Kreis und quer Schaum drüber!

Bei all den Starkbierfesten versuchen inzwischen Vereine und Kommunen, Alleinstellungsmerkmale zu finden

Kolumne von Udo Watter

Wenn sich in unserer konsumfreudigen Gesellschaft etwas als erfolgreich erweist, dann wird es oft schon nach kurzer Zeit bis zum Saufuttern angeboten. Bier saufen zum Beispiel ist sehr erfolgreich. Klar, der Genuss unter- und obergäriger Getränke ist bereits seit Urzeiten beliebt und im erfolgreichsten Freistaat der Welt prägt Bier als Kulturphänomen schon lange den Jahreszyklus. Relativ neu ist allerdings, dass die mit der Kulturtechnik des Saufens verbundenen Traditionen immer flächendeckender gefeiert, die Intervalle zwischen den Festlichkeiten immer kürzer und die Trachtendichte immer höher wird.

Derzeit etwa verteilen landauf, landab Starkbierredner ihre verbalen Doppelbockfotzn. In den ersten Reihen sitzen dann die örtlichen Politiker und oszillieren zwischen Hopfen und Bangen, ob sie auch ja schön derbleckt werden. Derblecken. Ein Wort, wie aus Bierschaum geboren - auch wenn die etymologische Herkunft wohl banaler ist: Beim (Aus-)Lachen bleckt man die Zähne, davon soll sich "Derblecken" ableiten. Das für seine Schlagbohrmaschinen bekannte Unternehmen Black & Decker hat damit übrigens nichts zu tun.

Nun, Schaum drüber. Zwischen Kehraus und Ostern präsentieren sich jedenfalls im Bierdunstkreis des Nockherbergs, der Wiege aller Starkbieranstiche, viele Nachahmer, auch im Landkreis München. Das ist gut so, warum sollen nur Größen wie Söder, Aiwanger oder Scheuer abgewatscht werden und nicht auch der Ismaninger Bürgermeister, der Taufkirchner Gemeinderat oder Landrat Christoph Göbel? Bockbier sowie rhetorische Scharfzüngigkeit sind unabdingbare Ingredienzen einer solchen Veranstaltung, aber man kann natürlich das Profil durch Zusatzangebote oder ein Alleinstellungsmerkmal schärfen.

In Garching etwa hat der Heimatverein beim Starkbierfest neben süffigen Getränken vor kurzem auch die altbayerische Sportart des Steinhebens angeboten. In Haar, wo es den Starkbieranstich erst seit drei Jahren gibt, haben sich die Schwuhpattler präsentiert, schwule Schuhplattler, und die Gruppe "Drei Männer mit Gitarre" hat virtuos gefrotzelt. In Aying gibt's Ende März ebenfalls Musikkabarett, aber hier ist der Star wohl das hauseigene Produkt der örtlichen Brauerei: der vielfach prämierte "Celebrator".

Wer indes keinen Bock hat, so eine Veranstaltung Starkbierfest zu nennen, kann es so schlau machen wie die UWV (Unabhängige Wählervereinigung) in Feldkirchen. Die sagen dazu einfach: Radi-Essen. Bockbier und kabarettistisches Kraftmeiern gibt es bei der Veranstaltung im Ludwig-Glöckl-Haus an diesem Samstag natürlich auch. Aber man hebt sich nominell heraus aus der Masse der Anstiche. Zudem zeitigt das mit dem Radi einen gesunden Nebeneffekt: Der Radi, hochdeutsch Rettich, ist gut für die Verdauung. Noch wichtiger: Rettichsaft gilt aufgrund der enthaltenen Bitterstoffe als bewährtes Volksmittel gegen Gallen- und Leberbeschwerden. Wer sich also heftig beschimpft fühlt oder zu viel Bockbier erwischt hat, kann das mit Radisaft stante pede wieder ins Lot bringen.