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Kreis und Quer:Lebensfreude Secondhand

Obgleich die Volksfeste abgesagt sind, könnte es im Landkreis bald wieder feiertechnisch abgehen - und auch manch Nichtgeimpfter sich darüber freuen

Von Claudia Wessel

Es ist "nix los". Dieses Urteil kennt wohl jeder noch aus seiner Jugend, und man kann sich vorstellen, dass es auch heute noch via Handy-App von einem Jugendlichen zum anderen verschickt wird. Etwa wenn der eine schon angekommen ist am Ort des Events, der andere aber noch überlegt. "Was geht?", fragt man dann vielleicht heutzutage, und eine Antwort kann lauten: "Nix los."

Was aber bedeutet es, wenn doch "was los" ist? In der Disco anno Asbach, heute wohl eher Club genannt, war was los, wenn es knackvoll war. Wenn sich auf der Tanzfläche eine unübersichtliche Menge tummelte, wenn die Schlange vor dem Türsteher endlos war und immer wieder neue Gäste reinkamen, wenn das Kontaktpotenzial somit immer weiter stieg und man nie wusste, was noch alles passieren konnte an dem Abend.

Was los ist auch auf der Wiesn oder auf Volksfesten, wenn es eng wird, wenn die Übersicht verloren geht, wenn der Austausch an Menschen so groß wie möglich ist. Wenn alle Sitzplätze belegt sind, die Bar vor Gedränge kaum erreichbar ist und wenn sich eine Art Wahnsinn im besten Sinne ausbreitet. Wenn zum Beispiel beim Stauchartinger Anna-Fest Tausenden von Menschen aufgebrezelt und in freudiger Erwartung in den Sauerlacher Wald streben. Oder sich Teenager-Mädchen frisch gestylt und aufgeregt zur Ayinger Bräukirta begeben.

Dass etwas los ist, genießen aber nicht etwa nur die, die sich aktiv beteiligen. Nicht nur die, die mitten auf der Tanzfläche rocken, nicht nur die, die mit jedem ein Gespräch anfangen und sich gerne einbringen. Ein Genuss ist solches Treiben oft auch für die, die sich quasi in die Aura des Wahnsinns begeben, ohne selbst beteiligt zu sein. Menschen etwa, die selbst nicht mehr zum Volksfest gehen, es aber schön finden, dass es stattfindet. Dass in der Gemeinde "was los" ist, dass es brodelt vor Leben. Dass sie hingehen könnten, wenn sie wollten.

Leider war solcher positiver Wahnsinn in Menschenmengen seit ewigen Zeiten nirgendwo zu finden. Gähnend leere Straßen und Verkehrsmittel, ebensolche Freischankflächen, nachts sowieso alles komplett ausgestorben. Und dann sind jetzt auch noch wieder alle Volksfeste im Landkreis abgesagt.

Seit vergangenem Donnerstag aber besteht Hoffnung darauf, dass es bald wieder richtig brodelt im Landkreis. Vollständig Geimpfte dürfen nachts vor die Tür, die Ausgangssperre gilt nicht mehr für sie, ebenso zählen sie nicht mit als Kontaktpersonen. Die Plätze können sich nun also wieder füllen, an all den kommenden langen Sommerabenden können zum Beispiel die Grünwalder Geimpften den Rathausplatz einnehmen und die Pullacher Geimpften auf dem Kirchplatz abhängen. Auch die Zaungäste, die Nicht-Geimpften (noch nicht oder nie aus Überzeugung) kriegen dann immerhin wieder ein bisschen Second-Hand-Lebensfreude geliefert.

© SZ vom 08.05.2021
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