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Kreis und quer:Pausenbrot mit Mundschutz

Manche Eltern wünschten, sie würden in Island leben. Dort gehen die Kinder ganz normal zur Schule. In Bayern dagegen sind sie mit vielen Verboten belegt

Ein Grundschüler geht ohne Maske auf die Toilette. Auf dem Gang begegnet ihm die Rektorin, die ihn vehement aufhält und sagt: "Zieh sofort deine Maske auf, sonst hole ich die Polizei!" Ein älterer Lehrer sitzt vor seiner Klasse mit 13-Jährigen, die alle Mundschutz tragen. Er sagt: "Corona ist wie die Pest. Ihr seid die Pestratten, vor denen ich mich schützen muss." Ein Junge sieht auf dem Schulweg endlich seinen Freund wieder und will auf ihn zu rennen. Doch bevor er ihn begrüßen kann, stellt sich dessen Vater vor ihn und ruft: "Abstand!"

Diese Geschichten hat ein Vater in seinem Bekanntenkreis gesammelt. Wie andere Eltern ist er entsetzt davon, wie sich der Schulalltag jetzt darstellt. "Werden aus unseren Kindern lauter Soziopathen?" fragt er sich besorgt. Es tut ihm in der Seele weh, seinen Kindern so etwas zumuten zu müssen. Auch Eltern aus Hohenbrunn leiden mit ihren Kindern angesichts der Misere. Nach Monaten ganz ohne Schule, in denen sie die Lehrer ersetzen mussten und nebenbei noch im Home-Office ihrem Beruf nachgehen, trotz der psychischen und finanziellen Belastungen den Familienfrieden aufrecht erhalten und den Kindern so etwas wie Geborgenheit vermitteln, müssen sie ihr Liebstes jetzt in eine manchmal schreckliche Welt schicken, in der den Kindern vermittelt wird, dass sie gefährlich und ansteckend sind. Die Kinder müssen auf dem Schulhof in verschiedenen Ecken stehen, natürlich mit Maske, so der zitierte Vater. Sie dürfen ihr Pausenbrot nur alleine essen und dafür den Mundschutz nicht abnehmen, sondern nur hochschieben. Sie sitzen alleine und ohne einen Schulfreund neben sich an Tischen, die Lehrer machen nur noch Frontalunterricht wie in uralten Zeiten.

Ob die Kinder aber wirklich so ansteckend und gefährlich sind, ist ungewiss. Da wünschen sich so manche Eltern sicher, sie würden in Island leben. Dort gehen die Kinder ganz normal wieder in die Schule, ohne allen Abstand. Denn dort hat man herausgefunden, dass noch nie ein Kind einen Erwachsenen angesteckt hat, nur umgekehrt. Die Hohenbrunner Eltern versuchen nun, sich Gehör zu verschaffen. Die Gemeinderätin Pauline Milller (Bürgerforum) und die Ärztin Katharina Steinmann haben eine Petition beim Bayerischen Landtag eingereicht, für die sie nach eigenen Angaben online mehr als hundert Unterschriften gesammelt haben. Sie fordern, die Schulen sofort wieder ganz normal zu öffnen.

Diese Eltern glauben, dass die derzeitige Situation ihren Kindern nicht gut tut und dass der eingeschränkte Schulbetrieb in keinem Verhältnis zu den möglichen Gefahren von Covid-19 steht. Die Petition wird laut einer Sprecherin des Landtags am 2. Juli im Bildungsausschuss behandelt werden. Das sind ja nur noch einmal fast vier Wochen, wo ist das Problem? Und wie effektiv die Diskussion in einem Bildungsausschuss sein wird, kann man sich auch gut vorstellen. Inzwischen tut jeder vertane Schultag Eltern und Kindern in der Seele weh.

© SZ vom 06.06.2020
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