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Kreis und quer:Müllers Last und Hahn im Glück

Das Los hat die CSU im Landkreis vor Schlimmerem bewahrt. Ihren Umgang mit der AfD sollte sie trotzdem klären

Dass Florian Hahn Fritz Müller kennt, ist unwahrscheinlich. Aber wenn der CSU-Kreisvorsitzende von München-Land dieser Tage von dem Sozialdemokraten aus dem Erlanger Land gehört oder gelesen haben sollte, dann dürfte ihm ein kalter Schauer über den Rücken gelaufen sein. Denn es hat nicht viel gefehlt und Hahn wäre unlängst in derselben Lage gewesen wie der SPD-Kreisvorsitzende aus Mittelfranken. Dort hat sich nämlich ein Genosse mit den Stimmen der AfD zum Zweiten Bürgermeister von Höchstadt wählen lassen. Fritz Müller, der dortige SPD-Chef, stand daraufhin vor der undankbaren Aufgabe, seinen Parteifreund entweder zum Rücktritt vom Amt oder zum Austritt aus der Partei zu überreden.

Was das mit Florian Hahn und der CSU im Landkreis München zu tun hat? Nun, vor ein paar Wochen wäre in Unterschleißheim der CSU-Mann Stefan Krimmer um Haaresbreite mit AfD-Stimmen zum Stellvertreter von SPD-Bürgermeister Christoph Böck gewählt worden. Nur das Losglück wollte, dass es nach zwei Wahlgängen, die mit Stimmengleichheit endeten, der Grüne Tino Schlagintweit wurde. Wäre es anders ausgegangen, hätten die Kreis-CSU und ihr Vorsitzender Hahn einen Skandal à la Thüringen an der Backe, wo der FDP-Politiker Thomas Kemmerich für wenige Tage mit Hilfe der AfD Ministerpräsident war. Hahn hätte dann wohl nicht anders gekonnt, als seinen Parteifreund Krimmer zum Rücktritt aufzufordern oder ein Parteiausschlussverfahren einzuleiten.

Bis heute hat sich Krimmer um eine Klarstellung gedrückt, ob er die Wahl mit AfD-Stimmen und Losglück angenommen hätte, stattdessen geriert er sich als Opfer eines rot-grünen Komplotts unter Beistand der Glücksfee. Im CSU-Ortsverband ist von einer hypothetischen Diskussion die Rede und der Kreisverband schweigt zu alledem. Dafür hat sich diese Woche immerhin Patrick Seibert, der Ortsvorsitzende der Jungen Union in Unterschleißheim und Kreisvorsitzende der Arbeitnehmerunion, als erster öffentlich klärend zu Wort gemeldet. In einer Pressemitteilung erkennt er nicht nur an, dass der Wahl des Kandidaten von SPD, Grünen und ÖDP ein "fairer und demokratischer Prozess" zu Grunde liege, sondern stellt dazu auch fest: "Das ist gut so!" Denn: "Wäre das Los auf den CSU-Vorsitzenden gefallen, würden wir hier eine Debatte alla Thüringen führen."

Das stimmt - trotz des Rechtschreibfehlers. Doch so einfach sollte man die CSU nicht davon kommen lassen. Sie ist nämlich ebenso wie die Höchstadter SPD sehenden Auges ins drohende Unheil gelaufen. Offenbar wurde sowohl im Ortsverband wie auch im Kreisverband versäumt, sich für den Fall einer Wahl mit AfD-Stimmen eine Exit-Strategie zu überlegen. In Höchstadt hatte SPD-Kreischef Fritz Müller die Genossen immerhin - wenn auch vergeblich - vorher gewarnt. Vielleicht wäre es gut gewesen, wenn Florian Hahn Fritz Müller doch gekannt und vielleicht sogar gesprochen hätte.

© SZ vom 30.05.2020
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