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Kreis und quer:Satire ist kein Freibrief

Worüber wir lachen, wird in unserem Gehirn entschieden. Die Grenzen zwischen Humor und Hetze sind indes fließend

Über Humor lässt sich streiten. Was der eine lustig findet, ist für den anderen nur langweilig oder peinlich, und worüber der erste brüllend lachen muss, kann der zweite nicht einmal müde grinsen. Das liegt daran, dass fürs Lachen nicht nur Stimmbänder, Zwerchfell und Gesichtsmuskulatur zum Einsatz kommen, sondern ein kompliziertes Zusammenspiel von linkem Stirnlappen und Mandelkern im Gehirn, wobei zusätzlich innere Einstellungen und Charaktereigenschaften eine Rolle spielen. Deshalb findet die eine Sorte Mensch den Satiriker Jan Böhmermann großartig, während sich die andere Sorte bei Mario Barth auf die Schenkel klopft.

Insofern wird es auch Menschen geben, die über zwei mehr als schlechte Scherze gelacht haben, welche diese Woche im Landkreis und über den Landkreis hinaus Aufmerksamkeit erregten: ein rassistischer Facebook-Post des AfD-Kreisverbands über das Nürnberger Christkind und ein Kondom-Plakat mit Fotos von Grünen-Politikern, das ein Mitglied der Bayernpartei in seinem Geschäft in Unterhaching an die Wand gepinnt hat. Und deshalb gibt es auch Menschen, die die Empörung über beide Schmähungen nicht verstehen, ja die sich sogar ihrerseits über die Empörten empören, die ihnen vorschreiben wollten, worüber sie lachen dürften. Sind der Post und das Poster nicht Satire?

Zur Beantwortung dieser Frage trifft es sich gut, dass diese Woche der ZDF-Komiker Oliver Welke an der Ludwig-Maximilians-Universität in München war, wo er vor 1500 Zuhörern der Frage nachging: Was kann Satire und was darf Satire? Diese Frage ist ja keineswegs beantwortet, seit Kurt Tucholsky vor genau 100 Jahren sagte: Alles! Das hat die Diskussion um das Schmähgedicht von Böhmermann über den türkischen Präsidenten Erdoğan gezeigt. Um es mit Welke zu sagen: Jenseits von Beleidigungen, Volksverhetzungen und Morddrohungen könne Satire selbstverständlich alles sagen. Das ist auch der Grund, warum der Christkind-Post und das Kondom-Plakat eben keine Satire sind. Satire ist kein Freibrief für Hetze gegen Menschen.

Der AfD-Post benutzt in schlimmster Stürmer-Art Herkunft und Aussehen des Nürnberger Christkinds, um gegen Migranten zu hetzen, und das Plakat in einem Unterhachinger Copyshop ist spätestens seit den Morddrohungen gegen Grünen-Politiker nicht nur geschmacklos, sondern gefährlich. Dass sich sogleich Tausende mit dem 17-jährigen Mädchen aus Nürnberg solidarisierten und die Absender des Hetzpostings in die Schranken wiesen, ist die erfreuliche Erfahrung in dieser Woche. Erfreulich wäre auch, wenn die öffentliche Empörung bei den Verantwortlichen tatsächlich einen Lerneffekt hätte, wie es die AfD-Kreisvorsitzende Christina Specht behauptet: Der Verfasser des Posts habe seinen "schlimmen Fehler" eingesehen und entschuldige sich dafür, er halte das Nürnberger Mädchen mittlerweile für ein "Vorzeige-Christkind". Möge es so sein.