Kreis und querPost-electorale Tristesse

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Nach dem Urnengang vor einer Woche befinden sich wohl einige Landkreisbürger in einer Phase der Nach-Wahl-Melancholie. Jetzt hat die Natur ihr Herbstkleid aus dem Schrank geholt, das stimmt auch melancholisch, aber auf angenehme Weise

Kolumne von Udo Watter

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Wer lange auf ein großes Ereignis hin fiebert, fällt danach oft in eine gewisse Leere. Selbst wenn sich die Erwartungen erfüllen, dräut das Phänomen der Erfüllungsmelancholie: Sie stellt sich ein, weil alles Sinnstiftende in ein Ereignis mündete, das für ein paar Stunden die Gegenwart in ein aufregendes Drama verwandelte, alsbald aber doch Opfer der Vergänglichkeit wird. Der Wahlsonntag, Kulminationspunkt der vergangenen Wochen und Monate, ist jetzt auch schon wieder ein paar Tage her.

Während wir auf das Zeitalter der Postpandemie wohl noch eine Weile warten müssen, dürften sich nun einige Menschen in einer Phase der Nach-Wahl-Melancholie befinden, quasi Post-Election-Tristesse. Auf eine Phase der Erregung, vor allem der medial befeuerten, folgte die Erfüllung (oder auch Nicht-Erfüllung) der Begierden, jedenfalls ein Ergebnis, mit dem es zu leben und umzugehen gilt - für die Kandidaten wie auch die Wählerinnen und Wähler. Die gehörten ja dank der Ausübung ihres Stimmrechts auch ein bisschen zu den Akteuren so eines Tages. Die Menschen im Landkreis München waren in dieser Hinsicht sogar aktiver als alle anderen in der gesamten Republik. Und so sehr es man hier gewohnt ist, die Nummer eins zu sein - das ist doch ein bemerkenswerter Erfolg.

Im Prinzip geht das Drama ja ohnehin weiter, auf politischer Ebene, wenn auch ohne großen Showdown, sondern in kleineren Schritten alias Sondierungs- und Koalitionsgesprächen. Auf die Parteien, die traditionell im Isartal stark sind, wo mit Baierbrunn mal wieder der Primus bei der Wahlbeteiligung liegt (sagenhafte 90,8 Prozent), wird es dabei besonders ankommen: Grüne und FDP.

Die Zukunft gestalten, das Land modernisieren - noch nie gab es, laut den Liberalen, mehr zu tun als jetzt. Ob der Satz historisch gesehen richtig ist oder nicht - zu tun gibt es natürlich immer was. Und für die meisten Politiker gibt es in der Tat auch keine Zeit zum Ausruhen, keine Zeit, einen Sieg zu genießen, keine Zeit, Wahlkampf-Wehmut zuzulassen. Die Menschen im Raum München, die so eifrig zur Wahl gegangen sind, erwarten das natürlich auch von ihnen: mit voller Energie Deutschland zukunftsfähiger zu machen. Hinter der hohen Wahlbeteiligung steht offenbar ein großes Vertrauen in die Politik, konstruktiv zu gestalten und - wie es oft heißt - den Wohlstand im Land zu erhalten. "Man wendet sich nicht ab, sondern will die Zukunft liebens- und lebenswürdig halten", urteilt der Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung der Ludwig-Maximilians-Universität, Werner Weidenfeld, der in Neuried lebt. Er sieht darin auch eine wachsende Zukunftsangst, die aber eben nicht in Resignation mündet, sondern zum Handeln motiviert. Die Menschen hier haben viel zu verlieren, neben dem Wohlstand spielt auch die schöne, gefährdete Natur vor der Haustür eine Rolle. Die fängt gerade an, ihr Herbstkleid zu tragen - das stimmt zwar auch ein bisserl melancholisch, ist aber wunderschön.

© SZ vom 02.10.2021 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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