Kreis und Quer:Im Angriff kaum präsent

Toni Hofreiter meidet seinen Heimat-Landkreis vor der Bundestagswahl fast schon demonstrativ. Im Fußballer-Duktus gesprochen: Der Grüne überschreitet zu selten die Mittellinie und verpasst dadurch womöglich eine historische Chance

Kolumne von Stefan Galler

Jens Jeremies, früherer Fußball-Nationalspieler und als Ottobrunner übrigens Bürger des Landkreises München, war in seiner aktiven Zeit ein Freund klarer regionaler Zuteilungen: In einem Champions-League-Spiel gegen Arsenal hat er einst den französischen Mittelfeldspieler Patrick Vieira heftig aus den Socken gegrätscht. Als der Franzose wieder aufstand, soll Jeremies mit Blick auf die Mittellinie gesagt haben: "Kommst du drüber, macht es aua! Hier drüben aua, da drüben gut!"

Es ist nicht überliefert, ob Toni Hofreiter, wie Jeremies in dessen aktiver Zeit bekanntlich kein Freund von Friseurbesuchen, von irgendjemandem eine ähnliche Ansage bekommen hat. Auffällig ist aber, dass der Fraktionssprecher der Grünen im Bundestag sein angestammtes politisches Territorium vor der Bundestagswahl fast schon demonstrativ meidet. Er ist der Direktkandidat der Öko-Partei im Landkreis München, Wahlkampftermine mit dem Sauerlacher gibt es hierzulande jedoch kaum. Am kommenden Dienstag etwa schlägt der Verkehrsexperte in Vaterstetten auf - haarscharf an der Landkreisgrenze -, aber eben doch auf Ebersberger Terrain. Hofreiter will dem dortigen Direktkandidaten Christoph Lochmüller ein bisschen Anschubhilfe leisten.

Die Mittellinie, um im Jeremies-Duktus zu bleiben, überschreitet Hofreiter in der heißen Phase des Stimmenfangs nur einmal, am nächsten Mittwoch kommt er ins Kubiz nach Unterhaching. Nicht ganz überraschend bezeichnen die Landkreis-Grünen den Auftritt auf ihrer Homepage als "Wahlkampfhöhepunkt".

Schon klar, dass der promovierte Biologe wegen seiner bundespolitischen Bedeutung überall im Land gefragt ist und auch sein neuerlicher Einzug ins Parlament als Zweiter der bayerischen Grünen-Liste außer Zweifel steht. Vielleicht aber lässt Hofreiter wegen anderer Prioritäten und diesem Fernbleiben, das auf den ein oder anderen potenziellen Wähler gar wie eine Geringschätzung wirken könnte, auch eine historische Chance aus: Das Direktmandat im Landkreis München zu holen gegen den CSU-Abgeordneten Florian Hahn, der wegen eines gebrochenen Zehs humpelt, als hätte ihn der eisenharte Jeremies in Strafraumnähe weggeflext, und dennoch von einem regionalen Termin zum anderen eilt, Klinken putzt und an Ständen mit den Bürgern diskutiert. Und so würde ein Sportreporter wohl schreiben: Der Gegner ist im Angriff kaum präsent, Hahn dürfte seinen Vorsprung routiniert über die Zeit bringen.

© SZ vom 11.09.2021
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