen in der Liga haben sie alle schon erlebt - die Blamage in der Provinz. Der FC Bayern beispielsweise in Weinheim oder Vestenbergsgreuth. Es ist die absolute Horrorvorstellung für jeden ambitionierten Klub aus der Bel Étage des Fußballs: Du läufst beim Pokalspiel ohne deine großen Stars auf, der unterklassige Außenseiter wächst über sich hinaus und gewinnt - manchmal auch erst im Elfmeterschießen. Hinterher tobt der Kapitän des Starensembles, es folgt eine Krisensitzung, womöglich sogar Proteste der Basis, Trainerrauswurf, das volle Programm.

Am Montag gab es eine solche Sensation in Haar. Nicht auf dem grünen Rasen, sondern im Festsaal des Bürgerhauses. Denn der Kreistag war wieder mal vom Mariahilfplatz aus der City aufs Land ausgewichen. Die Rolle des strauchelnden Favoriten übernahm die CSU-Fraktion. Einziger Unterschied zum Fußball: einen Trainer gibt's in der Kreispolitik nicht.

Aber offenbar eine gewisse Überheblichkeit. Denn eigentlich wäre die Abstimmung über die Errichtung einer Entlastungsstraße in Gräfelfing reine Formsache gewesen. Sozusagen ein lockerer Favoritensieg. Doch die Lücken im Aufgebot ließen sich eben nicht kompensieren: Den Christsozialen fehlte im Angriff ihr Landtagsabgeordneter Ernst Weidenbusch, die beiden Ehrenspielführer - Bundestagsabgeordneter Florian Hahn und die bayerische Sozialministerin Kerstin Schreyer - ließen sich ebenfalls wegen anderweitiger Pflichten entschuldigen. Der Jungstar im Mittelfeld, Kirchheims Bürgermeister Maximilian Böltl? War auch nicht da. Dazu vermisste man eine Reihe weiterer Leistungsträger wie die Rathauschefs Grünwalds, Jan Neusiedl, Hohenbrunns, Stefan Straßmair, oder Unterschleißheims ehemaligen Bürgermeister Rolf Zeitler sowie Anton Stürzer, Kreisobmann der Landwirte. Sie alle sorgen in diesem Ensemble zwar selten für Kabinettstückchen, heben aber in brenzligen Situationen im richtigen Moment die Hand und stellen damit den politischen Gegner ins Abseits.

Nun gut, auch der Kontrahent war nicht mit voller Kapelle angetreten, so musste bei den Roten etwa Bayern-Chefin Natascha Kohnen krankheitsbedingt passen. Aber die Ausfälle hielten sich in Grenzen. Und deshalb wurde es am Ende so knapp. Erst nach dem zweiten Zählen war die Überraschung perfekt, die Gräfelfinger Straße gekippt. Und SPD, Grüne und FDP jubilierten über ihren Coup, während der Landrat vor sich hin grummelte, schließlich träumt der frühere Gräfelfinger Bürgermeister Christoph Göbel schon seit vielen Jahren von einer Anbindung des Gewerbegebietes an die A 96.

Derlei überraschende Abstimmungsergebnisse könnte es auch in Zukunft geben, denn die lokalen Stars der CSU wollen sich auch 2020 wieder in den Kreistag wählen lassen. Große Namen ziehen eben, das gilt für den Sport ebenso wie für die Politik. Wenn man es dann auch noch schafft, deren Stärke regelmäßig auf den Platz zu bekommen, sind Sensationen so gut wie ausgeschlossen.